ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Momentum Screen zeigt, welche Aktien ihren Aufwärtstrend trotz Marktrotation fortsetzen. Besonders Chiphersteller wie VAT und Infineon profitieren vom anhaltenden Investitionszyklus rund um KI-Infrastruktur, während andere Sektoren sichtbar an Schwung verlieren. Gleichzeitig macht die Auswertung deutlich, wo Bewertungen bereits stark angezogen haben und wie wichtig ein Value-Filter bleibt. Ergänzend werden auch Abschwünge bei Privatmarkt- und Industriewerten eingeordnet – inklusive möglicher Auslöser für eine Neubewertung.

Aktienmärkte wirken derzeit wie zwei konkurrierende Geschichten zugleich: Während Chiphersteller weiter Rückenwind aus dem KI-Infrastruktur-Boom beziehen, rutschen viele andere Titel in eine Phase schwächerer Dynamik. Genau hier setzt der Momentum Screen an, der relative Kursstärke nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern als Signal für Fortsetzungschancen. Die Auswahl ist dabei nicht nur „wer läuft“, sondern auch „wer läuft und ist dabei – relativ gesehen – noch nicht völlig überhitzt“. Bemerkenswert: Selbst nach einem spürbaren Ausverkauf im Technologiesektor finden sich unter den Favoriten weiterhin klassische Nutznießer des digitalen Rechenzentrums-Zyklus.
Technisch betrachtet basiert das Screening auf der Idee, dass Trends häufig nicht abrupt enden, sondern sich in der nächsten Zeit fortsetzen. Gemessen wird das Kursmomentum über die relative Stärke nach Levy (RSL), also indem der aktuelle Kurs ins Verhältnis zum Durchschnitt der vergangenen 26 Wochen gesetzt und mit 100 multipliziert wird. In der Praxis bedeutet das: RSL-Werte oberhalb etwa 105 bis 110 signalisieren, dass ein Titel deutlich über seinem eigenen Marktmittel liegt. Der Screen kombiniert diese Trendfolge-Komponente mit einem Value-Check, damit Momentum nicht automatisch in „rein narrative“ Begeisterung kippt, sondern mit fundamentalen Bewertungskennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis plausibilisiert wird.
Aus Market-Perspektive ist der Timing-Aspekt besonders relevant: Die Favoriten profitieren zwar von klaren Industriepfaden, geraten aber auch in Bewertungsdiskussionen, sobald Liquidität knapp wird oder Kapital in andere Mega-Themen abwandert. In der Meldung wird dabei auch ein spürbarer Liquiditätsabfluss in Richtung eines großen Börsenereignisses erwähnt, der zuletzt den Technologiesektor zeitweise unter Druck setzte. Gleichzeitig bleibt die Branchenlogik intakt, denn bei KI-Rechenzentren zählt nicht nur Rechenleistung, sondern auch die gesamte Fertigungskette und deren Engpassmanagement. Ein Schweizer Anbieter, VAT, steht im Screen besonders weit vorn – und liefert damit ein Muster, wie Momentum und konkrete Industriebedarfe zusammenfinden.
VAT zeigt, warum solche Screens für Trendfolger attraktiv sind, aber auch wo das Risiko beginnt. Der Vakuumventil- und Modulspezialist erzielt einen erheblichen Teil seines Umsatzes aus der Halbleiterindustrie und will die Erlöse mittelfristig um 20 bis 30% steigern. Das zentrale Argument ist dabei weniger Rohstoffknappheit als Kapazität: Wenn mehr Chip-Produktionslinien entstehen und bestehende Linien hochfahren, steigt die Nachfrage nach Fertigungsausrüstung und Spezialkomponenten. UBS-Analysten bewerten den Plan als realistisch, zugleich aber abhängig von einer schnellen Befüllung der Produktionskapazitäten. Für Trend- und Value-getriebene Strategien entsteht daraus ein klares Bild: Wer Momentum kauft, sollte die Engpasslogik verstehen und die Bewertung im Blick behalten.
