LOS ANGELES / LONDON (IT BOLTWISE) – Midjourney versucht, im laufenden Copyright-Prozess gegen Disney, Universal und Warner Bros. mehr Offenlegung zur eigenen und zur internen KI-Nutzung der Studios zu erzwingen. Nach einer Entscheidung, die Discovery auf „consumer-facing“ KI beschränkte, argumentieren Midjourneys Anwälte, dass interne Storyboarding- und Ideation-Workflows für die Fair-Use- und „unclean hands“-Fragen entscheidend sind. Die Studios halten dagegen und warnen vor einer „Fishing Expedition“. Der Streit zeigt, wie schnell sich KI-Entwicklung, Trainingsdaten und Rechtsrisiken in denselben technischen Werkzeugketten überlagern.

Midjourney treibt seinen Copyright-Rechtsstreit gegen Disney, Universal und Warner Bros. in eine neue Runde – und macht dabei weniger Schlagzeilen über die generierten Bilder als über das, was Unternehmen in KI-Prozessen intern tun. Wie aus US-Verfahrensdokumenten hervorgeht, will Midjourney im Rahmen der Discovery mehr Informationen über die KI-Nutzung der Studios erhalten. Hintergrund: Die Studios hatten Midjourney bereits im vergangenen Jahr verklagt und dabei behauptet, das KI-Bildlabor ermögliche eine breite Verletzung ihrer urheberrechtlich geschützten Charaktere. Midjourney verweist auf „fair use“ und stellt gleichzeitig in den Raum, dass die Studios selbst ähnliche KI-Praktiken anwenden.
Entscheidend ist dabei nicht nur die rechtliche Bewertung, sondern auch die technische Nachvollziehbarkeit der KI-Entwicklung. Im Kern geht es um Dokumente und Artefakte wie Research Reports, Trainingsdatensätze, Modellgewichte (model weights) und Teile von Business-Planungen, die Aufschluss darüber geben könnten, wie Bilder oder Inhalte für Film- und TV-Produktionen entstehen. Zusätzlich verlangt Midjourney offenbar auch Einblicke in Board-Präsentationen der Studios, um KI als Prozessfaktor in der Wertschöpfungskette zu belegen. Aus Sicht der Klägerseite soll dieser Nachweis zeigen, ob und wie KI intern für Storyboarding, Ideation oder ähnliche Vorstufen eingesetzt wird – und ob das Branchenmuster vergleichbar ist.
Das Verfahren nahm bereits vorher Fahrt auf: Im Juni hatte ein Bundesbezirksmagistrat die Reichweite von Midjourneys Discovery-Anträgen begrenzt. Der Richter ordnete an, dass die Studios nur Informationen zu „consumer-facing“ KI-Anwendungen herausgeben müssen – also zu KI-Produkten, die sich direkt an Konsumenten richten. Für die Beklagten ist diese Abgrenzung naheliegend: Internes Tooling sei für die Frage, ob Midjourney fremde Rechte verletzt, nur indirekt relevant. Midjourney hingegen argumentiert nun, dass diese Trennung die Logik von Fair-Use und „unclean hands“ untergräbt. In einem Schreiben betont die anwaltliche Vertretung, dass Belege dafür, dass die Klägerseite „das gleiche“ begehrt und bestraft sieht, den Kern dieser Verteidigungsstrategien treffen würden.
Technisch betrachtet ist die Forderung nach mehr Offenlegung nachvollziehbar, aber zugleich hochsensibel. Trainingsdaten, Modellgewichte und Pipeline-Komponenten sind für KI-Teams häufig nicht nur IP-relevant, sondern auch ein Bestandteil von Wettbewerbsvorteilen. Dazu kommt: Die Frage, ob ein Modell auf lizenzfreien oder nur teilweise autorisierten Quellen trainiert wurde, ist faktisch schwer zu beweisen, weil viele Unternehmen Datenabzüge, Filterregeln und Training-Run-Metadaten nicht öffentlich machen. Die Studios versuchen deshalb, die Discovery auf genau definierte Bereiche zu lenken. US-Anwälte, die in vergleichbaren Fällen berichten, sehen darin oft den Versuch, „Relevanz und Verhältnismäßigkeit“ zu wahren – insbesondere wenn interne Tools, die nicht in den Markt gehen, als nicht zielführend gelten.
