ZENTENDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Merit Order ordnet Kraftwerke nach Kosten und bestimmt damit den Strompreis über das Grenzangebot. In der Diskussion in Zwentendorf zeigt sich: Das System liefert auch bei erneuerbaren Energien messbare Marktsignale. Kritische Krisenphasen gelten zwar als Belastungstest, aber die Mehrheit der Runde sieht gezielte Eingriffe als Ausnahme. Entscheidend für die Integration von Photovoltaik und Wind ist laut den Gästen vor allem der Ausbau von Speicheroptionen.

Wer bei Strompreisen nach schnellen Schuldigen sucht, landet häufig im Kreis der Börse und der Schlagzahl von Meldungen. In der Folge „Energie Zukunft“ aus dem AKW Zwentendorf wird dagegen ein Mechanismus in den Mittelpunkt gestellt, der seit Jahrzehnten die europäische Preisbildung strukturiert: die Merit Order. Der Kern ist simpel genug, um ihn auf andere Märkte zu übertragen. Kraftwerke werden der Reihe nach „nach Kosten“ abgerufen, also vom günstigsten Angebot zuerst bis zu dem Punkt, an dem der Bedarf gerade gedeckt ist. Der Preis entsteht dann nicht als abstraktes Urteil, sondern dort, wo Angebot und Nachfrage zusammenkommen: beim Grenzangebot, dem letzten zum Zug kommenden Einsatz, der die Konditionen für alle davorliegenden Abrufe mit prägt.
Dass das nicht nur theoretisch funktioniert, wurde in der Runde mit Verweis auf Daten der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control unterlegt. Laut den Angaben, die von Ulrich Streibl in die Diskussion eingebracht wurden, habe das Merit-Order-Prinzip seit der Liberalisierung des Strommarktes vor rund 30 Jahren etwa 15 Milliarden Euro an Wertschöpfung beziehungsweise Kosteneinsparungen für Konsumenten ermöglicht. Dabei geht es weniger um „billig um jeden Preis“, sondern um eine Allokation, die knappe Ressourcen sichtbar macht. Wenn ein System auf den Grenzkosten basiert, spüren Marktteilnehmer schneller, welche Technologien wirtschaftlich beitragen können, und welche nicht. Genau deshalb wird das Modell in der Runde als volkswirtschaftlich effizient eingeordnet – mit der klaren Einschränkung, dass es in außergewöhnlichen Situationen nicht blind „durchlaufen“ sollte.
Die Diskussion rückt diese Grenze besonders dann in den Fokus, wenn Knappheit auftritt. Stefan Zach brachte den Zusammenhang mit der Krise rund um den russischen Angriff auf die Ukraine an: Als Gas knapp wurde, verteuerten sich Gaskraftwerke in vielen Stunden massiv. Weil sie in solchen Phasen oft die letzten notwendigen Kraftwerke im System waren, zogen sie den Gesamtpreis nach oben. In der Argumentation klingt das zugleich wie ein Belastungstest: Merit Order kann Preisrisiken nicht „wegdiskutieren“, aber sie bildet ab, welche Kostentreiber gerade den Engpass darstellen. Zach und Streibl betonten dabei ebenfalls, dass Eingriffe in Extremkrisen zwar nötig werden können, jedoch als begrenzte Korrektur gedacht sein sollten. Sobald man in normalen Zeiten die Systematik verändert, sinken nicht nur Transparenz und Vergleichbarkeit, sondern auch der Anreiz, Engpassmanagement über Marktmechanismen zu organisieren.
Der spannendste Teil der Debatte betrifft erneuerbare Energien, weil Photovoltaik und Wind den Tagesverlauf der Angebotskosten stark verschieben. Christian Drastil beschrieb das Problem der Mittagsdominanz: Mittags liefern viele Photovoltaikanlagen gleichzeitig Strom, wodurch die Einspeisung in der Preisbildung typischerweise sehr günstig ausfällt. Abends, wenn die Sonne fehlt, springen konventionelle Kraftwerke ein – und damit steigt der Preis häufig deutlich. Entscheidend ist jedoch, was diese Preisspur im System auslöst. Streibl ordnete die Beobachtung mit konkreten Größen ein: Im Sommer könne der Strom mittags teilweise um rund 3 Cent kosten, während abends die Werte auf etwa 25 Cent steigen könnten. Für die Merit Order ist das kein Widerspruch, sondern die Logik des Grenzangebots: Dort, wo der Preis attraktiv wird, drängen neue Anbieter nach und unterbieten sich gegenseitig – zunehmend auch Speicherbetreiber, die durch die hohen Abendpreise in den Markt gedrängt werden und die Spitzenpreise tendenziell nach unten drücken.
