DELAWARE / LONDON (IT BOLTWISE) – Navitas setzt seine „Navitas 2.0“-Strategie auf Hochleistungsmärkte fort und liefert für das zweite Quartal einen Umsatzsprung auf 10,5 Millionen Dollar. Besonders die Guidance für das dritte Quartal fällt mit 13,5 Millionen Dollar (+ etwa 28 % zum Vorquartal) deutlich höher aus als die Analystenerwartungen. Gleichzeitig eskaliert der Wettbewerb im GaN-Umfeld: Wolfspeed hat eine Patentklage eingereicht, Renesas folgt mit Vorwürfen zu mutmaßlichem Know-how-Abfluss. Für Anleger bleibt damit nicht nur die KI-getriebene Nachfrage, sondern auch das juristische Risiko zentral.

Navitas 2.0 zwischen KI-Aufschwung und Patentklagen von Wolfspeed und Renesas
Navitas 2.0 zwischen KI-Aufschwung und Patentklagen von Wolfspeed und Renesas (Foto: IT BOLTWISE)
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Navitas’ jüngste Quartalszahlen lesen sich wie ein Branchenfahrplan: Der Umsatz in einem Umfeld mit sinkender Bedeutung von klassischen Mobilitäts- und Konsumelektronik-Märkten wächst in Richtung der stromhungrigen Infrastruktur für KI. Das Unternehmen meldete für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 10,5 Millionen Dollar – ein Plus von 22 % gegenüber dem Vorquartal, aber noch unter dem Niveau des Vorjahresquartals. Entscheidend für das Marktbild ist zudem die Liquiditätsseite: Die Kassenposition wuchs auf 557,4 Millionen Dollar, was Navitas während des strategischen Umbaus einen relevanten Spielraum verschafft, selbst wenn das Ergebnisbild zeitweise schwer belastet bleibt.

Auf der Gewinn- und Verlustrechnung zeigt sich der typische Effekt, wenn Bilanzposten nicht 1:1 mit der operativen Entwicklung laufen. Der bereinigte Nettoverlust lag bei 9,3 Millionen Dollar, während das GAAP-Ergebnis durch eine nicht zahlungswirksame Neubewertung einer Earnout-Verbindlichkeit um 203,1 Millionen Dollar auf einen Verlust von 228,2 Millionen Dollar gedrückt wurde. In der Praxis bedeutet das: Für die Bewertung der operativen Schubkraft wird vor allem die Guidance wichtiger als kurzfristige GAAP-Zahlen. Genau hier liefert Navitas einen Signalwechsel, denn für das dritte Quartal erwartet das Unternehmen 13,5 Millionen Dollar Umsatz, plus oder minus 0,5 Millionen – also rund 28 % mehr als im Vorquartal. Damit liegt die Prognose klar über der Erwartungshöhe von etwa 11,1 Millionen Dollar, und zum ersten Mal seit längerer Zeit soll es wieder einen Jahresvergleich geben.

Technisch ordnet sich der Wandel unter dem Dach der sogenannten „Navitas 2.0“-Strategie ein: Weg vom Mobilgeschäft, hin zur Stromversorgung für die KI-Ära. Das Segment Hochleistungsmärkte legte laut Unternehmensangaben um mehr als 50 % zum Vorjahr zu – getragen von KI-Rechenzentren sowie Netz- und Energieinfrastruktur. Bis Jahresende soll dieser Bereich mehr als ein Drittel des Gesamtumsatzes ausmachen. Für Käufer und Integratoren in der Systemebene ist das ein relevanter Kontext, weil Rechenzentren und industrielle Netze bei steigenden Leistungsdichten zunehmend effiziente Leistungshalbleiter benötigen, die sich auf hohe Spannungen und schnelle Schaltzyklen ausrichten lassen. Gerade hier spielt die 800-Volt-orientierte GaN-Technologie häufig eine Rolle, wenn es um Effizienz und Systemkosten geht.

