DAMME / LONDON (IT BOLTWISE) – Archäologen haben bei Damme in Belgien unter einer Naturwiese einen mittelalterlichen Torbau identifiziert. Ausschlaggebend waren 814 untersuchte Maulwurfshügel, aus denen insgesamt 2.810 Fragmente geborgen wurden. Besonders aufschlussreich war nicht die Menge der Hügel, sondern die hohe Funddichte in den wenigen Bereichen, die zugleich weniger aufgewühlt wirkten. Zusammen mit geophysikalischen Messungen und Kartenauswertungen zeichnet das Projekt ein Bild des Baus neben einem Wassergraben.

Was wie ein Ärgernis im Garten beginnt, kann in der Archäologie zum präzisen Messwerkzeug werden: In einer Schutzwiese bei Damme haben Forschende Maulwurfshügel systematisch vermessen und abgesiebt, um Hinweise auf einen mittelalterlichen Torbau zu finden. Der Kernbefund wirkt auf den ersten Blick kontraintuitiv. Statt dort die stärksten Indizien zu erwarten, wo die Landschaft am sichtbarsten aufgewühlt ist, zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen wenigen Hügeln und einer vergleichsweise hohen Konzentration archäologischen Materials. Damit rückt eine Alltagsbeobachtung in den Fokus: Maulwürfe legen nicht einfach „zufällig“ Erde frei, sondern folgen ihren Wege- und Nahrungsmustern. Genau diese Biologie machte die Ergebnisse hier besonders auswertbar, weil sie in ein geordnetes Mess- und Abgleichverfahren eingebettet wurde.
Die Untersuchung lief als gezielte Kampagne, nicht als breitflächige Ausgrabung. Die Forschenden kartierten in einem sorgfältig ausgewählten Areal von 20 mal 30 Metern insgesamt 814 Maulwurfshügel. In knapp über der Hälfte der Hügel, nämlich 421, fanden sie mindestens ein Artefakt. Aus dieser Auswahl entstanden 2.810 Funde, wobei rund 85% der geborgenen Fragmente Baumaterial betrafen. Bei der Keramik stießen die Forschenden auf 294 Fragmente, die vor allem bei der zeitlichen Einordnung halfen. Die Datierung deutet auf Nutzungsphasen im 13. und 14. Jahrhundert, also auf eine Zeit, die zeitlich weiter zurückreicht als die spätere Kartenüberlieferung. Dass gerade Keramik und Baustofffragmente so präsent waren, passt auch zu der Art, wie sich ein Gebäudebereich unter Gras konserviert: Selbst wenn die Oberflächenreliefs erhalten bleiben, bleiben viele Details unter der Vegetationsdecke verborgen.
Um zu erklären, warum die „bessere Spur“ nicht aus der maximalen Zahl an Hügeln kam, kombinierte das Team die Maulwurfsammlung mit vorliegenden geophysikalischen Messungen. Schon früh hatten Instrumente, die elektrische Widerstände und magnetische Unterschiede erfassen, eine rechteckige Struktur mit einer ungefähren Ausdehnung von etwa 10 mal 8 Metern angezeigt. Ergänzende Bodenproben (Soil Cores) lieferten weitere Evidenz für Backstein- bzw. Ziegelschutt. Genau diese Rahmung machte die Auswertung der Maulwurfsignale leistungsfähig: Die Hügel lagen nicht einfach „über“ dem vermuteten Bauwerk. Vielmehr schien das Umfeld zwei Bedingungen zu meiden, die in solchen Landschaften häufig die Wege des Grabverhaltens bestimmen: hartes, bereits verbautes Material und auch dauerhaft wasserhaltige, also stark durchnässte Bereiche des Grabens. So konzentrierten sich die Funde dort, wo die Maulwürfe ihre Aktivität begünstigten, während über dem Bau selbst zwar weniger Hügel zu sehen waren, dafür aber die Funddichte pro Hügel höher ausfiel.
