TORONTO / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass das Lesen das Gehirn tiefgreifend verändert. Forscher aus Kanada und Brasilien haben herausgefunden, dass Lesekundige gesprochene Sprache anders verarbeiten als Analphabeten. Diese Erkenntnisse könnten weitreichende Auswirkungen auf Alphabetisierungsprogramme und Therapien haben.

Lesen hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die Art und Weise, wie unser Gehirn gesprochene Sprache verarbeitet. Eine kürzlich veröffentlichte Studie im Fachjournal Cortex zeigt, dass die Gehirne von Menschen, die lesen können, anders auf gesprochene Sätze reagieren als die von Analphabeten. Forscher aus Kanada und Brasilien haben diese Unterschiede in einer bahnbrechenden Untersuchung aufgezeigt.
Das Forscherteam von Baycrest und der Universität São Paulo verglich zwei Gruppen älterer Erwachsener: funktionale Analphabeten, die erst spät lesen lernten, und Menschen, die seit ihrer Kindheit lesen können. Während alle Teilnehmer nur gesprochene Sprache hörten, wurde ihre Hirnaktivität gemessen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Bei geübten Lesern zeigten sich stärkere Aktivitäten in den Hirnregionen, die für die Analyse von Sprachlauten zuständig sind, insbesondere im rechten Gyrus frontalis inferior.
Diese verfeinerte Verarbeitung von Sprache ist ein Beispiel für die Neuroplastizität des Gehirns, also dessen Fähigkeit, sich durch Erfahrung umzubauen. Lesenlernen ist ein Paradebeispiel dafür, wie bestehende neuronale Netzwerke umfunktioniert werden können. Frühere Studien der Max-Planck-Gesellschaft haben gezeigt, dass dieser Umbau nicht nur die Großhirnrinde betrifft, sondern auch ältere Strukturen wie den Thalamus.
Die Vorteile dieser schärferen auditiven Wahrnehmung sind vielfältig. Sie stärkt das verbale Kurzzeitgedächtnis und unterstützt das Erlernen neuer Fertigkeiten. Geübte Leser verarbeiten zudem Satzstrukturen schneller als ungeordnete Wortlisten. Diese Erkenntnisse liefern neue Argumente für Alphabetisierungsprogramme, da die Unfähigkeit zu lesen nicht nur soziale und wirtschaftliche Einschränkungen mit sich bringt, sondern auch die Entwicklung wichtiger neuronaler Pfade hemmt.
Die Studie eröffnet zudem neue Perspektiven für die Behandlung von Sprach- und Lesestörungen. Ein besseres Verständnis der trainierten Hirnmechanismen könnte gezieltere Therapien für Legasthenie ermöglichen. Zukünftige Forschungen sollen klären, ob Auffälligkeiten im Thalamus bei Betroffenen Ursache oder Folge des geringeren Lesetrainings sind.
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