MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im ersten Halbjahr blieben Stürme, Erdbeben und Überschwemmungen weltweit deutlich unter dem Niveau großer Vorjahre. Laut Munich Re summierten sich die Gesamtschäden von Anfang Januar bis Ende Juni auf rund 112 Milliarden US-Dollar, davon waren nur 44 Milliarden US-Dollar versichert. Der Rückversicherer warnt jedoch, dass „günstige Umstände“ den Eindruck von Entwarnung verzerren könnten. Besonders die extreme Hitze gilt als starkes Klimasignal, das sich in Europa spürbar beschleunigt hat.

Dass die Welt im ersten Halbjahr im Vergleich zu früheren Jahren von den ganz großen Naturkatastrophen weitgehend verschont geblieben ist, klingt auf den ersten Blick nach Entspannung. Gleichzeitig steckt in den veröffentlichten Kennzahlen der Kern der eigentlichen Aussage: Das Schadenniveau ist offenbar nicht nur eine Frage des Klimas, sondern auch von statistischen Zufällen und der konkreten Trefferlage. Genau das hebt der Rückversicherer Munich Re in seiner Einordnung hervor und grenzt den Zeitraum explizit gegen „spätere“ Ereignisse ab, die erst in die zweite Jahreshälfte fallen. So tauchen beispielsweise die jüngsten Taifune in Ostasien und die Waldbrände im Süden Europas in der hier beschriebenen Schadenbilanz noch nicht auf.
Für das Halbjahr beziffert der Münchner DAX-Konzern die weltweiten Gesamtschäden auf etwa 112 Milliarden US-Dollar. Davon entfallen nur 44 Milliarden US-Dollar auf versicherte Schäden – ein Verhältnis, das auch zeigt, wie stark die Absicherung in unterschiedlichen Regionen und Branchen streut. Im Vergleich dazu liegt der Schnitt der vergangenen fünf Jahre bei 66 Milliarden US-Dollar versicherten Schäden. Das deutet nicht darauf hin, dass Risiken verschwunden wären, sondern dass das Zusammenspiel aus Ereignisintensität, betroffenen Gebieten und Versicherungsdichte in diesem Zeitraum weniger „teure“ Flächen getroffen hat. Gerade bei Unwettern lässt sich das im Detail greifen: In den USA fielen laut dem Chef-Geowissenschaftler Tobias Grimm zwar viele schwere Unwetterzellen an, die Tornadohäufigkeit lag sogar deutlich über dem Durchschnitt, doch trafen sie Regionen mit vergleichsweise wenigen versicherten Werten.
Der physische Blick auf einzelne Ereignisse macht den Mechanismus greifbar. Als zerstörerischste Naturkatastrophe des ersten Halbjahres wird das Doppel-Erdbeben in Venezuela am 24. Juni genannt. Erste Schätzungen sehen für den Gesamtschaden ein Volumen von etwa 30 Milliarden US-Dollar, versichert seien davon allerdings weniger als eine Milliarde US-Dollar. Dieses Muster ist in der Praxis entscheidend, weil die ökonomische Wirkung eines Ereignisses nicht automatisch mit der Schadensrechnung der Versicherer zusammenfällt: Hohe Gesamtverluste können entstehen, selbst wenn die Versicherungsbasis gering ist, während in anderen Ländern die gleichen Ereignistypen oft zu kleineren, aber sehr konzentrierten versicherten Verlusten führen. Für Risikoanalysen heißt das: Nicht nur die Meteorologie, auch die Geografie der Vermögenswerte, die Bauqualität und die Produktstruktur der Versicherungen bestimmen, wie stark ein Sturm oder ein Erdstoß in den versicherten Kennzahlen sichtbar wird.
Technisch betrachtet verschiebt sich der Fokus im Zeitverlauf zunehmend von „plötzlichen“ Zerstörungen hin zu schleichenderen Belastungen. Munich Re beschreibt als stärkstes Klimasignal im ersten Halbjahr extreme Hitze. Der Zusammenhang zwischen Hitzewellen und dem Klimawandel gilt bei Hitzebelastungen demnach als gut belegt. Für Deutschland nennt Grimm historische Vergleichswerte: In den 1950er Jahren gab es im Schnitt drei bis vier Hitzetage pro Jahr mit Temperaturen über 30 Grad. Heute liegt der Schnitt laut den Angaben bei etwa 13 Hitzetagen. Das ist auch deshalb relevant, weil Hitze als „stille Gefahr“ weniger spektakuläre Bilder produziert als Stürme oder Überschwemmungen, die Folgeschäden aber dennoch erheblich sein können.
Die Schadenswirkung von Hitze wird im Bericht über mehrere Kanäle konkretisiert: Sinkende Produktivität und Produktionsausfälle gehören ebenso dazu wie Infrastrukturschäden, Transportunterbrechungen und Ernteausfälle. Damit wird klar, dass Hitze nicht nur eine meteorologische Randnotiz ist, sondern ökonomische Wertschöpfungsketten direkt trifft. Europa sei dabei besonders betroffen, weil die Erwärmung im Mittel höher ausfalle als globaler Durchschnitt. Die weltweiten Durchschnittstemperaturen seien den Wetterdaten zufolge heute im Schnitt 1,4 Grad höher als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; für Deutschland und Europa wird eine Erwärmung um etwa 3 Grad genannt. Als Grund nennt Grimm die relativ nördliche Lage des Kontinents bis in die Arktis hinein: Polare Regionen erwärmen sich demnach deutlich schneller und stärker als äquatoriale Regionen in den Tropen.
Für das Marktgeschehen ist schließlich die Perspektive auf 2026 und 2027 entscheidend, weil die Einordnung „Zufall“ nicht als Freibrief für zukünftige Risiken verstanden werden soll. Grimm stellt klar, dass ein kühleres Jahr 2026 nicht zu erwarten sei und verweist auf viele Anzeichen für besonders warme Jahre, darunter das kommende Jahr. Als Treiber wird unter anderem „El Niño“ angeführt, die zyklische Erwärmung der Meerestemperaturen im Pazifik. Daraus leitet der Rückversicherer mögliche Folgen ab, etwa vermehrte Trockenheit und Waldbrände in Australien, Mittelamerika und im Südwesten Afrikas. Gleichzeitig wird eine Differenzierung gemacht: Im Nordatlantik könnten zwar weniger Hurrikane auftreten, doch dafür könne die Taifun-Aktivität im Nordpazifik zunehmen. Für Unternehmen und Versicherer heißt das: Die Planungsannahmen sollten stärker auf Hitzerisiken und ihre Kettenwirkung in Betrieb, Logistik und Landwirtschaft ausgerichtet werden, selbst wenn das aktuelle Halbjahr in der reinen Schadenhöhe vergleichsweise günstig ausfällt.
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