JAPAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie zu Live-Sport an der Universität Tsukuba zeigt messbare hormonelle und physiologische Veränderungen bei Zuschauern. Während eines College-Basketballspiels stiegen bei Teilnehmenden teils die Oxytocin-Werte, gleichzeitig sank der Cortisolspiegel. Zudem begannen sich die Herzratenmuster der Fans zeitlich stärker zu ähneln, was mit mehr Genuss und dem Gefühl von Zusammengehörigkeit zusammenhing. Die Beobachtung gilt auch für eher zufällige Fans und nicht nur für hochgradig engagierte Szene.

Wer schon einmal im Stadion stand, kennt das Bauchgefühl: Das Spiel überträgt sich. Eine neue Arbeit aus Japan untermauert dieses Gefühl allerdings mit Messdaten aus der Biologie. Laut der in Translational Psychiatry veröffentlichten Studie lässt sich beim Zusehen ein Muster erkennen, das zwei Ebenen gleichzeitig adressiert: erstens hormonelle Signale, vor allem Oxytocin und Cortisol, und zweitens eine koordinierte Physiologie, konkret synchronisierte Herzratenverläufe über mehrere Personen hinweg. Der Kern der Beobachtung ist dabei weniger „Star-Aura“ als Alltagsfandom: Die Teilnehmenden waren überwiegend Studierende oder lokale Anwohner, also kein rein extremes, professionsnahes Publikum.
Oxytocin gilt als chemischer Botenstoff, der in der Forschung häufig mit sozialer Bindung und emotionaler Regulierung in Verbindung gebracht wird. Cortisol dagegen wird typischerweise als Marker für physiologischen Stress betrachtet. Der Studie zufolge beginnt sich das Verhältnis dieser Systeme beim Live-Erlebnis zugunsten von sozialer „Empfänglichkeit“ zu verschieben: Oxytocin veränderte sich über den Spielverlauf hinweg, während Cortisol insgesamt sank. Zusätzlich prüften die Forschenden etwas, das man nicht „fühlen“ muss, um es zu sehen: Heart-Rate-Synchrony. Damit ist nicht gemeint, dass alle Herzen gleich schnell schlagen oder exakt im gleichen Moment pausieren, sondern dass sich die Veränderungsmuster der Herzraten über die Zeit hinweg zunehmend ähneln.
Um das Feld zwischen Pharma-Ansatz und „natürlicher Stimulation“ besser einzuordnen, knüpfen die Autorinnen und Autoren an ein bekanntes Problem der Oxytocin-Forschung an: Intranasale Oxytocin-Gaben haben in klinischen Studien nur moderierte und teils uneinheitliche Effekte gezeigt. Diese Inkonsistenz machte den Blick auf Alltagssituationen attraktiv, die körpereigene Prozesse anstoßen könnten – also auf Aktivitäten, bei denen kein Wirkstoff verabreicht wird. „Because clinical trials of intranasal oxytocin have produced modest and inconsistent effects, we became interested in natural, non-pharmacological ways of engaging the body’s own oxytocin system, “ erklärte Takashi Matsui, assoziierter Professor am Institute of Health and Sport Sciences der University of Tsukuba, in der Studie. Als Ausgangspunkt diente dabei frühere Arbeit: Oxytocin und Herzraten-Synchronie wurden schon bei Judo sowie bei kompetitiven und kooperativen Esports ohne körperlichen Kontakt beobachtet. Daraus entstand die Frage, ob Zuschauer auch allein durch geteilte Aufmerksamkeit und Emotionen „physiologisch gekoppelt“ werden.
Für die Messung rekrutierten die Forschenden 60 erwachsene Zuschauerinnen und Zuschauer (21 Frauen), die zwei Heimspiele eines College-Basketballteams an der Universität in Japan besuchten. Der Ablauf war bewusst nah an der natürlichen Situation gehalten: Die Teilnehmenden erhielten vor dem Spiel Speichelproben und beantworteten Fragebögen zu ihrer Stimmung. Während des Spiels trugen sie außerdem einen optischen Herzraten-Sensor am Oberarm, um ihre kardiovaskuläre Aktivität kontinuierlich zu erfassen. In der Halbzeit und direkt nach dem Spiel folgten erneut Speichelproben und Nachbefragungen. Die Saliva-Analysen dienten dabei zur Bestimmung von Oxytocin- und Cortisol-Konzentrationen, während psychologische Daten über Genuss, Einheitserleben und den sogenannten Flow-State erhoben wurden. Flow beschreibt das Gefühl völliger Fokussierung, bei dem Zeit und Umfeld in den Hintergrund treten.