Wie stark solche Unterschiede in die Marktwerte übersetzen, zeigte Hannes Loacker über einen Ländervergleich. Er stellte Italien den Ausbaupfaden in Spanien gegenüber: Italien habe stark in Gasinfrastruktur investiert, während Spanien Photovoltaik und Speicher deutlich stärker vorangetrieben habe. Daraus folge laut Loacker, dass in Italien rund 90 Prozent der Tageszeit Gaskraftwerke für die Preisbildung zugeschaltet würden, in Spanien nur etwa 15 Prozent. Der Effekt auf die Strompreise sei entsprechend erheblich: In Spanien lägen die Preisniveaus über den Tag verteilt deutlich niedriger, teils um bis zu 50 Prozent. Damit richtet sich der Blick auch gegen eine verbreitete, pauschale Kritik, Erneuerbare würden die Merit Order „ad absurdum“ führen. Die Runde argumentiert eher gegenteilig: Wenn die Systembedingungen stimmen, funktionieren die Marktsignale trotz wechselnder Einspeisung.
Andrea Benckendorf von der Strombörse EXAA nahm anschließend die öffentliche Wahrnehmung auseinander. Zwar suchen Verbraucher bei hohen Preisen „gerne die Börsen“ als Erklärung, doch die Merit Order sei im Kern eine Methode, um Angebot und Nachfrage gegenüberzustellen. Der entscheidende Punkt ist das Grenzangebot: Wenn ausreichende erneuerbare Ressourcen verfügbar sind, bleibt der Preis niedrig, weil günstigere Erzeuger den Abruf dominieren. Fehlen sie hingegen, werden teurere Ressourcen nötig – und die Preisbildung folgt dann zwangsläufig diesen Kosten. Auf die Frage, ob europäische Börsenbetreiber eine Reform oder Abschaffung diskutieren, erklärte Benckendorf, dass Börsenbetreiber daran nicht „mitreden“ dürften und sie aus der Branche dennoch vernommen hätten, dass die Systematik beibehalten werden müsse. Dabei verwies sie auf politischen Druck, insbesondere seitens des Konsumentenschutzes, und sagte: „Ich habe noch keine bessere Methode oder Systematik entdeckt oder gefunden, die als Alternative zur Merit-Order-Preisfindung eingesetzt werden könnte.“
Zum Abschluss erweitert Mario Müller von Emerald Horizon den Blick in Richtung Systemarchitektur statt nur Preislogik. Sein Ansatz zielt auf „Energy as a Service“, also nicht darauf, zwingend den absolut niedrigsten Preis pro Kilowattstunde zu erreichen, sondern dauerhaft günstiger als der bestehende Markt zu sein. Dafür setzt das Unternehmen laut Mül ler auf die Kombination aus Produktion und Speicherung, um die Volatilität von Photovoltaik und Wind abzufedern. Er knüpft dabei an eine bekannte Metapher aus der Debatte um „Flatterenergie“ an: Tagsüber können erneuerbare Quellen den Preis drücken, nachts rechnerisch aber besonders hohe Kosten verursachen. Für kritische Infrastruktur, die eine durchgängige 24-Stunden-Versorgung benötigt, wird genau hier der Mehrwert sichtbar: Speicher und planbare Erzeugung sollen das System resilienter machen, ohne den Grundmechanismus der Merit Order zu ersetzen.
Die Runde kommt bei aller Unterschiedlichkeit von Akteuren – von Ökostrom und Vermögensverwaltung über EVN als Gastgeber bis hin zu Börsen und einem neuen Marktteilnehmer mit Fokus auf Kernenergie – zu einem erstaunlich einheitlichen Urteil. Die Merit Order gilt als bewährter Preisbildungsmechanismus und als Werkzeug für Marktsignale. Gleichzeitig wird anerkannt, dass Krisenzeiten gezielt und begrenzt Eingriffe erfordern können, etwa wenn Knappheiten wie bei Gas oder anderen Engpässen den Marktmechanismus härter wirken lassen. Die Integration erneuerbarer Energien wird in der Diskussion nicht als Bruch, sondern als Herausforderung gelesen, die sich vor allem über Speichertechnologien und passende Investitionspfade lösen lässt. Gerade im Spannungsfeld aus Mittagsüberschuss, Abendspitzen und Kosten für gesicherte Leistung zeigt sich damit: Nicht das System ist das Problem, sondern die Frage, wie schnell neue Flexibilität in den Markt kommt.
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