LONDON (IT BOLTWISE) – Kroger baut den KI-Einsatz im Konzern aus und will dadurch Arbeitsprozesse verschlanken. Der US-Supermarktbetreiber plant, in den nächsten drei Jahren 3.000 Beschäftigte aus dem Corporate-Bereich abzubauen. CEO Greg Foran verbindet die Maßnahme mit dem Ziel, Doppelarbeit zu reduzieren und gleichzeitig Abläufe so zu gestalten, dass sie für Mitarbeitende leichter werden. Hintergrund sind zugleich der Wettbewerbsdruck durch Walmart, Discount-Ketten sowie Online-Anbieter.

Kroger setzt die nächste Stufe seiner KI-Strategie an und macht daraus zugleich einen konkreten Personalplan: Der US-Lebensmitteleinzelhändler will in den kommenden drei Jahren 3.000 Stellen im Corporate-Bereich abbauen. In einer an Beschäftigte gerichteten Mitteilung stellte CEO Greg Foran dabei nicht nur den Technologiebezug in den Vordergrund, sondern knüpfte die Neuausrichtung direkt an Arbeitsabläufe. Sein Kernargument lautet, dass Technologie die Art verändert, wie Arbeit in vielen Branchen organisiert wird, und dass der Konzern deshalb Fähigkeiten gezielt übernehmen, redundante Tätigkeiten abbauen und prüfen muss, welche Aufgaben am besten an die jeweils passende Stelle passen.
Für die Einordnung lohnt sich ein Blick auf die Zielrichtung, die Kroger selbst im vergangenen Monat skizziert hat: Die KI-Initiative soll die Customer Experience verbessern, Tätigkeiten für Store- und Laden-Teams leichter machen und zugleich bessere Geschäftsergebnisse erzeugen. Damit verschiebt sich der Fokus typischerweise weg von reiner Datenanalyse hin zu operativer Unterstützung, etwa bei der Planung und Steuerung interner Prozesse, bei der schnelleren Auswertung von Kunden- und Bestandsdaten oder bei der Standardisierung wiederkehrender Arbeitsschritte. In der Praxis heißt das: KI-Systeme können zwar Aufgaben automatisieren oder zumindest beschleunigen, aber sie verändern auch Workflows, Verantwortlichkeiten und die nötigen Fähigkeiten in den Teams, was wiederum erklärt, warum Kroger den Personalabbau ausgerechnet im Corporate-Umfeld plant.
Unternehmensseitig treffen diese Schritte auf eine verschärfte Wettbewerbslage im US-Einzelhandel. Kroger beschreibt vor allem Walmart als wachsende Herausforderung: Immer mehr Kundinnen und Kunden bestellen nicht nur Lebensmittel, sondern erledigen gleich weitere allgemeine Einkäufe über den großen Händler. Kroger steht damit zwischen zwei Innovationsgeschwindigkeiten – traditionelle Supermärkte müssen ihre Leistung im Laden und in der Lieferung modernisieren, während Händler mit starker Plattform- und Logistikbasis oft breitere Sortimente über denselben Einkaufsfluss bündeln. Zusätzlich erhöhen Discountketten wie Aldi und Lidl den Druck auf Preis- und Kostenstrukturen, während Online-Anbieter wie Amazon den Hebel über Reichweite, Geschwindigkeit und Convenience weiter erhöhen.
Die aktuellen Personalanpassungen sind auch vor dem Hintergrund früherer Großprojekte zu sehen. Kroger hatte 2022 einen Zusammenschluss mit Albertsons vorgeschlagen, um im Wettbewerb besser aufgestellt zu sein. Die US-Behörden und zwei Bundesstaaten reichten 2024 Klagen ein, um den Deal zu stoppen, weil sie negative Effekte auf Preise und Löhne erwarteten. Gerichte entschieden anschließend, dass die Fusion nicht umgesetzt werden sollte – damit blieb der Konkurrenzdruck für beide Ketten bestehen, ohne dass die erhoffte strukturelle Konsolidierung eintritt. Einen Tag nach dem Scheitern leitete Albertsons dann eine Klage gegen Kroger ein und forderte dabei eine Beendigungsgebühr von 600 Millionen US-Dollar sowie weitere Ansprüche auf Rechtskosten und entgangenen Wert für Aktionäre; Kroger bezeichnete die Forderungen als „baseless“ und hielt fest, dass Albertsons keinen Anspruch auf die Gebühr habe.
Operativ signalisiert Kroger zusätzlich, dass es nicht bei Einmalmaßnahmen bleibt. Im Rahmen des Konferenzcalls zum zweiten Quartal deutete CEO Susan Morris an, dass weitere Kostensenkungen und eine Straffung der Unternehmensstruktur anstehen, inklusive weiterer Entlassungen. Sie sagte, man habe im Vorjahr bereits eine deutliche Reduktion der Kopfzahl erreicht, „aber quite frankly“ sei noch mehr möglich, das Unternehmen werde innerhalb der nächsten zwölf bis 18 Monate aggressive Schritte umsetzen. Die Kombination aus KI-Ausbau und Personalabbau passt dabei zu einem typischen Muster: Wenn Prozesse stärker daten- und systemgetrieben werden, sinkt häufig der Bedarf an manuellen Koordinationsaufgaben, während gleichzeitig neue Rollen im Bereich KI-Implementierung, Datenqualität, Plattformbetrieb und Prozessdesign an Bedeutung gewinnen.
Auch die Börsenreaktion zeigt, dass der Markt die Maßnahmen ernst nimmt, jedoch mit gemischter Erwartung. Die Kroger-Aktie fiel am Dienstag im Nachmittagshandel um 2,2% auf 61,21 US-Dollar, während Albertsons um 2,8% zulegte, aber im laufenden Jahr weiterhin mehr als 25% im Minus liegt. Für Entscheider in anderen Handelsunternehmen ist diese Gemengelage aufschlussreich: KI kann Liefer- und Planungsprozesse verbessern, doch sie entfaltet ihren Nutzen erst dann nachhaltig, wenn sie in konkrete Betriebsketten übersetzt wird – von der Datenbeschaffung über die Modellnutzung bis zur Anpassung der Organisation. Genau an dieser Schnittstelle entstehen bei den großen Playern häufig die sichtbarsten Veränderungen: Personal wird nicht einfach „ersetzt“, sondern der Bedarf verschiebt sich entlang der Prozesskette.
Für die nächsten Monate wird deshalb weniger die Schlagzeile entscheidend sein als die Umsetzung: Kroger muss zeigen, wie der KI-Einsatz konkret in Systeme, Tools und Verantwortlichkeiten integriert wird und welche Bereiche von der „Reduzierung von duplicative work“ profitieren. Gleichzeitig bleibt der strategische Druck hoch, weil der Wettbewerb nicht wartet – Walmart, Discountketten und Online-Anbieter setzen die Messlatte in Preis, Verfügbarkeit und Geschwindigkeit. Wenn Kroger den angestoßenen Umbau mit klaren Zuständigkeiten und messbaren Verbesserungen bei Kundennutzen und internen Durchlaufzeiten koppelt, kann die KI-Strategie vom Kostenhebel zum operativen Produktivitätsprogramm werden. Andernfalls droht eine Lücke zwischen dem angekündigten „Streamlining“ und den realen Effekten im Tagesgeschäft.
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