SEOUL / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundeskanzler Friedrich Merz wirbt zum Abschluss seiner fünftägigen Asienreise in Seoul erneut für ein Netzwerk des freien Welthandels nach internationalen Regeln. Er verknüpft das Thema mit Sorgen über politisierte Lieferketten, blockierten Zugang zu Schlüsseltechnologien und Rohstoffsicherung als Machtinstrument. Im Rahmen des Asien-Pazifik-Forums sollen laut Veranstaltungsangaben auch Vereinbarungen im Startup- und KI-Umfeld angeschoben werden. Zugleich fordert Merz eine engere Koordination bestehender EU-Freihandelsabkommen und neue Partnerschaften etwa mit Asean sowie in Richtung Transpazifische Partnerschaft.

Zum Abschluss seiner fünftägigen Asienreise hat Bundeskanzler Friedrich Merz in Seoul den strategischen Ton für die kommenden Monate gesetzt: Freier Handel nach internationalen Regeln ist aus seiner Sicht nicht nur ein wirtschaftspolitisches Leitbild, sondern auch ein Sicherheitsfaktor. Auf der Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft stellte er die These in den Mittelpunkt, dass die sich wandelnde geopolitische Lage gleichgesinnte Partner enger zusammenbringe. Damit knüpft der CDU-Chef an die Debatte an, die sich in den letzten Jahren immer stärker von klassischen Zollfragen gelöst hat und inzwischen Themen wie Technologiezugang, Rohstoffsicherung und Lieferkettenstabilität umfasst.
Merz’ Argumentation setzt dabei an der Praxis an: Wenn Lieferketten zu politischen Spielbällen werden, der Zugang zu Schlüsseltechnologien behindert wird oder Bemühungen zur Sicherung von Rohstoffen eher nach Machtdemonstration aussehen als nach fairer Partnerschaft, drohen laut seiner Darstellung Wachstum und Wohlstand zu leiden. Besonders deutlich wird die Zielrichtung durch den Hinweis, dass solche Handelspraktiken vor allem China vorgeworfen werden. Für Unternehmen ist das weniger eine Streitfrage auf der Landkarte als eine Belastung im Alltag der Beschaffung, der Produktion und des Marktzugangs – also genau dort, wo Kosten, Zeitpläne und Risikoprofile entstehen.
Aus dieser Stoßrichtung leitet Merz zwei politische Vorschläge ab, die auch wirtschaftlich eine klare Erwartung formulieren. Erstens spricht er sich erneut für die Bildung einer Allianz gleichgesinnter Staaten für freien Welthandel aus, die neben der überwiegend handlungsunfähigen Welthandelsorganisation entstehen soll. Zweitens fordert er eine stärkere Verknüpfung der zahlreichen Freihandelsabkommen der EU untereinander und darüber hinaus neue Abkommen mit Staatenbündnissen wie Asean sowie im Umfeld der Transpazifischen Partnerschaft. Für die Praxis bedeutet das: Wer in vielen Märkten gleichzeitig aktiv ist, profitiert typischerweise weniger von einzelnen bilateralen Einzellösungen als von konsistenten Regelwerken, die sich über Produktkategorien, Zollprozesse und Zertifizierungslogiken hinweg wiederholen.
Die konkrete Sitzordnung der Konferenz macht deutlich, warum der Abgleich zwischen Politik und Wirtschaft dabei so betont wird. Rund 1000 Wirtschaftsvertreter aus Deutschland und dem indopazifischen Raum nehmen an der Asien-Pazifik-Konferenz teil, die Merz als letzte Station seiner Reise in Seoul abschließt. In diesem Rahmen sollen laut den Angaben am Rand des Besuchs zahlreiche Unternehmensvereinbarungen entstehen, insbesondere im Startup- und KI-Bereich. Für die KI-Entwicklung ist das relevant, weil viele Use Cases in der Regel nicht nur Modelle, sondern Ökosysteme benötigen: Plattformzugänge, Datenpartnerschaften, Integrationsfähigkeiten in bestehende Industrie-IT sowie klare Wege für Pilotprojekte bis hin zu ersten produktiven Deployments.
Auch die Perspektive aus Südkorea ordnet das Ganze wirtschaftlich ein. Der süd-koreanische Ministerpräsident Han Seong Sook sagte, deutsche Unternehmen nutzten Korea als zentralen Knotenpunkt, um die Präsenz im asiatisch-pazifischen Raum auszubauen. In der Rede wurden drei Felder hervorgehoben, in denen man sich verstärkte Kooperation mit Deutschland erhofft: Batterieproduktion, Halbleiter und die KI-gestützte Transformation der Industrieproduktion. Das ist technisch anschlussfähig, weil Halbleiter in der Regel als Engpasskomponente für Automatisierung und Elektrifizierung wirken, während Batterieproduktion wiederum stark von Lieferketten, Qualitätsstandards und Skalierungslogiken abhängt. KI-gestützte Industrieproduktion schließlich ist der Teil, der häufig über Predictive Maintenance, Qualitätsprüfung und Prozessoptimierung konkretisiert wird und damit direkt messbare Effekte liefern soll.
Historisch betrachtet verschiebt sich damit die Bedeutung von Freihandelsinitiativen. Früher standen vor allem Zölle, Handelshemmnisse und Marktzugänge im Vordergrund. In der heutigen Phase geht es zusätzlich um die Regulierung von Technologieflüssen und um die Frage, wie schnell Unternehmen auf neue Abhängigkeiten reagieren können, etwa wenn Länder den Export bestimmter Komponenten restriktiver behandeln oder wenn Zertifizierungs- und Compliance-Anforderungen entlang von Lieferketten steigen. In solchen Situationen wird ein konsistentes Netzwerk aus Abkommen, Partnerländern und verlässlichen Regeln zu einem organisatorischen Vorteil: Es reduziert die Anzahl der Annahmen, die Teams bei Risikoanalysen treffen müssen.
Für Unternehmen in Deutschland und im indopazifischen Raum dürfte daraus vor allem eine neue Planungslogik entstehen. Wenn politische Initiativen wie die Verknüpfung bestehender EU-Freihandelsabkommen mit konkreten Branchenfeldern wie Halbleiter, Batterieproduktion und KI-gestützter Industrieproduktion zusammengeführt werden, steigen die Chancen auf Pilotprojekte, die nicht bei der Machbarkeit stehen bleiben, sondern in Richtung Skalierung drängen. Gleichzeitig bleibt das Tempo eine offene Frage: Vereinbarungen im Startup- und KI-Umfeld entstehen oft schnell, doch die industrielle Umsetzung hängt an Infrastruktur, Qualifikation und Integrationsaufwand. Genau deshalb lohnt es sich für Entscheider, die Konferenz als Signal zu lesen: Die nächsten Schritte dürften stärker dort passieren, wo Technologiepartnerschaften mit handelspolitischer Stabilität zusammenkommen.
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