Auch der Marktkontext zeigt, warum Discovery in KI-Verfahren zunehmend strategisch wird. Der Rechtsstreit passiert nicht im luftleeren Raum: In der letzten Zeit haben mehrere KI-Generatoren versucht, sich durch Lizenzmodelle, Kurationsansätze oder Filterverfahren abzusichern. Konkurrenten wie Adobe mit Firefly oder Anbieter aus dem Umfeld von text- und bildbasierten Modellen werben häufig mit Trainingsansätzen, die rechtliche Risiken reduzieren sollen. Gleichzeitig argumentieren Entwickler in der Branche, dass generative KI ohne große Datengrundlagen kaum skalieren kann – und dass die Abgrenzung zwischen Inspiration, Transformationsleistung und tatsächlicher Substitution urheberrechtlich kompliziert bleibt. Genau an dieser Stelle wird der Prozess für die Branche zu einem Präzedenzfall: Nicht nur das Modell, auch die Begründung im Gericht wird Teil des Produkts.
Für die Studios ist die Gegenposition klar formuliert: Midjourney solle keine generellen Einblicke erhalten, sondern sein eigenes Verhalten belegen bzw. rechtlich bewerten lassen. Die führende Anwältin oder der führende Anwalt der Studios führt sinngemäß an, Midjourneys Antrag sei eine „Fishing Expedition“, also ein breites Durchsuchen, um ausgerechnet von internen Praktiken der Gegenseite neue Argumente zu ziehen, statt den konkreten Vorwurf zu adressieren. Rechtlich kann das bedeuten, dass das Gericht die Relevanzprüfung eng auslegt: Selbst wenn Studios KI intern zur Storyentwicklung verwenden, folgt daraus nicht automatisch, dass Midjourneys Nutzung der Studios-Copyrighten gerechtfertigt ist. Für Midjourneys Strategie ist die Diskussion dennoch existenziell, weil sie versucht, das Narrativ vom „fairen“ Umgang in die Beweislast zu ziehen.
Über den Gerichtssaal hinaus berührt der Konflikt auch Regulierungs- und Datenschutzfragen. In den USA steht zwar primär das Urheberrecht im Vordergrund, doch die technische Realität moderner KI-Systeme macht weitere Ebenen relevant: Trainingsdaten können personenbezogene oder anderweitig geschützte Inhalte enthalten; Logging- und Prompt-Metadaten können Nutzeraktivitäten widerspiegeln; und Modell-Deployment-Entscheidungen betreffen nicht nur „Rechte“, sondern auch Sicherheits- und Zugriffsmodelle. In der EU verschärfen gleichzeitig regulatorische Leitplanken wie die KI-Regulierung und laufende Vorgaben zur Transparenz und zum Risikomanagement den Druck auf dokumentierte Prozesse. Für Unternehmen bedeutet das: Selbst wenn ein konkreter Fall in einer Gerichtsbarkeit entschieden wird, beeinflusst er die zukünftige Standardisierung von Trainingsnachweisen, Datenkatalogen und Governance-Strukturen.
Wenn Midjourney mit dem erweiterten Discovery-Antrag Erfolg hat, könnte das die Messlatte für die Dokumentation von KI-Workflows in der Medienindustrie spürbar erhöhen. Denkbar ist, dass Studios künftig stärker zwischen internen Prototyping-Systemen, Produktions-Toolchains und öffentlich zugänglichen Anwendungen differenzieren – inklusive sauberer Audit-Trails, Versionierung von Modellruns und nachvollziehbaren Datenflüssen. Für Entwickler und Data-Teams heißt das: Die juristische Frage „Was ist relevant?“ wird zunehmend zu einer technischen Anforderung an die eigene Engineering-Disziplin. Mittel- bis langfristig erwarten Experten, dass sich in solchen Verfahren Best Practices durchsetzen, etwa standardisierte Data-Provenance, klare Richtlinien zu Lizenzen sowie eine engere Abstimmung zwischen Legal, Security und ML-Engineering. Der Ausgang entscheidet damit nicht nur über Schadensersatz oder Unterlassung, sondern auch darüber, wie KI in regulierten Kreativmärkten organisatorisch „gerichtsfest“ gemacht wird.
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