IDAHO / LONDON (IT BOLTWISE) – Jim Cramer hält in seiner Sendung an Speicherchip-Aktien fest und nennt Micron, Sandisk sowie Western Digital weiter als „unverzichtbar“. Seine Kernidee: KI verändert den Speichermarkt strukturell, sodass der klassische Boom-Bust-Zyklus an Schärfe verliert. Micron liefert dazu Zahlen, die auf sehr hohe Auslastung hindeuten, während das Unternehmen Kapazitäten bereits bis 2027 verkauft haben will. Offen bleibt jedoch, wie stabil die Margen bleiben, wenn der Markt eine neue HBM- oder DRAM-Phase einpreist.

Wer Speicherchips kauft, kauft historisch auch Zyklen. Der Grund ist simpel: DRAM- und NAND-Kapazitäten lassen sich nicht von heute auf morgen hochfahren, aber wenn Nachfrage und Preise steigen, investieren Hersteller in Kapazität. Später überschwemmt das zusätzliche Angebot den Markt, Margen und Erlöse geraten unter Druck. Genau diesen Mechanismus hat Jim Cramer in den Hintergrund gedrängt und stattdessen auf eine Nachfragekomponente gesetzt, die aus seiner Sicht nicht nur „mehr“ ist, sondern die Marktstruktur verändert: KI-Rechenzentren brauchen immer größere Mengen an schnellen Speicherbausteinen.
In dieser Argumentation rücken vor allem die Engpässe in den Vordergrund. Cramer verknüpft die Kursbewegung der Branche mit Aussagen von Elon Musk im Rahmen eines SpaceX-Earnings-Calls, wonach Speicher mittlerweile der Engpass beim Ausbau von KI-Rechenzentren sei. Das ist im Kern eine andere Perspektive als bei klassischen Hardware-Sprüngen: Nicht allein Rechenleistung (Compute) limitiert Skalierung, sondern auch Bandbreite, Latenz und die verfügbare Speicherkapazität. Für Investoren bedeutet das: Wenn KI-Workloads dauerhaft neue Speicherprofile nachfragen, kann die Nachfragevolatilität sinken – zumindest relativ zu früheren Kapazitäts- und Preiszyklen.
Micron steht in dem Umfeld besonders im Fokus, weil das Unternehmen nicht nur DRAM- und NAND-Technologien bedient, sondern auch HBM (High Bandwidth Memory) für datenintensive Systeme. Laut dem Bericht, auf den sich die aktuelle Diskussion stützt, hat Micron HBM- und DRAM-Kapazitäten bereits bis 2027 verkauft. Zudem wird dort beziffert, dass KI-Rechenzentren inzwischen etwa 70 Prozent der weltweiten Speicherchip-Produktion verbrauchen. Für die operative Planung ist das entscheidend: Wo früher Produktionsausbau und Nachfragekurve zeitversetzt aufeinandertrafen, verschiebt sich die Zeitachse durch Vorausverträge und verbindliche Lieferzusagen.
Diese Planbarkeit spiegelt sich auch im von Micron genannten Finanzbild wider. Im dritten Fiskalquartal 2026, das am 28. Mai endete, meldete Micron einen Umsatz von 41,46 Milliarden US-Dollar sowie ein Non-GAAP-Ergebnis je Aktie von 25,11 US-Dollar bei einem operativen Cashflow von 25,39 Milliarden US-Dollar. Besonders auffällig ist die Bruttomarge: Non-GAAP lag bei 84,9 Prozent, während sie im Vorjahresquartal GAAP-seitig bei 37,7 Prozent lag. Für Technologiewerte ist die Abgrenzung zwischen Non-GAAP und GAAP zwar üblich, aber sie zeigt zugleich, wie stark die Kosten- und Preisstruktur in diesem Zyklus nach oben gezogen wurde.
Das Management liefert zudem Signale zur Nachfrageabsicherung. Für das vierte Fiskalquartal stellte Micron einen Umsatz von 50,0 Milliarden US-Dollar (plus/minus 1,0 Milliarden) sowie ein Non-GAAP-Ergebnis je Aktie von 31,00 US-Dollar (plus/minus 1,00) in Aussicht. CEO Sanjay Mehrotra verwies dabei auf mehrjährige strategische Kundenvereinbarungen, die Umsatz und Nachfrage absichern sollen. Ergänzend heißt es, Micron habe bereits 22 Milliarden US-Dollar an Vorauszahlungen im Rahmen von Kundenvereinbarungen zugesagt. Technisch betrachtet heißt das: Die Hersteller sichern sich nicht nur Absatz, sondern auch die Finanzierung und Kapazitätsallokation für kostspielige Fertigungs- und Prozessschritte.
Trotzdem bleibt der Gegenwind Teil des Geschäftsmodells. Speicherchips waren über Jahre hinweg ein Paradebeispiel für den „Boom-Bust“-Handel: Nachfragespitzen führen zu Kapazitätserweiterungen, später sinken Preise, weil das Angebot den Markt überholt. Kritiker argumentieren daher, Micron bleibe fundamental ein zyklischer Anbieter und die Aktie habe bereits gezeigt, wie schnell der Markt die Stimmung kippen kann, sobald Zweifel an der Dauer des KI-getriebenen Memory-Booms aufkommen. Analyst Pierre Ferragu hob in diesem Umfeld sein Kursziel an und verwies darauf, dass sich dieser Zyklus in Stärke und Treibern von früheren Phasen unterscheide.
Für Anleger entscheidet sich die Frage nach dem „neuen“ Zyklus jedoch weniger in der Debatte über die Vergangenheit, sondern im nächsten Ergebnisfenster. Der nächste Ergebnisausweis soll zeigen, welches Umsatzniveau Micron für das vierte Fiskalquartal tatsächlich meldet und wie sich die Bruttomarge entwickelt. Genau dort wird sichtbar, ob KI-Nachfrage kurzfristig nur Preissignale verstärkt oder ob sie tatsächlich den Zyklus glättet. Gleichzeitig lohnt der Blick auf die Einstufungen: Der Analystenkonsens wird als „Strong Buy“ mit einem mittleren Kursziel von rund 1.559 US-Dollar beschrieben, wobei eine Spanne von 1.100 bis 2.200 US-Dollar genannt wird. UBS-Analyst Timothy Arcuri hält eine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 1.625 US-Dollar, während Bank of America Securities bei 1.550 US-Dollar bleibt.
Was das für die Branche bedeutet, geht über einzelne Empfehlungen hinaus. Wenn Speicherchips – insbesondere HBM sowie DRAM für GPU- und KI-Cluster – wirklich zum systemseitigen Engpass werden, steigt der strategische Stellenwert von Speicherlieferketten und langfristigen Vereinbarungen. Unternehmen, die KI-Infrastruktur planen, müssen dann weniger nur Rechenzeit einkaufen, sondern auch Speicherverfügbarkeit und Lieferfähigkeit in ihre Roadmaps aufnehmen. Und für den Markt insgesamt gilt: Selbst wenn KI die Zyklik abschwächt, verschiebt sie die Bewertungslogik. Nicht das Ende des Zyklenrisikos verschwindet, sondern es verlagert sich in die nächste Phase – dahin, wo sich zeigt, wie belastbar Margen und Cashflows bleiben, sobald die nächste Welle von KI-Deployments in der Praxis auf die Lieferkapazitäten trifft.
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