LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Bericht im „The Lancet“ warnt vor einer deutlich beschleunigten Zunahme hitzebedingter Gesundheitsrisiken. Zwischen 2016 und 2023 starben im Schnitt über 540.000 Menschen pro Jahr durch Hitze, wobei 68 % dem Klimawandel zugerechnet werden. Für 2023 werden rund 710.000 Todesfälle allein durch Hitze geschätzt. Gleichzeitig sinkt die weltweite Wirtschaftsleistung nach Schätzungen um 0,91 % durch die Folgen häufiger Hitzewellen.

Der neue „Lancet“-Bericht unter Federführung des University College London macht die Klimakrise an einem Punkt fest, der in Debatten über Emissionen oft zu abstrakt bleibt: Gesundheit, gemessen an Todesfällen, Produktivitätseinbußen und Folgeschäden durch Dürren. Die Autoren beschreiben einen Trend, der sich in den letzten Jahren nicht nur fortgesetzt, sondern beschleunigt hat – während wirksame Gegenmaßnahmen, zumindest in der beobachteten Größenordnung, deutlich zu langsam greifen.
Besonders drastisch fällt die Auswertung zu hitzebedingten Todesfällen aus. Laut Bericht gab es zwischen 2016 und 2023 im Schnitt mehr als 540.000 hitzebedingte Todesfälle pro Jahr; 68 % davon seien auf den Klimawandel zurückzuführen. In den zehn Jahren davor lag der Anteil demnach bei 55 %. Für das Jahr 2023 nennen die Autorinnen und Autoren eine Schätzung von etwa 710.000 Menschen, die hitzebedingt gestorben sind – damit seien mehr Todesopfer zu verzeichnen als durch Malaria.
Doch Hitze wirkt nicht nur als akutes Gesundheitsrisiko, sondern auch als messbarer Produktivitätsfaktor. Der Bericht schätzt, dass sich durch die häufigeren Hitzewellen im vergangenen Jahr die weltweite Wirtschaftsleistung um 0,91 % verringert hat, was 1,07 Billionen US-Dollar entspricht. Der Zusammenhang ist dabei besonders in Sektoren sichtbar, in denen körperliche Arbeit im Freien stattfindet: Als besonders betroffen werden die Landwirtschaft und die Baubranche genannt, mit einer klaren regionalen Gewichtung auf Afrika und Südostasien.
Neben Hitze rückt der Bericht die Dürre als Verstärker für weitere Gefahren in den Fokus. Durch die Klimakrise würden Dürren häufiger, was wiederum die Wahrscheinlichkeit für Waldbrände mit schädlicher Rauchbelastung erhöht. Demnach litt 2025 mehr als die Hälfte der globalen Landfläche (51,8 %) mindestens einen Monat lang unter extremer Dürre – der zweithöchste Stand, den die Autoren identifizieren konnten. In den vergangenen zehn Jahren habe sich dieser Prozess enorm beschleunigt, um mehr als 700 % gegenüber dem vorherigen Jahrzehnt.
Dass es sich dabei aus Sicht der Forschenden nicht um eine lineare Verschlechterung handelt, betont die Leiterin des „Lancet“-Berichts, Marina Romanello. Sie warnt vor einem sprunghaften Wandel, der als globaler Gesundheitsnotstand anerkannt werden müsse. Genau diese Formulierung steht im Zentrum der politischen Forderung: Mehr als 140 beteiligte Forschende aus unterschiedlichen Fachgebieten rufen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu auf, die Klimakrise als gesundheitliche Notlage einzustufen. Entscheidend ist für sie weniger der symbolische Charakter als die praktische Folgefrage, wie viel Budget und Umsteuerung tatsächlich möglich werden.
Der Bericht legt dafür Zahlen auf den Tisch, die in der Umsetzung schnell Reibung erzeugen: Es klaffe eine große Lücke zwischen dem Bedarf für Gesundheitsschutz und den tatsächlich investierten Mitteln. Zudem verweist das Team auf gesunkene Mittel für öffentliche Entwicklungsleistungen, ein Teil davon fließe zwar in Maßnahmen für Gesundheitsschutz und Klimaanpassung, doch das Gesamtbild gerät unter Druck. Besonders hervorgehoben werden Kürzungen in den USA von 65,5 Milliarden US-Dollar (knapp 58,5 Milliarden Euro) für 2024 bis 2026 auf voraussichtlich 44,8 Milliarden US-Dollar (40 Milliarden Euro), gefolgt von Deutschland mit Kürzungen in diesem Zeitraum um 7,4 Milliarden US-Dollar (6,6 Milliarden Euro).
Aus Branchen- und Technologiesicht lässt sich daraus eine klare Konsequenz ableiten: Prävention wird in Zukunft stärker datengetrieben werden müssen, weil klassische „Nachsorge“ bei Hitzewellen und Dürreereignissen nicht ausreicht, um Gesundheits- und Wirtschaftsfolgen abzufedern. Früherkennung durch bessere Wetter- und Gesundheitsdaten, verlässliche Frühwarnketten und skalierbare Anpassungsmaßnahmen für besonders betroffene Regionen werden dabei zu Infrastrukturaufgaben. Gleichzeitig dürfte die Debatte um das Budget nicht nur auf fachlicher, sondern auch auf geopolitischer Ebene Fahrt aufnehmen, etwa rund um die bevorstehende Weltklimakonferenz in der Türkei, wo die Finanzierungslage und Prioritäten in der internationalen Unterstützung erneut verhandelt werden.
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