Damit verschiebt sich die Betrachtung unmittelbar Richtung Wettbewerb und Vergleichswerte. VAT wird an der Börse mit einem Vielfachen des erwarteten Gewinns gehandelt, deutlich über dem eigenen historischen Durchschnitt. Das ist nicht automatisch ein Fehler – in Tech- und Infrastrukturzyklen können „gute Gründe“ für Prämien existieren –, aber es erhöht die Sensitivität gegenüber Enttäuschungen, etwa bei Capex-Planungen oder Auslastungsgraden. Als Kontrast zeigt der Screen auch Titel, bei denen die Dynamik bereits wieder „nach unten“ signalisiert. Die Partners Group etwa gerät durch Rücknahmerestriktionen bei einem Private-Equity-Fonds in den Fokus, während Insiderkauf und eine mögliche Normalisierung als Gegenargumente gelesen werden. Hier wird deutlich, dass Momentum nicht nur Kurse betrifft, sondern auch Liquidität, Fondslogik und Investorensentiment.
Auf deutscher Ebene taucht ein anderes Spannungsfeld auf: Infineon führt den DAX im Momentum-Kontext an, doch die Bewertung wirkt inzwischen anspruchsvoll. Während VAT im Screen eher wie ein „sauberer“ KI-Enabler für die Fertigungskette gelesen werden kann, ist Infineon stärker vom Marktpreis der Erwartungen geprägt. In der Analyse wird betont, dass das Kurs-Gewinn-Verhältnis klar über dem Zehnjahresdurchschnitt liegt und das Signal „überkauft“ stärker ausgeprägt ist. Gleichzeitig argumentiert die Meldung mit dem Fortschreibungsrisiko: Infineon hat seit dem letzten Momentum-Screen bereits spürbar zugelegt, und wer zuvor eingestiegen ist, könnte Teilgewinne in Betracht ziehen. Als Marktvergleich dient die Konkurrenzbewegung: STMicroelectronics verdoppelt nahezu das Umsatzziel für die Rechenzentrumssparte – ein Faktor, der den Wettbewerb um Wachstumsstorys zusätzlich intensiviert.
Aus historischer Sicht ist das Zusammenspiel aus Momentum und Value in solchen Phasen besonders erklärungsbedürftig. Momentum-Strategien sind seit Jahrzehnten erforscht und funktionieren typischerweise dann gut, wenn Marktteilnehmer Informationen in Trends übersetzen und „Gewinner“ ihre relative Stärke beibehalten. Value-Filter wurden hingegen entwickelt, um genau die Situationen abzufangen, in denen Kursanstiege nicht mehr durch wirtschaftliche Substanz gedeckt sind. Der Momentum Screen versucht daher, zwei bewährte Ideen zusammenzuführen: RSL liefert die Trendnähe, das Bewertungsgerüst soll die Ausschläge dämpfen. Diese Kombination ist auch regulatorisch und organisatorisch relevant, weil sie im Portfolioprozess klare Kriterien für Risikoexposition schafft – etwa durch definierte Bewertungszonen statt rein technischer Signale.
Der Blick auf weitere Titel macht zudem sichtbar, wie stark makroökonomische Rahmenbedingungen in die Auswahl hineinspielen. Bei Rohölpreisen und Wechselkursbewegungen etwa wirken Energieimporte über den Dollar-Preis direkt auf Kostenstrukturen, Inflationserwartungen und damit letztlich auf Unternehmen und Kurse. Die Analyse ordnet deshalb die Schwäche bei indischen Indizes in einen Kontext ein: Vor dem Konfliktausbruch bezog Indien einen großen Teil seines Rohöls über die strategisch sensible Meerenge, danach verschärften Preis- und Währungseffekte den Inflationsdruck. Während der Momentum Screen für einzelne Aktien eine relative Stärke misst, hängt die Stabilität dieser Stärke auch davon ab, ob sich die makroökonomische „Baseline“ dreht oder weiter belastet.
Für die Zukunft bleibt der wichtigste Punkt: Momentum ist keine Garantie, sondern ein Timing-Werkzeug. Wenn sich der Horizont für KI-Infrastrukturinvestitionen bis 2027 nicht nur „politisch“ oder „werblich“, sondern in konkrete Ausrüstungsbudgets übersetzt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gewinner ihre relative Stärke fortschreiben. Gleichzeitig mahnen die Bewertungsniveaus, dass eine starke Kurskorrektur möglich bleibt, selbst wenn der operative Ausblick stimmt. Der Screen deutet solche Risiken implizit an, indem er nicht nur Gewinner nennt, sondern auch Fälle, in denen Bewertungen oder Unternehmensereignisse eine Neubewertung erzwingen könnten. Für Anleger und Unternehmen heißt das: Wer Portfolios am Momentum ausrichtet, sollte kontinuierlich die Bewertung gegen den Fundamentals- und Capex-Takt abgleichen und Sicherheitsmargen bewusst einplanen.
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