Der Abgleich mit historischen Karten lieferte anschließend den dritten Baustein, um aus einzelnen Messdaten eine plausible Bauinterpretation zu formen. Eine Karte aus dem Jahr 1574 von Pieter Pourbus zeigt zwei erhöhte, wassergrabenumgebene Areale, die mit den noch sichtbaren Erdarbeiten in der heutigen Reserve gut korrespondieren. Auffällig ist jedoch: Auf diesen Flächen sind keine Gebäude eingezeichnet. Diese Abwesenheit spricht dafür, dass die Anlagen zu Pourbus’ Zeit bereits aufgegeben waren. Gleichwohl kann eine Karte allein nicht exakt beantworten, wann die Nutzung endete; sie liefert eher einen Rahmen als eine genaue Chronologie. Gleichzeitig helfen die archäologischen Indizien, die Lücke zu füllen: Die Mehrzahl der mittelalterlichen Keramikfragmente weist auf Aktivitäten im 13. und 14. Jahrhundert hin, also auf eine Nutzung deutlich vor der Darstellung. Weitere Merkmale, etwa die Position und Dimension des Rechtecks sowie ausgerichtete Strukturen über den Graben hinweg, stützen die Lesart, dass hier ein Eingang an einem größeren Gutskomplex bestand, mit Brücken- bzw. Übergangselementen als funktionales Bindeglied.
Technisch betrachtet liegt die Stärke des Ansatzes in der Verbindung mehrerer „Blickwinkel“ auf denselben Ort. Grasland wirkt dabei doppelt: Es schützt einerseits archäologische Strukturen, weil es den Boden in Ruhe lässt. Andererseits bedeutet „Ruhe“ auch, dass viele Details nicht sichtbar sind. In der Studie wird genau dieses Spannungsfeld deutlich, weil moderne, mechanisierte Bodenbearbeitung Relief und Schichtungen zerstören kann. Während bei den untersuchten Standorten das heutige Grünland die erhöhten Plattformen und die Gräben sichtbar hielt, zeigte ein nahegelegenes Areal in landwirtschaftlicher Nutzung, was langfristiges Pflügen anrichten kann: Die oberflächlichen Erdformen gingen dort verloren. Für Archäologen eröffnet ungestörtes Weideland deshalb kleine Chancen, ohne sofortige Grabung in großem Maßstab zu arbeiten. Maulwurfshügel werden so zu einem kontrollierbaren „Stichprobensystem“: nicht vollständig, aber gezielt auswertbar, wenn Lage, Volumen und Fundzusammensetzung systematisch erfasst werden.
Gleichzeitig bleiben die Grenzen des Verfahrens klar. Maulwürfe bringen selektiv Material nach oben, und ihre Präferenz wirkt sich auf die Zusammensetzung der Funde aus. Kleine, leichte Stücke lassen sich leichter bewegen als große, schwere Objekte. Deshalb dominieren in vielen Fällen Keramikkörperfragmente, während auffällige Teile wie Rand- oder Bodenformen seltener sind. Eine Maulwurfsammlung liefert damit kein vollständiges Inventar eines Gebäudes oder eines Haushalts, und sie ersetzt auch keine Ausgrabungsstrategie, wenn eine detaillierte Rekonstruktion nötig ist. Dazu kommt ein zweiter, methodischer Bias: Fein verteilte oder graue Keramik kann sich optisch so stark an den Boden anpassen, dass sie erst beim Sieben oder sogar beim Kontakt mit dem Siebmaterial auffällt. Gerade hier hilft die Systematik – jede einzelne Fundgruppe wird gesammelt, gesichtet und räumlich zugeordnet, wodurch sich die Gefahr verringert, datierungsrelevante Hinweise unbeachtet zu lassen.
Für die Praxis formulieren die Autoren eine klare Linie: Die Kombination aus Kartenanalyse, Geophysik, geologischen Bodenproben und gezieltem Maulwurfsampling soll dort fortgesetzt werden, wo die Landschaft geeignete Rahmenbedingungen bietet. Zudem sehen sie Beteiligungsformate für Freiwillige und Studierende, weil das Abtragen, Sieben und Dokumentieren in geordnete Prozesse eingebunden werden kann. Entscheidend ist dabei auch die Idee „Lernen von Störung ohne Störung zu fördern“. Die Forschenden lehnen ausdrücklich den Gedanken ab, Tiere als Grabhelfer einzusetzen oder absichtlich zu „aktivieren“, um an historische Strukturen zu gelangen. Denn wie es in der Studie sinngemäß betont wird, bleibt jede Form von „Eingriff durch Graben“ grundsätzlich eine Bedrohung für die Erhaltung archäologischer Stätten. Veröffentlicht wurde die Arbeit am 2. September 2026 im Journal of Archaeological Method and Theory – und sie zeigt damit exemplarisch, wie sich methodische Kreativität mit strenger Auswertung verbinden lässt, wenn geschützte Flächen nicht einfach geöffnet werden dürfen.
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