BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundeskanzler Friedrich Merz sieht trotz geplanter neuer EU-Schutzinstrumente keinen „Handelskrieg“ mit China. Beim „Berlin Global Dialogue“ betont er, die EU wolle fairen Handel herstellen und zugleich bereit sein, sich gegen unfaire Praktiken zu verteidigen. Als Ursachen nennt er unter anderem Überkapazitäten, hohe Subventionen im Automobilsektor und eine künstlich unterbewertete Währung. Hintergrund ist der EU-Beschluss, Ungleichgewichte im Binnenmarkt mit neuen Mitteln entschlossener zu adressieren.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat in Berlin die Tonlage in der Debatte um den Handel mit China bewusst eingehegt. Er stellte klar, dass die geplanten stärkeren Schutzinstrumente der EU nicht auf Eskalation zielen. Nach seinen Worten geht es um ein „neues Gleichgewicht“ im Handel, weil Europa zwar als offener Markt auftreten will, die Grundvoraussetzung dafür aber fairer Handel ist. Merz ordnete damit das politische Signal ein, das in den vergangenen Tagen in Brüssel und in den Hauptstädten der Mitgliedstaaten deutlich geworden ist: Man will schneller reagieren können, ohne den Austausch grundsätzlich abzuschneiden.
Technisch und wirtschaftspolitisch interessant ist dabei vor allem, wie die EU ihre Instrumente neu ausrichten will. In der vergangenen Woche hatten die Staats- und Regierungschefs die Europäische Kommission aufgefordert, dringend neue Werkzeuge gegen Ungleichgewichte zu entwickeln, die durch Drittstaaten in den Binnenmarkt hineinwirken. Gleichzeitig soll die Behörde bestehende EU-Instrumente wirksam einsetzen und den Dialog fortsetzen. Der politische Kern liegt in der Idee, den Zugang zum EU-Binnenmarkt regulieren zu können, falls schwere und systematische Verzerrungen auftreten. Für Unternehmen bedeutet das: Zölle und klassische Handelsmaßnahmen sind nicht das einzige Element, sondern künftig kann auch der Marktzugang selbst stärker als Hebel dienen.
Merz verwies als Beispiele auf Mechanismen, die aus seiner Sicht Wettbewerbsverzerrungen erklären. Genannt wurden Überkapazitäten, hohe Subventionen im Automobilsektor sowie eine künstlich unterbewertete Währung. Diese Punkte sind keine rein rhetorischen Schlagworte, sondern spiegeln typische Ursachen wider, die in handelsökonomischen Analysen immer wieder auftauchen: Wenn zusätzliche Produktionskapazitäten ohne marktübliche Finanzierung auf den Exportmärkten landen, kann das Preise drücken; Subventionsprogramme senken strukturelle Kosten; und ein Währungsfaktor kann die relativen Preise zusätzlich verschieben. In der Konsequenz verschiebt sich die Debatte von Einzelfällen hin zu strukturellen Fragen, die langfristig über Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsentscheidungen entscheiden.
Dass die EU dabei nicht im luftleeren Raum argumentiert, zeigt der konkrete Verlauf im Automobilhandel. Vor zwei Wochen hatte China eine Drosselung chinesischer Exporte von Hybridautos nach Europa akzeptiert. Laut den Angaben eines EU-Handelskommissars könnten die Lieferungen in die EU dadurch um mehr als die Hälfte zurückgehen, nachdem Verhandlungen mit dem chinesischen Handelsminister in Peking zu einer Verständigung geführt hatten. Für deutsche Autobauer könnte das den Druck durch chinesische Konkurrenz zumindest kurzfristig spürbar mindern, auch wenn damit nicht automatisch die tieferen Ursachen für Preis- und Kapazitätsdifferenzen verschwinden. EU-interne Bewertungen zielen deshalb offenbar darauf, den Effekt einzelner Vereinbarungen in ein breiteres Muster fairerer Beziehungen zu überführen.
Parallel dazu wird die langfristige Abhängigkeit der EU von China bei kritischen Rohstoffen stärker in den Fokus gerückt. Der EU-Wirtschaftskommissar sprach am Rande der Veranstaltung davon, dass ein erster positiver Schritt gemacht sei, die Arbeiten aber weitergehen müssten, um ein umfassenderes Gleichgewicht zu erreichen. Aus seiner Sicht darf die Abhängigkeit bei kritischen Rohstoffen nicht unverändert bleiben, sondern muss durch stärkere Diversifizierung reduziert werden. Das ist zugleich ein industriepolitischer und ein risiko-getriebener Ansatz: Je weniger ein Land bei einzelnen Engpassmaterialien gebunden ist, desto eher kann es auch bei Handelskonflikten handlungsfähig bleiben. Genau an dieser Stelle treffen sich die handelspolitische Logik (Wettbewerbsbedingungen) und die resilienzorientierte Logik (Versorgungssicherheit).
Bemerkenswert ist außerdem Merz’ Vergleich zwischen Europa und den USA. Er sagte, die EU sei ein offener Markt und wolle offen bleiben, während der US-Markt für viele chinesische Unternehmen und staatlich gelenkte Akteure verschlossen sei. Diese Gegenüberstellung legt nahe, dass die EU ihren Handlungsspielraum nicht nur über verschärfte Maßnahmen sucht, sondern auch über die Frage, wie viel Offenheit man sich bei nachweislich ungleichen Spielregeln leisten kann. Die entscheidende strategische Frage lautet damit nicht „Handelskrieg ja oder nein“, sondern wie sich Offenheit und Schutzfähigkeit so kombinieren lassen, dass Investitionen in Europa verlässlich geplant werden können. In diesem Spannungsfeld dürfte die Ausgestaltung der neuen EU-Instrumente für Unternehmen, Verbände und betroffene Branchen die wichtigste praktische Folge der aktuellen Politikdebatte werden.
Für die nächsten Monate wird es darauf ankommen, wie schnell die Kommission die geforderte Entschlossenheit in konkrete Verfahren übersetzt. Wenn der Binnenmarktzugang als Regulierungshebel tatsächlich häufiger zum Einsatz kommen kann, verändert das die Erwartungshaltung in Lieferketten und bei Produktplanungen. Unternehmen mit intensiven Absatz- und Lieferbeziehungen nach China werden deshalb auch genauer prüfen müssen, welche Länder- und Produktkategorien betroffen sind und wie sich die EU-Position bei neuen Ungleichgewichten weiterentwickelt. Gleichzeitig bleibt der Dialog-Teil der Linie entscheidend, weil er bestimmt, ob Unternehmen eher mit verhandelbaren Übergängen rechnen können oder mit abrupten Änderungen. Merz’ Fazit, „friedliche Lösungen“ zu suchen, setzt genau hier einen Rahmen: Der Wille zur Absicherung soll zwar spürbar sein, aber ohne den Handel als Ganzes in eine Spirale aus Gegensanktionen zu drehen.
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