TUNIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Außenminister Johann Wadephul fordert, die Ursachen der Migrationskrise in afrikanischen Ländern deutlich stärker anzugehen. Beim Treffen mit Tunesiens Außenminister Mohamed Nafti in Tunis verweist er vor allem auf die instabile Lage im Sahel und auf die Folgen für Menschen, die Richtung Norden und Europa aufbrechen. Gleichzeitig sollen auch Schleusernetzwerke konsequenter bekämpft werden, weil viele Betroffene auf der Route durch Tunesien, Algerien oder Libyen sterben. Parallel baut Wadephul die Energie- und Wirtschaftskooperationen aus, um langfristig Wachstum und Wohlstand zu stärken.

Außenminister Johann Wadephul hat seine Nordafrikareise in Tunis mit einem klaren Schwerpunkt begonnen: Die Diskussion über Migration soll sich nicht auf die unmittelbaren Wege in Richtung Europa beschränken, sondern stärker auf die Ursachen in den Herkunftsregionen zielen. Im Gespräch mit Tunesiens Außenminister Mohamed Nafti stellte Wadephul die „instabile Lage im Sahel“ als wiederkehrenden Treiber heraus. Damit verschiebt sich der Fokus von temporären Reaktionen an der Außengrenze hin zu einem Politikkonzept, das ökonomische Stabilität, Sicherheit und Reisewege als zusammenhängende Faktoren betrachtet.
Wadephul verband diese Perspektive direkt mit der Frage nach Akteuren entlang der Routen. Er forderte, „unverantwortlichen Schleuserbanden“ das Handwerk zu legen. Nafti ergänzte die Einordnung, dass Schmugglernetzwerke viele Migranten ausnutzen und auf der Route über Tunesien, Algerien, Libyen oder weitere Staaten tödliche Risiken entstehen. Für die politische Linie bedeutet das: Ursachenbekämpfung und Strafverfolgung werden nicht als Gegensätze behandelt, sondern als zwei Teile desselben Problems – kurzfristig, weil Menschen auf dem Weg sterben, und mittel- bis langfristig, weil stabile Lebensgrundlagen in den Herkunftsländern die Abwanderung senken sollen.
Gleichzeitig blieb die Reise nicht rein migrationspolitisch. Wadephul wurde in Tunis vom Staatspräsidenten Kais Saied empfangen, was für einen Außenminister als außergewöhnliche diplomatische Auszeichnung gilt. In einem Digitalzentrum traf er Vertreterinnen und Vertreter von Start-ups, also jene Akteure, die wirtschaftliche Veränderung häufig zuerst testen und skalieren. Der Besuch ist auch deshalb relevant, weil Migrationsdebatten in der Praxis oft an Beschäftigungsperspektiven hängen: Wenn junge Menschen vor Ort keine berufliche Perspektive sehen, wird die Abwanderung wahrscheinlicher – und zwar unabhängig davon, wie effizient spätere Kontroll- oder Rückführungsmaßnahmen organisiert sind.
Ein konkretes Beispiel aus der Gesprächsrunde lieferte die junge Tunesierin Yasmine Yaakoubi (18). Laut Bericht will sie zunächst in Heidelberg Deutsch lernen und anschließend in München einen Ingenieurs-Studiengang belegen. Später möchte sie in ihr Heimatland zurückkehren, um ihre Fähigkeiten dort einzubringen. Solche Einzelerzählungen sind politisch weniger spektakulär als Verhandlungen über Energieverträge, zeigen aber deutlich, wie Deutschland und Nordafrika über Qualifizierung und Fachkräftebindung wirtschaftlich miteinander verknüpft werden. Wadephul stellte zudem heraus, dass rund 7.500 junge Tunesierinnen und Tunesier in Deutschland studierten und tunesische Fachkräfte einen wertvollen Beitrag im deutschen Gesundheitssystem leisteten.
Im zweiten Teil seines Arguments brachte Wadephul die Energiezusammenarbeit als Hebel für Stabilität und Wachstum ins Spiel. Gerade in der Energiekooperation könne man sich „gegenseitig viel anbieten“, um gemeinsam mehr Wachstum und Wohlstand zu schaffen. Seine Vision, das Mittelmeer als Raum der Stärke zwischen zwei Kontinenten zu gestalten, hängt dabei eng an der Frage, ob Lieferbeziehungen verlässlich genug sind, um Investitionen abzusichern – und ob die Partner in der Lage sind, neue Technologien, etwa im Bereich klimafreundlicher Energieproduktion, tatsächlich zu implementieren. Deutschland und Tunesien begehen in diesem Jahr den 70. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen; Wadephul ordnete Deutschland dabei als drittwichtigsten Exportmarkt Tunesiens ein und verwies für die deutsche Seite insbesondere auf die Bedeutung widerstandsfähiger Lieferbeziehungen für die Autoindustrie.
Am frühen Abend ging Wadephul weiter nach Algerien, der zweiten Station seiner Nordafrikareise. Dort traf er auf den Außenminister Ahmed Attaf; für den Folgetag war der Empfang durch Präsident Abdelmadjid Tebboune sowie der Austausch mit Vertretern deutscher Unternehmen vorgesehen. Algerien bezeichnete Wadephul als einen der wichtigsten Gaslieferanten für die EU; mit Blick auf die Zukunft verwies er zudem auf das Potenzial für grünen Wasserstoff. Erst im Juli hatten Deutschland und Algerien vereinbart, die Partnerschaft für die Energieversorgung deutlich zu vertiefen. Politisch und technisch betrachtet verbindet sich hier die klassische Gasfrage mit dem Ausbau klimafreundlicher Wertschöpfung: Für die Unternehmen geht es um Planungssicherheit in Lieferketten, für die Partnerländer um Investitionen in neue Produktions- und Exportkapazitäten – und damit langfristig auch um Arbeitsplätze, die wiederum die Migrationsthematik indirekt entlasten können.
Unterm Strich zeigt der Reiseauftakt in Tunis ein Muster, das in europäischen Migrations- und Außenpolitik immer deutlicher wird: Maßnahmen gegen Schleusung und das Einwirken auf die Sicherheitslage auf der Route werden ergänzt durch Wirtschafts- und Energiebeziehungen, die Lebensbedingungen verbessern sollen. Entscheidend wird dabei sein, wie schnell aus Absichtserklärungen tatsächlich sichtbare Effekte entstehen – etwa bei Ausbildungsmöglichkeiten, Beschäftigungsprogrammen oder belastbaren Liefer- und Kooperationsstrukturen. Gerade weil Wadephul die instabile Lage im Sahel als wiederkehrenden Faktor nennt, ist die Zeitachse zentral: kurzfristig geht es um Schutz und Durchsetzung, mittelfristig um Perspektiven, die das „Warum“ hinter der Reise messbar verändern.
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