BOGOTÁ / LONDON (IT BOLTWISE) – Weltweit sind im vergangenen Jahr mindestens 124 Land- und Umweltschützer getötet worden, wie der Bericht von Global Witness ausweist. Lateinamerika lag dabei erneut klar vorn: 105 der Todesfälle entfielen auf die Region. Besonders Kolumbien war mit 39 Tötungen erneut Spitzenreiter, während auch Brasilien mit 26 Fällen deutlich zulegte. Zwar sank die Gesamtzahl der dokumentierten Tötungen, die Organisation verweist aber zugleich auf eine vermutlich höhere reale Opferzahl.

Der neue Bericht von Global Witness zeichnet ein düsteres Bild dafür, wie eng Umweltschutz, Landrechte und organisierte Gewalt in vielen Regionen miteinander verknüpft sind. Zwar ist die Zahl der dokumentierten Tötungen im Vergleich zum Jahr zuvor zurückgegangen: 2024 nennt Global Witness 142 Todesopfer, während es 2023 noch 196 waren. Gleichzeitig macht die Organisation deutlich, dass die tatsächlichen Opferzahlen vermutlich höher liegen. Für Unternehmen und Behörden ist das mehr als ein humanitäres Lagebild, denn es beschreibt ein Risiko, das entlang von Lieferketten, Rohstoffprojekten und Landnutzungsrechten direkt in die Praxis hineinwirkt.
Lateinamerika bleibt dabei der zentrale Brennpunkt: Von den mindestens 124 getöteten Land- und Umweltschützern im vergangenen Jahr kamen 105 aus der Region. Kolumbien führt die Statistik zum vierten Mal in Folge an, dort wurden 39 Umweltschützer getötet. Danach folgen Brasilien mit 26 Fällen sowie Honduras und die Philippinen mit jeweils 12 Todesfällen; Mexiko (10) und Guatemala (8) schließen die genannten Ländergruppe ab. Auffällig ist auch die Konzentration: Auf Kolumbien und Brasilien entfielen zusammen mehr als die Hälfte aller weltweit registrierten Fälle. Diese geografische Ballung legt nahe, dass lokale Machtverhältnisse rund um Landzugriff und Ressourcennutzung nicht nur ein Randthema sind, sondern strukturell wiederkehren.
Technisch betrachtet lässt sich das Risiko gut als Konfliktkette verstehen: Wo um Land und natürliche Ressourcen gerungen wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Aktivitäten zum Schutz von Ökosystemen zum Ziel werden. Global Witness ordnet die meisten Fälle in einen Kontext ein, in dem Landkonflikte eine Rolle spielen; mehr als die Hälfte der Tötungen stand damit in Verbindung. Betroffen sind unter anderem Gebiete mit Bergbau und Rohstoffförderung, Abholzung und Landwirtschaft. Ungeklärte oder nicht anerkannte Ansprüche auf Land führen dabei offenbar zu Drucksituationen, in denen indigene Gemeinschaften und Kleinbauern unter Landraub, Einschüchterung und Gewalt leiden. Dazu passt die weitere Beobachtung, dass es bei mehr als einem Drittel der erfassten Fälle Hinweise auf Verbindungen zu organisierter Kriminalität oder Auftragsmorden gab.
Besonders konkret wird das Bild in Brasilien: Dort hat sich die Zahl der Tötungen binnen eines Jahres von 12 auf 26 mehr als verdoppelt. Die meisten Fälle standen im Zusammenhang mit Forderungen nach der Anerkennung angestammter indigener Gebiete sowie nach Landreformen in den Bundesstaaten Rondônia und Pará. Global Witness nennt als zentrale Konflikttreiber unter anderem die Konzentration von Land in den Händen weniger Großgrundbesitzer und die Erschließung immer größerer Flächen für Viehzucht, Sojaanbau, Rohstoffabbau und Spekulation. Für die Einordnung ist wichtig, dass es sich nicht um einzelne, isolierte Gewaltakte handeln muss, sondern um ein wiederkehrendes Muster aus wirtschaftlichem Druck, rechtlicher Unsicherheit und bewaffnet durchgesetzten Interessen.
Während die Bedrohung insgesamt also sichtbar bleibt, zeigen sich zugleich Gegenstrategien auf lokaler Ebene. Global Witness beschreibt beispielhaft, wie Kakataibo-Indigene in Peru eine eigene Schutztruppe aufgebaut haben, um ihr Gebiet zu überwachen und sich gegen organisierte Kriminalität sowie illegalen Koka-Anbau zu verteidigen. Der Bericht stellt dabei klar, dass diese Arbeit mit einem besonderen Risiko verbunden ist: „Für die nächste Generation ist diese Arbeit gefährlicher als je zuvor“, sagte der Kommandant Segundo Ispón. Solche Schutz- und Überwachungsstrukturen wirken wie eine Art Frühwarnsystem vor Ort, ersetzen aber keine staatliche Absicherung. Zudem verdeutlichen sie, dass der Schutz von Umwelt und Landrechten nicht nur von Gesetzen abhängt, sondern auch von der Fähigkeit, Gewaltspiralen zu durchbrechen.
Für den Markt- und Umsetzungskontext folgt daraus eine nüchterne Schlussfolgerung: Wenn mehr als drei Viertel der Getöteten Kleinbauern, Angehörige indigener Völker oder Menschen afrikanischer Abstammung waren, betrifft das nicht nur eine abstrakte Schutzlücke, sondern konkrete Zielgruppen, die oft am Anfang der Wertschöpfung stehen und deren Land direkt Grundlage für Produktion, Rohstoffe oder Export ist. Wer Beschaffungs- und Risikoprozesse gestaltet, muss daher Fragen nach Landrechten, Transparenz der Projektflächen und dem Umgang mit Konfliktlagen ernst nehmen. Der Bericht liefert dafür keine technischen Handlungsanweisungen, aber eine belastbare Risiko-Klassifizierung: Dort, wo Landkonflikte, Ressourcenförderung und rechtliche Anerkennung eng zusammenlaufen, steigen die Gefahren spürbar. Dass die Zahl dokumentierter Tötungen dennoch sinkt, ändert nichts daran, dass die Region weiterhin als besonders kritisch gilt.
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