LONDON (IT BOLTWISE) – Während Blut, Speichel oder Urin längst in Routinelabore integriert sind, gewinnt Menstruationsblut gerade erst an Aufmerksamkeit. Startups entwickeln dafür Testkits und Verfahren, die ohne Nadel auskommen sollen, unter anderem mit einer Menstruationstasse oder einem Teststreifen in einer speziellen Binde. Ziel ist es, Biomarker für Themen wie Fruchtbarkeit, PCOS, Perimenopause oder Infektionskrankheiten schneller und weniger belastend zu erfassen. Gleichzeitig zeigt die Forschung, wie variabel die Probe je Zyklus und Person ausfällt und wie viel Grundlagenarbeit noch nötig ist.

Wer in der Medizin auf Diagnostik setzt, arbeitet meist mit Proben, die sich routiniert gewinnen lassen: Blut aus der Vene, Speichel per Spülprobe oder Urin aus der Blase. Menstruationsblut fällt dagegen aus dem gängigen Laboralltag heraus, obwohl es sich im Zyklusfenster ähnlich zuverlässig sammeln lässt. Genau hier setzen mehrere Startups an und versprechen, dass diese Flüssigkeit nicht nur „einfach da“ ist, sondern einen Mix aus Proteinen, Gewebebestandteilen und Immunzellen liefert, der Rückschlüsse auf Krankheiten, Fruchtbarkeit und sogar Umweltbelastung zulassen könnte. Der Anspruch ist groß – die Hürde ist es ebenso, denn die Probe ist biologisch heterogen und wird bislang deutlich zu selten systematisch untersucht.
Technisch betrachtet beginnt das Problem bereits bei den Grundlagen: Menstruationsblut besteht aus Blut, abgestoßenem Gewebe der Gebärmutterschleimhaut sowie lebenden Zellen; dazu kommen Zervix- und Vaginalschleim. Welche Bestandteile in welcher Zusammensetzung vorliegen, lässt sich nicht mit einem einzigen Standardbild festnageln. Unterschiede treten nicht nur zwischen Personen auf, sondern auch von Zyklus zu Zyklus und selbst innerhalb einer Menstruationstage. Vor diesem Hintergrund beschreibt die New Yorker Forscherin Christine Metz Menstruationsflüssigkeit als eine Art natürliche Biopsie der Gebärmutter. Sie argumentiert damit gegen den Eindruck, es handele sich um „nur“ Blut, und bettet die Diagnoseüberlegung in die Idee ein, dass ohne invasiven Eingriff eine umfassendere Gewebeprobe zugänglich wird.
Dass das diagnostische Potenzial real existieren kann, stützt auch die Datenlage aus der Proteinforschung: Es gebe mindestens 350 Proteine, die sich mindestens im Kontext von Menstruationsblut detektieren lassen und in arteriellem Blut nicht in gleicher Weise vorkommen, wie in der Quelle referenziert wird. Für das deutsche Startup Theblood leitet sich daraus eine Biomarker-Logik ab: jedes nachweisbare Protein wird zum Kandidaten für eine Laboranalyse, die Zustände im Körper sichtbar machen soll. Die Firma hat dafür ein Testkit entwickelt, in dem eine Menstruationstasse aus Silikon enthalten ist. Die Anwenderin führt das Gefäß während der Periode in die Vagina ein, fängt das Menstruationsblut auf, füllt es anschließend in einen Probencontainer und sendet es per Post an das Labor. Noch ist das 2022 gegründete Unternehmen im Aufbau: Eine umfangreiche Testergebnis-Ausgabe steht laut Beschreibung bislang nicht für alle im selben Umfang bereit, stattdessen gibt es die Möglichkeit, an Forschungsstudien teilzunehmen – mit der Konsequenz, dass Theblood einen Teil der Grundlagenarbeit selbst finanzieren und entwickeln muss.
