GEORGIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Verein Heroes on the Water bietet US-Veteranen kostenlose, wiederkehrende Kayak- und Angelausflüge auf dem Chattahoochee River an. Ziel ist weniger eine klassische Gesprächstherapie als der niedrigschwellige Rückzug in Natur, Ruhe und Gemeinschaft. Laut U.S. Department of Veterans Affairs leiden im Jahr 2024 etwa 14% der männlichen und 24% der weiblichen Veteranen an einer posttraumatischen Belastungsstörung. In Georgia wird zudem geschätzt, dass jährlich 200 Veteranen durch Suizid sterben.

Wenn sich Erinnerungen wie ein zweiter Einsatz über den Alltag legen, reicht im Ernstfall oft nicht das „richtige“ Wort in der Klinik. Der Ansatz des Vereins Heroes on the Water setzt stattdessen auf körperliche Aktivität, Naturgeräusche und soziale Nähe ohne Leistungsdruck: Veteranen, aktive Soldaten und ihre Familien gehen für einen freien Nachmittag aufs Wasser – mit Kayak und Angel statt mit Fragebogen und Wartezimmer. Die Organisation organisiert seit 2007 kostenlose, regelmäßig wiederkehrende Ausfahrten in der Chattahoochee-Valley-Region, konkret auf dem Chattahoochee River. Für viele Teilnehmende funktioniert das offenbar als Ventil, weil der Rahmen freundlich und unaufdringlich bleibt und nicht sofort das eigene Trauma in den Mittelpunkt stellt.
Josh Back, der als Kapitel-Koordinator fungiert und selbst weiterhin mit belastenden Erinnerungen ringt, beschreibt den Kontrast zwischen Vergangenheit und dem heutigen Ablauf sehr konkret. Jedes Jahr, so seine Schilderung, durchlebt er am Tag im Dezember 2004 erneut den Moment, als in einem Umfeld in Iraq ein Selbstmordattentäter in die Essensausgabe gelangte. In den Ausflügen verarbeitet er das Geschehene nicht mit Worten, sondern mit wiederkehrenden Routinen: „So, that’s where I’m at with my issues, “ sagt Back und ergänzt: „Just going outside and going on either my kayak or in my boat, and it’s really brought me more peace than what the therapy of doctors have given me. It’s just me going out there to fish.“ Der Punkt ist dabei nicht, Therapie pauschal abzuwerten, sondern für Situationen, in denen Gespräche schwerfallen, eine alternative, niedrigschwellige Form von Entlastung zu schaffen.
Statistisch wird die Dringlichkeit des Themas über die Zahlen der U.S.-Veteranenverwaltung sichtbar. Für das Haushaltsjahr 2024 nennt das U.S. Department of Veterans Affairs Werte von rund 14 von 100 Männern (14%) und 24 von 100 Frauen (24%), bei denen posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde. Gleichzeitig macht Back deutlich, warum viele Betroffene trotzdem nicht zur Hilfe greifen: „Many military service members don’t feel comfortable asking for help with their problems, “ lautet der zentrale Befund aus seinem Umfeld. Er kritisiert zudem, dass Nachsorge offenbar nicht immer in der Tiefe gelingt, die einzelne Menschen benötigen – oder dass bei der Behandlung stärker auf Medikamente als auf weitergehendes Eingehen gesetzt wird. Genau an diesem Übergang setzt Heroes on the Water an: Es bietet Anschluss, bevor ein formaler Therapieprozess überhaupt anfängt, und es reduziert die Hürde, Hilfe zu suchen.
Technisch wirkt das Programm auf den ersten Blick ungewöhnlich: Es ist keine traditionelle „Talk Therapy“, wie Back selbst betont. Er beschreibt, wie die Ausfahrten ablaufen, während die Gruppe paddelt, scherzt und angelt, ohne dass jede Person sofort über alles sprechen muss. „I’m out here – me, a couple of my friends – we’re out here paddling around, having a good time, cutting up, and fishing, “ sagt Back. „I’m not, you know, a psychiatrist – I don’t talk to people about anything that they don’t want to talk about, “ ergänzt er. Der therapeutische Mechanismus liegt damit vor allem im Setting: Körperliche Bewegung reduziert Anspannung, die wiederholte Tätigkeit (paddeln, warten, auswerfen, einholen) gibt Struktur, und die Naturreize wie Wasserlauf, Vogelstimmen oder das Blätterrauschen lenken Aufmerksamkeit weg von Grübeleien. Gerade weil das Gespräch freiwillig bleibt, entstehen für viele Teilnehmende neue Verhaltensmuster im Umgang mit Belastung.
Aus einer Perspektive der psychosozialen Praxis lässt sich das als „community-based“ Unterstützung einordnen: Die Ausflüge dienen dem Decompressing, dem Wiederanknüpfen von Kontakten und dem Aufbau langfristiger Bewältigungsstrategien in einer Umgebung, die nicht nach Krankenhaus aussieht. Back formuliert das mit Sinneseindrücken: „Listening to the peace and quiet, the water running, or the birds chirping, the leaves blowing in the trees, that type of thing, “ sagt er. „I don’t talk to you about anything; if you don’t want to talk, you don’t even have to talk.“ Damit adressiert das Programm einen Kernfehler vieler Unterstützungsangebote: Sie verlangen sofortiges Benennen und Erklären. Stattdessen erlaubt Heroes on the Water, dass Stabilisierung über Verhalten und Zugehörigkeit entsteht – ein Ansatz, der für Zielgruppen besonders relevant sein kann, die sich in standardisierten Gesprächsformaten unwohl fühlen.
Für Georgia verschärft sich die Relevanz zusätzlich durch die Suizid-Zahlen. Die Quelle nennt als „most recent data“ eine Schätzung, wonach jährlich 200 Veteranen in Georgia durch Suizid sterben. Selbst wenn solche Zahlen methodisch immer einen gewissen Unsicherheitskorridor haben, zeigen sie, warum niedrigschwellige Angebote parallel zu klinischen Pfaden gedacht werden müssen. In diesem Kontext ist die Kombination aus Gemeinschaft, körperlicher Aktivität und einem vertrauten, ruhigen Naturraum für viele Teilnehmende nicht bloß Freizeit, sondern eine Form von präventiver Resilienz. Wer in Organisationen Verantwortung trägt – in Verwaltungen, bei Trägern oder in Unternehmen mit Veteranen-Programmen – kann daraus vor allem ableiten, dass Unterstützung dort ansetzt, wo Barrieren tatsächlich auftreten: nicht nur beim Zugang zu Therapieplätzen, sondern bei der Frage, ob Menschen sich überhaupt sicher fühlen, den ersten Schritt zu gehen.
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