LONDON (IT BOLTWISE) – Die Gründung von Koralls begann aus persönlicher Not: Nach Fehlgeburt und Schilddrüsenunterfunktion kämpfte die Gründerin mit starkem Haarausfall und suchte nach Alternativen. In „Die Höhle der Löwen“ überzeugte sie mehrere Investoren mit ihrem Haaröl, das auf 17 Pflanzenölen basiert. Andreas Herb und Judith Williams entschieden sich für ein gemeinsames Vorgehen, doch daraus ist bislang kein formaler Investment-Deal geworden. Laut der Gründerin braucht das Produkt aktuell noch etwas Zeit und Entwicklungssupport.

Was auf den ersten Blick wie ein typischer „Deal in der Show“-Moment wirkt, entpuppt sich bei Koralls als Lehrstück dafür, wie schnell aus einem überzeugenden Pitch trotzdem ein zähes Nachspiel werden kann. Die Kölner Gründerin Kaschma Bakhtiar stellte in „Die Höhle der Löwen“ ihr Haaröl-Startup Koralls vor und gewann dabei gleich mehrere Investoren für sich. Der Kern des Geschäftsmodells: ein aufwendig komponiertes Haaröl, entwickelt aus ihrer eigenen Erfahrung mit Haarausfall und einem konkreten Alltagshandicap, das sie erst nach einem medizinischen Hinweis und dessen Einschränkungen wirklich adressieren konnte. Die Besonderheit liegt weniger in der Idee „Beauty gegen Haarausfall“, sondern in der Verbindung aus persönlicher Problemstudie, Rezeptur-Entwicklung und der Frage, wie daraus ein skalierbares Markenprodukt wird.
Technisch betrachtet ist die Ausgangslage ein klassisches Produkt-Problem: Eine Gründung entsteht oft dort, wo ein bestehendes Produkt für eine Zielgruppe nicht passt. Bakhtiar beschreibt, dass sie nach einer Fehlgeburt im Jahr 2020 unter einer Schilddrüsenunterfunktion litt und der daraus resultierende Stress sich in massivem Haarausfall zeigte. Ihr Arzt habe Minoxidil-Schaum empfohlen, allerdings mit einem wichtigen Haken für Frauen mit Kinderwunsch und stillende Frauen: Das Mittel enthalte den blutdrucksenkenden Wirkstoff Vasodilatator. Damit war für Bakhtiar der Weg frei für eine alternative Lösung, bei der sie nicht „irgendein Öl“ suchte, sondern etwas, das für ihre Situation plausibler anwendbar ist. Die daraus abgeleitete Rezeptur setzt auf 17 Pflanzenöle, darunter Kokos-, Argan- und Rosmarinöl, und orientiert sich laut Gründerin an traditionellen Schönheitsritualen verschiedener Kulturen. Für die Produktentwicklung bedeutet das: Es braucht eine konsistente Wirkstoffbasis, aber vor allem auch eine nachvollziehbare Qualitätssicherung, damit der Effektversprechen-Teil nicht an Chargenschwankungen scheitert.
Im TV-Pitch zeigte sich zudem, wie stark die Investoren nicht nur am Produkt, sondern an der Vermarktungslogik hängen. Bakhtiar testete die Ölmischung zunächst selbst und führte so im privaten Rahmen das erste Wirksamkeits- und Verträglichkeitsgefühl zu ihrem eigenen Entscheidungsprozess. In der Show wurde der Öltest dann zum sozialen Beleg: Unternehmer Andreas W. Herb ließ sich als Produkttester einbinden, während Judith Williams die Gründerin bei der Präsentation im Blick behielt. Dabei ging es offenbar nicht um „wissenschaftliche Studien“ im engeren Sinn, sondern um eine Kombination aus Textur, Anwendungserlebnis und Duftwirkung, die in der Show als gut ankam. Gleichzeitig wurde in der Folge ein unternehmenspraktisches Thema sichtbar: Bakhtiar arbeitete lange als „One-Woman-Show“, kümmert sich also um nahezu alles – von der Verpackung über den Kundenservice bis zum Versand. Dass sie zur Zeitpunkt der Aufzeichnung rund 38.000 Follower auf Instagram hatte und bereits 320.000 Euro Umsatz erzielt, zeigt Wirkung in der Nachfrage, aber auch Grenzen in der Betriebs- und Teamfähigkeit.
