PACIFIC OCEAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im April öffnete ein spezialisiertes Navy-Tauchteam im Pazifik die Orion-Kapsel, um die Artemis-II-Crew sicher an Land zurückzuholen. Commander Reid Wiseman, Pilot Victor Glover sowie Christina Koch und Jeremy Hansen hatten zuvor nach ihrem Mondflug Geschichte geschrieben. Für Master Chief Navy Diver Ryan Crider war es bereits seine zweite Artemis-Aufgabe, diesmal jedoch die erste mit bemanntem Einsatz. Damit rückten neben der Bergung auch die medizinische Erstversorgung und die lange Vorbereitung in den Fokus.

Die Rückkehr der Artemis-II-Crew wirkt nach außen wie ein klarer Endpunkt: Orion kommt zur Landung, Bergungsschiffe kümmern sich um die Kapsel, und die Astronauten werden an die nächste Phase übergeben. Im Hintergrund entscheidet sich aber schon deutlich früher, wie „sicher“ in der Praxis aussieht. Im April öffnete inmitten des Pazifiks ein spezielles Team von Navy-Tauchern die Orion-Kapsel, um die Rückkehr der Besatzung zu unterstützen. Dabei ging es nicht nur um das Anlegen von Ausrüstung, sondern um einen kontrollierten Zugriff auf ein Fahrzeug, das für das Leben im All ausgelegt ist und dessen Zustand nach der Mission in jedem Schritt neu beurteilt werden muss.
Master Chief Navy Diver Ryan Crider beschreibt die Aufgabe als geübte Schnittstelle zwischen Raumfahrt und Unterwasserbergung. Er hatte bereits vor der ersten bemannten Artemis-Rückkehr an mehreren Elementen des Programms mitgearbeitet und berichtet, dass die Entwicklung von Recovery-Prozessen über Jahre vorbereitet wurde. Dieses Vorgehen adressiert ein Kernproblem der Bergung: Chaotische Umstände lassen sich nicht „wegdenken“, aber sie lassen sich durch Training in vorhersehbare Abläufe übersetzen. Crider betont dabei eine Parallelität in den Anforderungen: Navy-Taucher arbeiten ebenfalls mit intensiven Trainingsszenarien, um ruhig zu bleiben und Protokolle in dynamischen Umgebungen einzuhalten. Für die Crew-Rückholung bedeutete das, dass die Teams nicht erst am Tag der Bergung lernen sollten, wie die Kommunikation, Übergaben und Sicherheitschecks funktionieren.
Für die konkrete Bergung von Orion, das die Crew „Integrity“ nannte, trainierte das Tauchteam in Houston im Neutral Buoyancy Lab. Dort übten Navy-Taucher mit NASA-Divers den Einbau der Stability Collar sowie das Handling des „Front Porch“, also einer aufblasbaren Plattform, die beim Ausstieg zusätzliche Stabilität bietet. Entscheidend ist: Solche Komponenten beeinflussen nicht nur das Aufsteigen, sondern auch die gesamte Mechanik der Besatzungsbewegung und damit das Risiko von Verletzungen. Die Planung bezog zudem das kontrollierte Herauslösen von Personen aus der Kapsel mit ein, sodass das Verfahren im Wasser nicht improvisiert werden musste. Parallel dazu lief die Logistik über ein dafür bestimmtes Bergungsschiff: Die USS John P. Murtha war als Recovery Ship vorgesehen, weil sie die Rahmenbedingungen für Taucheinsätze und medizinische Erstmaßnahmen zusammenbringt.
Dass diese Operation nicht aus dem Stand entsteht, wird auch durch den längeren Kontext der Zusammenarbeit zwischen Navy und NASA greifbar. Laut Naval History and Heritage Command reicht die Partnerschaft im Umfeld der Raumfahrt „bis in die frühen 1960er-Jahre“ zurück. Crider hebt allerdings eine zweite Ebene hervor, die für Technologie- und Prozessverantwortliche besonders relevant ist: Neben der Beteiligung an Programmen zählen kontinuierliche Drills, Tests und die „harten Gespräche“ lange vor dem realen Einsatz. Erst wenn Rollen klar sind, Teams sich gegenseitig vertrauen und Kommunikationswege bereits „natürlich“ wirken, wird eine Bergung im öffentlichen Fokus kontrollierbar. Genau dieser Punkt erklärt auch, warum die Sichtbarkeit der historischen Operation gleichzeitig Nervosität erzeugen kann: Die Aufgabe bleibt technisch anspruchsvoll, aber sie wird durch Routine abgesichert.
Technisch verschiebt sich die Aufmerksamkeit anschließend zur Medizin. Der Recovery-Teil umfasste vier Mitglieder aus dem Dive Medical Team, jeweils mit Zuständigkeit für einen Astronauten. Lt. Cmdr. Jesse Wang erläutert, dass dafür eine spezielle Qualifikation nötig ist: Ein dive qualified independent duty corpsman oder Arzt muss eine Navy-Dive School am Naval Diving and Salvage Training Center in Panama City, Florida, absolviert haben. Für die Versorgung im Kontext von Space Medicine kommt eine weitere Komplexität hinzu: Wang beschreibt, dass es für Astronauten andere Pathologie- und Physiologie-Szenarien gibt als bei „Erde-Patienten“. Laut seiner Aussage wurden die Behandler vor der Bergung von der NASA medizinisch vorbereitet, sodass die anfängliche Einschätzung zwar „normal“ mit Vitalzeichen beginnt, aber die Zielgruppe nicht dem Standardpatienten entspricht.
Auch der Umgang mit Aufregung wird als Bestandteil der sicheren Ausführung greifbar. Aldridge, der Hansen zugeteilt war, ordnet die anfängliche Erfassung zwar in den Ablauf „wie üblich“ ein, hebt jedoch hervor, dass die Astronauten aufgrund der Umstände deutlich anders seien als typische Patienten. Gleichzeitig berichtet er, dass sich die Tragweite des historischen Moments zwar erst mit der Zeit vollständig erschließt, er sich aber mit derselben Intensität auf den Einsatz vorbereitete wie auf jede andere Mission. Am Ende bleibt das Muster konstant: selbst wenn die Sicht der Weltöffentlichkeit wächst, müssen sich die Teams auf konkrete Arbeitsschritte konzentrieren. Wang bringt das auf den Punkt, indem er erklärt, dass die historische Natur und die gute Sichtbarkeit ihn nervös gemacht hätten, er aber darauf vertraute, dass das eigene Team „well trained“ und einsatzbereit ist.
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