Ein besonders wichtiger Punkt war die Heterogenität der Startwerte. Die Studie zeigt: Die hormonellen Reaktionen fielen je nach Ausgangslage unterschiedlich aus. Teilnehmende, die mit relativ niedrigen Oxytocin-Werten starteten, zeigten im Spielverlauf einen Anstieg. Wer bereits höhere Ausgangswerte hatte, behielt erhöhte Konzentrationen über die Zeit hinweg. „What surprised me most was that oxytocin increased among spectators who began with lower levels and remained elevated among those who began with higher levels, without direct physical contact being required, a particularly notable finding because touch is one of the strongest natural stimuli for oxytocin release, “ sagte Matsui laut den Studiendaten. Parallel dazu sanken Cortisolwerte über alle Gruppen hinweg, wodurch sich das Verhältnis Oxytocin/Cortisol insgesamt zugunsten der sozialen Komponente verschob. Das adressiert damit auch die Vorstellung, Live-Sport sei vor allem „Adrenalin“ oder Stresskomponente – zumindest in dieser Beobachtung dominierte der Trend zu einem stressärmeren Profil.
Die physiologische Kopplung zeigte sich nicht als einmaliger Moment, sondern als dynamischer Prozess über beide Spielhälften hinweg. Während des Spiels begannen die Herzratenrhythmen der Zuschauer stärker zueinander zu finden; die Synchronität nahm zu, als sich die Fans in derselben lokalen Situation wiederholten emotionalen Peaks aussetzten. Die Autorinnen und Autoren betonen dabei eine wichtige Präzisierung: „Second, ‘heart-rate synchrony’ does not mean that everyone’s heart was beating at exactly the same rate or at the same instant, “ stellte Matsui klar. „It means that their patterns of heart-rate change became increasingly similar over time.“ Interessant ist außerdem, dass diese Kopplung am stärksten innerhalb desselben Spiels und sogar innerhalb derselben Sitzsektion ausgeprägt war. Das spricht dafür, dass nicht nur „Sport an sich“, sondern das konkrete soziale und akustische Umfeld eine Rolle spielt.
Diese Synchronität war wiederum mit psychologischen Outcomes verknüpft. In den Daten tauchten Zusammenhänge zwischen näherer Herzratenkopplung und einem stärkeren Einheitserleben Richtung Heimteam sowie tieferem Immersionserleben im Spiel auf. Das gilt insbesondere dann, wenn Oxytocin-Werte und Herzraten-Synchronie gleichzeitig stärker ausfallen. Die Modellanalysen deuteten außerdem darauf hin, dass der Anstieg des Genusses als eine Art „Brücke“ zwischen Oxytocin und dem Gefühl von Zusammengehörigkeit fungieren kann. Matsui verweist in diesem Kontext auch auf die Reichweite der Ergebnisse: „Moreover, these responses emerged not at an elite professional or international competition, but at local university basketball games involving largely casual spectators, “ heißt es in den Studiendaten. „World-class sporting events can generate extraordinary emotion and shared excitement, but attending them in person is difficult for most people.“ Genau darin liegt der praktische Charme für die Forschung zu sozialer Teilhabe: Wenn bereits lokale Spiele einen messbaren Effekt erzeugen, wird der „Zugang“ zur sozialen Wirkung breiter.
Gleichzeitig bleibt die Aussageintensität begrenzt, weil die Untersuchung beobachtend angelegt war. Das Design beweist nicht, dass das Zusehen die Veränderungen kausal auslöste. Denkbar sind ebenso Effekte durch Spielstand, Geräuschkulisse oder Tageszeit: Cortisol folgt natürlichen Tagesrhythmen und kann am Abend ohnehin sinken. Auch die Messung über Speichel ist ein praktikabler Proxy, bildet jedoch nicht 1:1 ab, was im Gehirn passiert. Zudem gilt: Die Ergebnisse lassen sich nicht automatisch auf größere professionelle Ligen, andere Altersgruppen oder stark leidenschaftliche Fangemeinden übertragen. Matsui kündigte an, die nächste Phase auf genau solche Moderatoren auszurichten: „Building on this finding, we are now examining additional factors, including age, previous experience playing the sport, whether the supported team wins or loses, and live versus at-home viewing, to understand when and for whom shared spectatorship fosters physiological synchrony and a sense of unity, and how viewing environments might strengthen this social connection and potentially help alleviate loneliness, “ so der weitere Ausblick in den Studiendaten. Perspektivisch sollen auch digitale oder virtuelle Kontexte getestet werden, um zu prüfen, ob sich Heart-Rate-Synchrony als skalierbarer, nicht-invasiver Indikator für sozial verknüpfte Aktivierung eignet – von Community-Sport bis hin zu Esports und live gestreamten Formaten.
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