LONDON (IT BOLTWISE) – Der Juni hat gezeigt, dass Hitze Menschen zwar anzieht, das Risiko im Wasser aber stark steigen kann. Bundesweit sind im Juni über 100 Menschen ertrunken. Auch in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres stieg die Zahl der Badetoten deutlich. Die DLRG verweist vor allem auf Binnengewässer sowie auf Unachtsamkeit, häufig kombiniert mit Alkohol und anderen Drogen.

Wenn die Temperaturen steigen, wirkt der Sprung ins Wasser wie ein Automatismus: abkühlen, Luft holen, den Tag genießen. Die Zahlen zur aktuellen Badesaison zeichnen allerdings ein deutlich anderes Bild. Laut Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sind im Juni bundesweit über 100 Menschen ertrunken – so viele wie seit mehr als 20 Jahren in keinem Juni mehr. Damit rückt ein Risikomuster in den Fokus, das in den Sommermonaten wiederholt beobachtet wird: Je mehr Menschen ans Wasser ziehen, desto stärker konzentrieren sich gefährliche Situationen auf wenige Tage und wenige Orte.
Auch der Trend im laufenden Jahr bleibt alarmierend. In den ersten sieben Monaten verloren 261 Menschen am und im Wasser ihr Leben – das sind 15 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Besonders kritisch war der Zeitraum seit Beginn der Badesaison: Zwischen Anfang Mai und Ende Juli ertranken demnach 189 Menschen. Diese Entwicklung entspricht dem Niveau anderer Jahre, das viele vermeiden wollten: Seit 2019 gab es in diesem Zeitraum nicht mehr so viele Badetote; damals kamen sogar 220 Menschen ums Leben. Dass solche Kurven nicht nur statistische Ausreißer sind, zeigen die gleichbleibenden Risikofaktoren, die die DLRG wiederholt benennt.
Technisch betrachtet ist Ertrinken selten ein „plötzlicher Zufall“, sondern meist die Folge mehrerer Faktoren, die sich überlagern: Menschen unterschätzen die eigene Schwimmfähigkeit, die Strömung oder Tiefe wird falsch eingeschätzt, und in hitzebedingt vollen Badebereichen sinken Reaktionszeit und Übersicht. Die DLRG ordnet die meisten Todesfälle in Binnengewässern ein. In Seen und Teichen starben rund 118 Menschen – etwa 22 mehr als im Vorjahreszeitraum. In Bächen und Flüssen kamen bislang 90 Menschen ums Leben. In der Nordsee nennt die DLRG bisher keinen Todesfall, in der Ostsee dagegen 14. Besonders große Binnengewässer wie Rhein und Bodensee gelten nach einem DLRG-Sprecher als gefährlich, weil sie von vielen als „Urlaubsziel“ wahrgenommen werden, aber hydraulisch deutlich anspruchsvoller sind als ein abgegrenztes Schwimmbecken.
Die Verteilung nach Alter und Geschlecht zeigt ein weiteres Muster. In den ersten sieben Monaten ertranken deutlich mehr junge Menschen: 75 Todesopfer gehörten zur Gruppe der Jüngeren, im Jahr davor waren es 49. Fast alle waren männlich. DLRG-Präsidentin Ute Vogt führt dies auf leichtsinniges Verhalten zurück, „oft in Verbindung mit Alkohol und anderen Drogen“. Dazu kommt aus ihrer Sicht ein zweites Problem: Andere können nicht oder kaum schwimmen und begeben sich dennoch in Situationen, in denen Wasserrettung nicht rechtzeitig greifen kann. Selbst bei günstig wirkenden Bedingungen gibt es laut Vogt keinen „Gewinn“ für riskantes Handeln – sondern im schlimmsten Fall den Verlust des eigenen Lebens.
Bei älteren Schwimmern über 70 nennt die DLRG ebenfalls wiederkehrende Ursachen. Häufig stehen dabei Vorerkrankungen im Hintergrund, daneben aber auch Selbstüberschätzung. 59 Todesopfer wurden in dieser Altersgruppe gezählt, 11 mehr als im Vorjahreszeitraum. Überraschend selten – aber keineswegs zu vernachlässigen – waren die Opferzahlen bei Kindern: Unter Kindern bis zu zehn Jahren gab es 8 Todesopfer, eines weniger als im Vorjahreszeitraum. Vogt betont zugleich, dass gefährliche Situationen und schwere Unfälle weiterhin vorkommen können, bei denen Rettungskräfte Kinder wiederbeleben müssen. Das verweist auf ein praktisches Erziehungs- und Aufmerksamkeits-Thema: Sicherheit entsteht nicht nur durch Technik und Rettungsdienste, sondern vor allem durch konsequente Beaufsichtigung und geeignete Lernangebote.
Konkrete Hinweise für den Alltag liefert die DLRG auch im Kontext von Mediennutzung und Aufsicht. Vogt nennt als häufige Ursache bei Kindern einen Moment der Unachtsamkeit der Eltern. Badbetreiber forderten deshalb laut DLRG häufiger Schwimmflügel für Jungen und Mädchen – oder stattdessen ein Schwimmabzeichen als Nachweis. Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister, Peter Harzheim, warnte zudem davor, im Freibad das Smartphone in den Mittelpunkt zu stellen, weil dann die Betreuung der Kinder in den Hintergrund rückt. Hier zeigt sich ein klassischer Zielkonflikt: Das digitale Ablenkungsversprechen („kurz nachschauen“) passt nicht zu Umgebungen, in denen Sekunden über Leben und Tod entscheiden können.
Langfristig führt die DLRG die Diskussion aber weg von Einzelverhalten und hin zu Infrastruktur und Personal. Vogt sieht nachhaltige Verbesserungen erst dann, wenn Bund, Länder und Kommunen flächendeckend mehr in marode Schwimmbäder und in Schwimmunterricht an Schulen investieren. Harzheim ergänzt ein strukturelles Engpassproblem: Es fehlten mehr als 3.000 Bademeister. Der Personalmangel zwingt seiner Darstellung nach dazu, Öffnungszeiten in Schwimmbädern zu verkürzen, und genau darunter leidet wiederum die Schwimmfähigkeit junger Menschen. Für Organisationen wie die DLRG ist das ein doppelt scharfer Hebel: Weniger Trainingszeit erhöht das Risiko, und mehr Risikofälle belasten die Einsatzkräfte. Vogt fordert deshalb bessere Aufklärung über Gefahren – denn der Schlüssel zu weniger Ertrinkungsunfällen sei, wie sie formuliert, das notwendige Wissen. In Deutschland vermisst die DLRG zudem Aufklärungskampagnen sowie eine Strategie, die etwa von der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Verringerung tödlicher Unglücke im Wasser gefordert wird. Gerade in Zeiten, in denen Hitzeperioden häufiger wirken, wird damit klar: Prävention ist nicht nur eine Sommer-„Botschaft“, sondern ein planbarer Bestandteil von Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur.
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