Während der operative Kurs also in Richtung Hochleistungsstromversorgung zeigt, sorgt die juristische Front für zusätzliche Unsicherheit. Wolfspeed hat Anfang Juli vor dem Bundesgericht in Delaware eine Patentklage gegen Navitas eingereicht und dabei Vorwürfe erhoben, Navitas verletze mit GaN-Bauteilen aus den Produktfamilien GaNFast, GaNSlim und GaNSafe sowie mit GeneSiC-MOSFETs mehrere Wolfspeed-Patente; wie es in den Angaben heißt, richtet sich die Klage damit gegen konkrete Komponentenlinien. Navitas wies diese Vorwürfe zurück und verwies auf eine „jahrzehntelange eigenständige Innovation“. Zwei Wochen später hat Renesas nachgelegt: Vor einem Bundesgericht in Kalifornien läuft nach den vorliegenden Informationen ein Verfahren, in dem mutmaßlich ein Diebstahl von Geschftsgeheimnissen durch zwei frühere Renesas-Mitarbeiter geltend gemacht wird – darunter Navitas-CEO Christopher Allexandre, der inzwischen für Navitas arbeitet.

Die Reaktion aus dem Navitas-Lager stellt den rechtlichen Konflikt zugleich als strategischen Störfaktor und als Wettbewerbssymptom dar. Allexandre bezeichnete die Wolfspeed-Klage als „verzweifelten Schritt“, nachdem Personalvermittler offenbar versucht hätten, Wolfspeed-Mitarbeiter für offene Stellen bei Navitas abzuwerben. Zur Renesas-Klage verwies er auf eine mögliche Beteiligung von Renesas an Wolfspeed von bis zu 39 % und stellte rhetorisch die Frage, ob der Zeitpunkt der Klage – eine Woche vor der Quartalsvorlage – wirklich zufällig ist. Für den Unternehmensalltag heißt das: Selbst wenn die operative Nachfrage wie geplant anzieht, können Rechtsstreitigkeiten über Patente oder Know-how-Ansprüche die Lieferfähigkeit, die Entwicklungszyklen und die Risikoprämien am Kapitalmarkt spürbar beeinflussen, solange Entscheidungen nicht getroffen sind.

Auch die Kapitalmarktseite spiegelt das Spannungsfeld aus Wachstumsversprechen und Bewertungsrisiko wider. Trotz der starken Guidance blieben Analysten vorsichtig: Jefferies senkte das Kursziel auf 13 von 15 Dollar und behielt eine Hold-Einstufung bei, unter anderem mit dem Argument, das Potenzial der 800-Volt-GaN-Technologie sei eher eine Erzählung für 2027 und 2028. Morgan Stanley reduzierte das Kursziel auf 12,60 von 13,70 Dollar und bestätigte eine Underweight-Position, vor allem wegen des intensiven Wettbewerbs. Daneben öffnet Navitas neue Absatzkanäle, um die Marktdurchdringung abseits des klassischen Vertriebs zu beschleunigen: Mit Magnachip Semiconductor wurde eine Lizenzpartnerschaft für die GeneSiC-TAP-Technologie geschlossen, die den Zugang zu Hochspannungs- und Ultrahochspannungs-Siliziumkarbid-Märkten sowie zur Lieferkette von Magnachip ermöglichen soll.

Damit verschiebt sich der Fokus für die nächste Standortbestimmung: Am 2. November legt Navitas erneut Zahlen vor, und dann wird sich zeigen, ob die optimistische Umsatzprognose tatsächlich in nachhaltiges Wachstum mündet oder ob der Ausbau in den Hochleistungsmärkten noch stärker von Turnaround-Effekten, Kostenblöcken oder rechtlichen Verzögerungen geprägt ist. Bis dahin dürften Investoren vor allem auf zwei Signale schauen: auf die Fähigkeit, den Anteil der KI- und Infrastrukturumsätze planmäßig auszubauen, und auf die Entwicklung der Prozesse, die bislang eher „Wettbewerb im Rechtsraum“ als reine Produktkonkurrenz wirken lassen. Für die Branche insgesamt ist der Fall eine Erinnerung daran, dass der GaN- und SiC-Markt zwar technologisch datengetrieben bleibt, gleichzeitig aber über Patente, Know-how und Partnerschaften sehr stark um Marktpositionen gerungen wird.


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