Genau an dieser Schnittstelle setzt die Markt- und Umsetzungsfrage an. Andreas Herb und Judith Williams boten in „Die Höhle der Löwen“ ein gemeinsames Paket an, begründet vor allem mit Geschwindigkeit: Beide wollten jeweils 15 Prozent der Unternehmensanteile und versprachen damit geballte Unterstützung beider Teams, plus bei Bedarf zusätzliches Working Capital. Der strategische Gedanke dahinter ist branchenweit bekannt: In der Beautywelt reicht ein gutes Produkt oft nicht, wenn die Markenführung, die Werbekreation und die Skalierung der Distribution nicht parallel mitwachsen. Herb brachte zudem eine konkrete Marketing-Idee ins Spiel und verwies auf eine mögliche gemeinsame Werbekampagne mit einer Marke aus seinem Umfeld. Für Williams stand dagegen die Beauty-Kompetenz und das internationale Netzwerk im Vordergrund, inklusive der Idee, dass das Potenzial über ein einzelnes Produkt hinausgeht. Als Herb wiederum auf seine Kontakte in den Vereinigten Arabischen Emiraten setzte, wurde auch ein konkreter Go-to-Market-Fokus sichtbar: Dort sieht Bakhtiar besondere Chancen, weil es viele Frauen gibt, die Kopftuch tragen und ebenfalls unter Haarausfall leiden.
Entscheidend ist aber, was nach der Aufzeichnung geschah. Trotz des im TV inszenierten Double-Deals sei der Deal bislang noch nicht zustande gekommen, sagt Bakhtiar. Nach intensiven Gesprächen seien beide Seiten zu dem Schluss gekommen, dass Koralls aktuell noch etwas Zeit und Unterstützung in der Entwicklung benötigt. Dieser Satz ist inhaltlich mehr als eine Ausweichformel: Er deutet auf typische Reibungsverluste hin, die zwischen einer TV-Entscheidung und einer tatsächlichen Vertragsreife liegen können – etwa bei der finalen Ausgestaltung der Beteiligungsstruktur, bei Kennzahlen zur Skalierbarkeit oder bei der Frage, ob Produktversprechen, Produktionskapazitäten und Marketingpläne in einen gemeinsam tragfähigen Fahrplan übersetzt sind. Bakhtiar bleibt dabei im Austausch und hält alle Möglichkeiten offen, was vor allem für die nächsten Schritte relevant ist: ein geplanter Ausbau des Teams, die Erweiterung des Produktsortiments und die Ergänzung um Funktionen wie Social-Media-Management und Buchhaltung. Mittlerweile beschäftigt Koralls zwei Mitarbeiter; als nächster Schritt sollen umgehend weitere Kompetenzen folgen, damit aus Marketing-Impulsen echte Prozesse werden.
Aus Startup-Sicht zeigt sich hier ein realistisches Muster: Ein Pitch bringt Aufmerksamkeit, aber das Investment folgt der Umsetzungsfähigkeit. Bakhtiar hat sich das als Konsequenz bereits zu eigen gemacht und nach einem Tipp aus der Sendung ein Koralls-Team aufgebaut. Gleichzeitig bleibt das Unternehmen sichtbar und wächst über die Kanäle, die es kontrollieren kann: online und über Instagram. Die geplante Erweiterung des Sortiments soll laut Gründerin in Richtung eines „kompletten Ökosystems fürs Haar“ führen. Das ist ein strategischer Hebel, weil ein Ökosystem Cross-Selling ermöglicht und Markenbindung verstärkt – aber es erhöht auch die Anforderungen an Produktkonsistenz, Inhaltsstoff-Logik, Verpackungsdesign und die Lieferkette. Damit verschiebt sich das Risiko vom reinen „Produkt finden“ hin zu „Produktportfolio managen“, und genau dafür ist Teamaufbau nötig. Für potenzielle Anschlussinvestoren oder spätere Deal-Runden wird dann weniger die einzelne Show-Anekdote zählen, sondern die Nachweisbarkeit: dass aus Rezeptur und Social Proof ein planbarer Geschäftsbetrieb wird.
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