LOS ANGELES / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Klage in Kalifornien wirft dem Bindenhersteller Carefree vor, den Stoff PFOA enthalten zu haben. Die Klägerinnen behaupten, der „forever chemical“-Marker habe über längere Tragezeiten in empfindliches Gewebe gelangt und sie über Jahre hinweg mehrfach belastet. In der Klageschrift wird zudem unterstellt, Unternehmen hätten entsprechende Tests billig durchführen können, aber das Risiko nicht transparent gemacht. Außerdem wird Gelson’s als Vertriebspartner mit in die Verantwortung genommen, während Schadensersatzforderungen auf eine abschreckende Wirkung zielen.

Die Debatte um PFAS und sogenannte „Forever Chemicals“ bekommt mit einer neuen Klage in Kalifornien eine zusätzliche, sehr konkrete Verbraucherperspektive: Es geht um das Hygieneprodukt Carefree, also Einlagen für den Intimbereich. In dem Verfahren vor dem LA County Superior Court stehen dabei nicht nur mögliche Gesundheitsfolgen zur Diskussion, sondern auch der Vorwurf, mögliche Kontaminationen seien nicht ausreichend offengelegt worden. Klägerinnen berichten in der Klageschrift von Erkrankungen und weiteren Beschwerden, die sie in einen Zusammenhang mit dem Einsatz des Stoffes PFOA stellen.
Technisch und chemisch betrachtet ist PFOA ein Vertreter der PFAS-Gruppe, also von per- und polyfluorierten Chemikalien, die wegen ihrer Struktur besonders stabil sind. Genau diese Persistenz macht sie so problematisch: Laut Klage soll PFOA über Jahre hinweg in der Umwelt und im menschlichen Körper verbleiben. Die Einordnung der Risiken basiert auf einer über viele Jahre gewachsenen wissenschaftlichen Literatur, die PFOA-Exposition unter anderem mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Krebsarten in Verbindung bringt; genannt werden in der Klageschrift insbesondere Nieren- und Hodenkarzinome sowie weitere schwere Gesundheitsprobleme.
Im Zentrum der Vorwürfe steht jedoch nicht nur die Existenz des Stoffes, sondern auch die konkrete Expositionsidee. Die Klägerinnen geben an, sie hätten Carefree-Binden regelmäßig getragen und die Produkte seien dabei „sustained contact“ mit vulvär- und perinealem Gewebe ausgesetzt gewesen. In der Argumentation wird dieses Gewebe als durchlässig und zugleich gut durchblutet beschrieben, sodass ein aus dem Material aufgenommenes Molekül in den Blutkreislauf gelangen könne. Die Klageschrift führt außerdem aus, dass manche Frauen die Einlagen zeitweise zehn Stunden oder länger getragen hätten und über Jahre hinweg „hunderten oder sogar tausenden“ Kontakttagen ausgesetzt gewesen seien.
Welche gesundheitlichen Konsequenzen die Klägerinnen für sich anführen, ist in der Klage breit gefächert: Genannt werden unter anderem Brust-, Eierstock- und Nierenkrebs, außerdem Schilddrüsenerkrankungen, chronische Entzündungen, Infektionen, hoher Cholesterinspiegel und Störungen des Immunsystems. Andere Betroffene sollen laut Klage zudem eine reduzierte Fruchtbarkeit oder Infertilität erlebt haben. Wichtig ist dabei die prozessuale Einordnung: In dem Dokument werden diese Ereignisse als Folgen der behaupteten PFOA-Belastung dargestellt, die rechtliche Prüfung des Zusammenhangs bleibt aber eine Frage des Gerichts und der Beweisaufnahme.
Neben der Gesundheitskomponente adressiert die Klage auch das Thema Transparenz und Produktverantwortung. Es wird laut Klageschrift behauptet, die Hersteller hätten die angebliche Kontamination gezielt verschleiert, obwohl ihnen Zugang zu kostengünstigen Tests möglich gewesen wäre und sie zudem PFAS-freie Alternativen herstellen könnten. Ebenso heißt es in der Klageschrift, die Unternehmen hätten den Stoff PFOA nicht offen deklariert: Er sei laut Text auf keinem Etikett, in keiner Zutatenliste und nicht in Werbung oder Verbraucherkommunikation erschienen. Gerade in regulierten Konsummärkten wie Hygiene- und Gesundheitspflege entscheidet jedoch häufig die Frage, wie verlässlich Information bis zum Endverbraucher gelangt und wie sich Hersteller im Verdachtsfall verhalten.
Für die juristische Stoßrichtung ist zudem der zeitliche Rahmen bedeutsam. Laut Klage sollen die Unternehmen am 6. Februar 2024 Hinweise erhalten haben, dass PFOA in Carefree-Produkten nachgewiesen wurde, aber die Verkäufe dennoch fortgeführt haben. Dabei geht es auch um die Kalenderlogik neuer Regeln in Kalifornien: Die Klage behauptet, die Firmen hätten in Kalifornien nach dem 1. Januar 2025 weiter verkauft, obwohl ein gesetzliches Verbot für absichtlich zugesetzte PFAS in bestimmten Textilien in Kraft getreten sein soll. Unabhängig davon, ob sich diese Behauptung im Prozess bestätigt, zeigt der Fall, wie eng Produktchemie, Lieferkettenkontrolle und regulatorische Übergangszeiträume ineinandergreifen.
Auch der Vertrieb wird in der Klageschrift adressiert. Gelson’s, eine gehobene Lebensmittelkette mit Sitz in Los Angeles, wird laut Einlassung als Beklagter genannt, weil das Unternehmen die Produkte verkauft haben soll. Für die Klägerinnen sind außerdem die Zielgrößen der Forderungen klar: Sie verlangen laut Klage punitive damages, also Strafschadensersatz, der im Prozess eine abschreckende Wirkung für Hersteller erreichen soll. Solche Schadensersatzmodelle sind im Verbraucherrecht besonders relevant, weil sie über die reine Kompensation hinausgehen und damit die Anreizstruktur für Produkt- und Compliance-Entscheidungen verändern können.
Für Unternehmen, die Hygieneprodukte oder chemisch sensible Konsumgüter herstellen, berührt der Fall daher weniger nur die Schlagzeilen über einzelne Wirkstoffe, sondern vor allem den operativen Kern: Wie werden Rohstoffe geprüft, wie werden Chargen dokumentiert und wie schnell lassen sich Nachweise liefern, wenn sich Hinweise auf Kontamination ergeben? Wenn PFAS-Substanzen in den Fokus geraten, entsteht in der Praxis oft ein Spannungsfeld zwischen Laborkapazitäten, Testfrequenz und Lieferketten-Transparenz. Und gerade weil die Chemie stabil ist, kann ein einmal gefundenes Risiko in der Kommunikation und im Markenrisiko lange nachwirken, selbst wenn Hersteller später die Formulierung anpassen.
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