LONDON (IT BOLTWISE) – Entwickler der XRP Ledger Foundation arbeiten an einer nativen Infrastruktur für Perpetual Futures. Der Ansatz soll es ermöglichen, dass Hebel-Positionen direkt auf dem XRPL laufen – unter anderem mit RLUSD als Sicherheiten-Asset. In der technischen Studie werden 10 neue Transaktionstypen und 5 Ledger-Entry-Typen skizziert, die Margin-Accounts, Funding-Mechanik, Orderabgleich sowie Liquidationen abdecken. Offen bleibt, ob Liquidität, Orakel-Zuverlässigkeit und der Governance-Weg bis zur Mainnet-Freigabe ausreichen.

Die Idee klingt im Kern simpel: Perpetual-Contracts ohne Ablaufdatum sollen nicht länger zwingend in einer separaten Derivate-Umgebung gehandelt werden, sondern direkt im XRP Ledger (XRPL) selbst. Laut einer technischen Studie der XRP Ledger Foundation treibt ein Team eine experimentelle Implementierung voran, die Perpetual Futures als „native“ Funktion auf dem Ledger abbilden soll. Damit würde sich ein zentraler Teil der Derivate-Infrastruktur – von Margin-Accounts über Order-Matching bis hin zu Liquidationen – näher an die Konsens- und Abrechnungslogik des XRPL verlagern.
Technisch betrachtet schlägt das Konzept einen Umbau der Ledger-Logik vor, statt nur eine weitere App-Schicht darüberzulegen. Die vorgeschlagene Perpetual-Futures-Erweiterung bringt dem Dokument zufolge 10 neue Transaktionstypen und 5 Ledger-Entry-Typen mit, die verschiedene Lebensphasen von gehebelten Positionen abdecken. Dazu zählen explizit Kontenstrukturen für Margin-Accounts, Mechanismen für die Abbildung von Order-Matching, Funding-Zahlungen sowie Liquidationsprozesse. Ergänzend werden Preis-Orakel-Berechnungen und Prozeduren beschrieben, mit denen Positionen geschlossen werden sollen, wenn die verfügbare Marge nicht ausreicht.
Für die Marktmechanik ist besonders wichtig, dass Perpetual Contracts anders funktionieren als klassische Futures. Da kein festes Ablaufdatum vorgesehen ist, hängt der Preisabgleich zum Basiswert nicht an einer Kontrakt-Rollierung, sondern an periodischen Funding-Zahlungen. Genau diese Funding-Komponente ist in der XRPL-Architektur vorgesehen, ergänzt durch die Möglichkeit, sowohl Cross-Margin als auch isolierte Margenmodelle zu unterstützen. Konkret bedeutet das: Sicherheiten werden in dedizierten Konten hinterlegt, und je nach Margin-Modell wirkt die Verrechnung entweder über mehrere Positionen hinweg oder bleibt pro isoliertem Kontrakt begrenzt.
Der praktische Anlass für den Vorschlag ist auch wirtschaftlich greifbar. Der Studie zufolge soll RLUSD – Ripple’s USD-gebundener Stablecoin – als Kollateral dienen können, um „leveraged crypto derivatives“ direkt auf dem XRPL handeln zu lassen. Gleichzeitig wird eine klar abgegrenzte Gegenwart sichtbar: Ripple Prime bietet institutionellen Zugang zu Derivaten über Hyperliquid, darunter auch 24/7 Swaps über mehr als 100 Märkte. Für den XRPL bleibt der Derivatehandel dort jedoch außerhalb des XRPL-Setups, während die neue XRPL-Erweiterung genau diese Trennung perspektivisch reduzieren könnte. Die Machbarkeitsannahme nennt als Größenordnung für den Open Interest auf Hyperliquid im XRP-Kontext rund 219 Millionen US-Dollar (Stand der Studie: 4. November).
Trotz des ambitionierten Funktionsumfangs wird das Projekt aber nicht als sofortige Mainnet-Aktualisierung dargestellt. Die Implementierung befindet sich laut Bericht in einem experimentellen Entwicklungszweig und gilt nicht als freigegebene Netzwerkaktualisierung. Die Studie quantifiziert auch den Aufwand: Für die Entwicklung werden 320 Stunden veranschlagt, hinzu kommen 560 Stunden für eine Review-Phase sowie zwei externe Security-Audits. Darüber hinaus rechnet das Team für zusätzliche Prüfung, Audits und Integrationsarbeiten mit geschätzten Kosten zwischen 331.000 und 387.000 US-Dollar – ohne die initialen Entwicklungsstunden. Selbst wenn der Code „fertig“ wirkt, bleibt formal noch Governance und eine Freigabe durch Validatoren erforderlich, weil Aktivierung und Konsens im XRPL in der Praxis an eine stabile Mehrheit gekoppelt sind.
Ungeklärte Punkte sind dabei nicht nur formaler Natur, sondern betreffen Kernrisiken für Derivate-Setups. Die Studie nennt explizit offene Fragen zu Liquidität, zur Zuverlässigkeit der Preis-Orakel, zur Kontrolle durch Kollateral-Ausgeber sowie dazu, wie Verluste im Liquidationsfall behandelt werden. Diese Themen sind für Perpetual Futures besonders heikel: Ohne ausreichende Market-Tiefe können Spreads und Slippage steigen, Orakel-Fehler wirken sich direkt auf die Preisfindung und damit auf Margin- und Liquidationsereignisse aus, und die Governance über Sicherheiten entscheidet, wie robust das System gegen institutionelle Abhängigkeiten bleibt. Zudem wird die Perpetual-Futures-Erweiterung als unabhängig von der XRPL-nativen Lending-Änderung beschrieben, die zwar Unterstützung von 60% der Validatoren erhielt, aber unter der Aktivierungsschwelle liegt.
Für Unternehmen, die Derivate oder Token-gestützte Sicherheiten nutzen, ist das Szenario damit weniger ein „Upgrade mit Klick“, sondern eher eine potenzielle Blaupause für ein künftig stärker integriertes Ökosystem. Wenn der XRPL Perpetual Futures tatsächlich stabil und sicher ausrollen kann, könnte das die Wege verkürzen, in denen Sicherheiten, Preisbildung und Kontraktlogik bislang über unterschiedliche Plattformen hinweg orchestriert werden. Gleichzeitig bleibt es wahrscheinlich, dass institutionelle Nutzung nicht automatisch einsetzt: Der Bericht verweist auf frühere Bedenken zur Liquidität in der Perpetual-Märkte-Realität von Ripple Prime und betont, dass Market Maker und ausreichende Handels-Tiefe entscheidend sind. Bis zu einer Mainnet-Freigabe müssen Entwickler daher vor allem beweisen, dass das Zusammenspiel aus Orakeln, Liquidationslogik und Marktstruktur in der Praxis belastbar ist.
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