Die Frage nach der Skalierbarkeit zeigt sich besonders an dem bislang einzigen Produkt mit Zulassung für die Analyse von Menstruationsblut in der Schilderung: Das US-Startup Qvin nutzt einen Teststreifen in einer speziellen Binde, um den HbA1c-Wert zu messen, den sogenannten Langzeitblutzucker. Der Wert ist für Diabetiker relevant und wird in der Regel über Blutproben ermittelt, aber die Idee hier ist, den Weg zum Arzt und den Stich mit einer Nadel für wiederkehrende Kontrollen zu reduzieren. Gleichzeitig wird damit sichtbar, wie sich ein solcher Ansatz vom „Ersatz für eine bestehende Blutabnahme“ zu einem breiteren diagnostischen Werkzeug weiterentwickeln kann. Qvin wolle als nächstes die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und die Diagnose sexuell übertragbarer Krankheiten ausbauen; diese Ziele sind in der Quelle mit Abstrich-basierten Tests verknüpft, die viele Betroffene als unangenehm empfinden.
Auch in der Forschung verschiebt sich der Fokus: Metz sieht vor allem Anwendungsfelder, in denen es bisher wenig etablierte Tests gibt. Ein zentrales Beispiel ist Fruchtbarkeit. Sie formuliert die Perspektive so, dass sich die Analyse des während der Menstruation abgestoßenen Gewebes nutzen lasse, um Fruchtbarkeit – und vor allem Unfruchtbarkeit – besser zu verstehen. Erste Ergebnisse untermauern die Richtung: Forscher aus Irland hätten erhöhte Mengen bestimmter Immunzell-Areale im Menstruationsblut von Frauen nach wiederholten Fehlgeburten nachweisen können. Ganz ähnlich rückt Endometriose in den Vordergrund. Die Quelle beschreibt die Erkrankung als Einnistung von Zellen der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter; rund jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter sei betroffen, mit extremen Periodenschmerzen als typischem Symptom. Bis zur Diagnose vergehen oft Jahre, obwohl die Beschwerden häufig schon im Teenageralter beginnen.
Im Kontext der Endometriose arbeitet Metz mit einem Forschungskollegen seit dreizehn Jahren an der Rose-Studie in den USA, mit dem Ziel, einen einfachen und verlässlichen Test zu entwickeln, der die Zeit bis zur Diagnose deutlich verkürzt. Im Rahmen der Studie wurden Menstruationsblutproben von 3700 Frauen ausgewertet, teils mit Endometriose, teils ohne. Die Unterschiede ließen sich in der Genaktivität von Zellen der Gebärmutterschleimhaut und in Immunzellen nachzeichnen; daraus sei ein Test abgeleitet worden, der in einer klinischen Studie geprüft wird. Auch Theblood arbeite an einem solchen Test. Ergänzend kommt ein zweiter, eher umweltmedizinischer Strang hinzu: Metz untersucht Menstruationsblut zusammen mit Forschern der Harvard-Fakultät für öffentliche Gesundheit auf Schadstoffe. In der Darstellung wurden dabei sehr viele potenzielle Umweltgifte identifiziert – von Luftschadstoffen bis zu PFAS und Pestiziden. Die Idee dahinter: Wenn der Zyklus monatlich neue Informationen über das, was im Körper gelandet ist, liefert, könnte Menstruationsdiagnostik künftig auch als Monitoring-Tool in Bevölkerungsstudien nützlich sein.
Trotz dieser Fortschritte bleibt das Feld anspruchsvoll. Der entscheidende Engpass ist die bisher geringe Zahl belastbarer Studien, oft mit vergleichsweise kleinen Probandenzahlen. Der sogenannte Ekelfaktor habe Forschende lange davon abgehalten, Menstruationsblut ernsthaft zu untersuchen, heißt es in der Quelle – mit der zugespitzten Beobachtung: „Wir wissen mehr über das Gehirn als über die Gebärmutter.“ Genau deshalb wirkt die Startup-Welle wie eine Beschleunigung, aber nicht wie ein fertiger Ersatz für etablierte Diagnostik. Unternehmen, die hier in Laborprozesse, Probentransport und Auswertungssysteme investieren, treffen auf einen Markt, in dem biologische Variabilität und klinische Validierung zusammenarbeiten müssen – und in dem die nächsten Schritte vermutlich weniger in spektakulären Einzeltests liegen, sondern in robusten Studien, reproduzierbarer Probenhandhabung und ausgereiften Biomarker-Panels, die sich an unterschiedlichen Zyklusbedingungen zuverlässig messen lassen.
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