LONDON (IT BOLTWISE) – Microsoft steht im dritten Quartal 2026 für 33 Prozent aller erfassten Marken-Phishing-Versuche. Im zweiten Quartal lag der Anteil noch bei 23 Prozent. Sicherheitsanalysten führen den Anstieg auch auf generative KI zurück, die überzeugendere Mails und nachgebaute Webseiten erleichtert. Besonders auffällig sind zudem groß angelegte Wellen gefälschter Kalendereinladungen, die auf Zugangsdaten und manipulierte Dateien abzielen.

Marken-Phishing ist im Jahr 2026 deutlich ungeduldiger geworden: Wer sich als Ziel ausgibt, setzt immer häufiger auf bekannte Technologiemarken, um Vertrauen im Posteingang zu erzwingen. Laut Check Point Research entfielen im dritten Quartal 2026 allein 33 Prozent der erfassten Marken-Phishing-Versuche auf Microsoft. Noch im zweiten Quartal lag dieser Anteil bei 23 Prozent. Das bedeutet nicht nur einen spürbaren Anstieg, sondern auch, dass der US-Konzern in dieser Auswertung rund viermal so oft missbraucht wird wie jede andere Marke.
In der Rangliste folgt auf Microsoft ein enger Block aus weiteren Big-Tech-Namen. Apple und Google landen demnach mit jeweils 8 Prozent auf den Plätzen zwei und drei; Apple kletterte um zwei Positionen nach oben. LinkedIn belegt mit 6 Prozent den vierten Platz, nachdem die Marke zwei Ränge zurückgefallen ist. Amazon erreicht 4 Prozent und platziert sich damit auf Rang fünf. Zusammengenommen vereinen diese fünf Marken 59 Prozent der beobachteten Angriffe auf sich.
Hinter dieser Spitzengruppe wird die Taktik breiter gestreut, aber das Muster bleibt: YouTube kommt auf 3 Prozent, während Facebook und Dropbox jeweils bei 2 Prozent liegen. Dropbox stieg dabei um zehn Plätze nach vorn. WhatsApp und Adobe folgen mit je 1 Prozent. Insgesamt ordnet Check Point Research die Technologiebranche als am häufigsten nachgeahmtes Segment ein, dicht gefolgt von sozialen Plattformen und Banken. Gleichzeitig schränken die Analysten die Aussagekraft ein: Die Zahlen spiegeln die unternehmenseigenen Beobachtungen wider und sind nicht als Abbildung des gesamten weltweiten Phishing-Marktes zu verstehen; Änderungen bei Erfassungsmethodik und Abdeckung können Vergleichswerte verzerren. Ebenso sagen die Daten nicht automatisch etwas darüber aus, wie viele Versuche am Ende tatsächlich Zugangsdaten stehlen oder Systeme kompromittieren.
Technisch betrachtet verschiebt sich der Angriffsbaukasten gerade spürbar. Laut Omer Dembinsky von Check Point Research befindet sich Marken-Phishing in einer neuen Phase, weil generative Künstliche Intelligenz die Erstellung überzeugender E-Mails sowie täuschend echter Klone bekannter Webseiten erleichtert. Parallel dazu folgen Angreifer den Nutzern zunehmend in typische Arbeitsumgebungen wie Entwickler- und KI-Werkzeuge. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Empfänger nicht nur eine „falsche“ Landingpage sehen, sondern in einen Prozess hineingezogen werden, der wie ein legitimer Workflow wirkt.
Die Beispiele aus den vergangenen Wochen zeigen, wie schnell sich solche Kampagnen iterieren. Im Oktober 2026 registrierten die Forscher eine Kampagne rund um den KI-Dienst Claude: Betrügerische Schreiben drohten mit angeblichen Abbuchungen in Höhe von 500 Euro sowie mit der Aussetzung von API-Zugängen und Lizenzen. Bereits im September fiel zudem eine gefälschte Google-Seite auf, die Nutzer zur Ausführung von Linux-Befehlen verleiten sollte, um per Fernzugriff schädliche Skripte nachzuladen. In diesem Umfeld gewinnen passwortlose Anmeldemethoden an Relevanz: Wenn Angreifer nicht mehr nur Passwörter abfischen, sondern Login-Flows und Dokumente als „Türöffner“ missbrauchen, werden Schutzkonzepte wie Passkeys besonders wichtig.
Auch bei den großen E-Mail-Wellen lässt sich der Trend quantifizieren. Check Point Research berichtet, dass mehr als 40.000 Organisationen gefälschte Kalendereinladungen erhielten, die auf den Diebstahl von Microsoft-Zugangsdaten abzielten. Nach einem Aktivititätsgipfel am 25. September 2026 erfasste das Schutzsystem insgesamt 302.386 individuelle Phishing-Nachrichten, versendet von 247.270 Absenderadressen über 33.890 Domänen. Bis zum 15. Oktober 2026 zählten die Experten im Schnitt 8.319 betrügerische Nachrichten pro aktivem Tag; das monatliche Gesamtvolumen stieg von wenigen Tausend Nachrichten im April auf im September über 118.000 Mails. In den ersten beiden Oktoberwochen überschritt das Volumen 740.000 Einheiten, wobei fast 200.000 Sendungen allein auf den 8. Oktober 2026 entfielen.
Als Köder dienten vor allem gefälschte Einladungen zu Microsoft Teams, manipulierte Dateien im Kalenderformat .ics sowie Verweise auf nachgebaute Anmeldeseiten. Auffällig ist dabei auch die technische Ausprägung: Schwachstellen in den eigentlichen Programmen oder in Dateiformaten wurden laut Bericht nicht ausgenutzt. Das spricht dafür, dass viele Kampagnen primär auf Social Engineering und „Prozess-Tricks“ setzen, statt auf komplexe Exploit-Ketten. Für Unternehmen heißt das in der Praxis: Abwehr reicht nicht nur über klassische URL-Filter oder Mail-Sandboxing hinaus, sondern braucht auch konsequente Härtung von Identitäten, eine klare Nutzer- und Prozessschulung sowie die schnellere Ausrollung passwortloser Verfahren, die Phishing-Token und Passwortabgleich grundsätzlich weniger attraktiv machen.
Für die nächsten Monate werden Verantwortliche voraussichtlich verstärkt zwei Dinge zusammenbringen müssen: Einerseits die organisatorische Seite (wie Teams mit Einladungs- und Kalenderdaten umgehen, wie schnell verdächtige Kommunikationsmuster eskalieren) und andererseits die technische Seite (stärkerer Schutz von Identitätsflüssen, Kontrollebenen und der Einsatz von Passkeys). Marken-Phishing bleibt dabei vor allem deshalb wirksam, weil die Angreifer die Erwartungshaltung der Nutzer treffen: Sie nutzen bekannte Absender, bekannte Formate und zunehmend KI-gestützte Text- und Layout-Erstellung, um die Einstiegshürde gering zu halten. Wer diese Muster regelmäßig misst, statt nur reagiert, kann die Wirkung solcher Wellen deutlich reduzieren.
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