LONDON (IT BOLTWISE) – Die geplante Ablösung der Riester-Rente durch ein neues Altersvorsorgedepot ab 2027 setzt auf staatliche Förderung in Fonds und ETFs. In der Praxis kollidiert dieses Renditeversprechen aber mit dem Sicherheitswunsch vieler Sparer: Besonders gefragte Varianten bieten Beitragsgarantien. Eine Untersuchung der Universitäten Kassel und Paderborn deutet darauf hin, dass ein großer Teil der Befragten genau diese Garantie bevorzugt. Damit droht ein Risiko, dass sich das neue Modell stärker an alte Riester-Muster annähert.

Neues Altersvorsorgedepot ab 2027: Warum Garantien die Rendite bremsen könnten
Neues Altersvorsorgedepot ab 2027: Warum Garantien die Rendite bremsen könnten (Foto: IT BOLTWISE)
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Ab 2027 soll die private Altersvorsorge in Deutschland nicht nur einfacher werden, sondern auch stärker vom Kapitalmarkt profitieren. Das neue Altersvorsorgedepot löst die Riester-Rente ab und erlaubt gefördertes Sparen in Fonds und ETFs. Für viele klingt das nach einem klaren Wechsel: weg von Produkten, die den Aktienanteil in der Regel drücken, hin zu einer Struktur, die Chancen über lange Anlagezeiträume nutzt. Gleichzeitig zeichnet sich bereits vor dem Start ein Zielkonflikt ab, der bei der Reform politisch gewollt sein mag, aber bei Kundenerwartungen schnell zum Stolperstein werden kann.

Genau diesen Konflikt adressiert eine Untersuchung der Universitäten Kassel und Paderborn. Drei von vier Befragten können sich grundsätzlich vorstellen, das neue Modell zu nutzen. Trotzdem bevorzugt die Mehrheit Produkte mit Garantiekomponenten: Laut Auswertung würden 47 Prozent ein Produkt mit voller Beitragsgarantie wählen, 40 Prozent eine Variante mit 80-Prozent-Garantie. Demgegenüber nennen nur 34 Prozent das kostengünstige Standarddepot als Wunschlösung; beim weitgehend frei gestaltbaren Altersvorsorgedepot liegen es lediglich bei 19 Prozent. Die Richtung ist damit eindeutig: Gerade dort, wo die Reform mehr Renditepotenzial über Marktmechanismen erreichen soll, zeigt sich ein Bedarf an planbarer Sicherheit.

Der Begriff, der diese Erwartungspraxis besonders stark prägt, ist die Beitragsgarantie. Eine volle Beitragsgarantie bedeutet, dass der Anbieter zu Beginn der Auszahlphase mindestens 100 Prozent der eigenen Einzahlungen plus staatliche Zulagen als bestimmter Teil zur Verfügung stellt. Für Sparer wirkt das beruhigend, weil am Ende der Ersparnisphase nicht weniger ausgezahlt werden soll als eingezahlt wurde. Technisch betrachtet bringt diese Zusicherung aber einen Renditepreis mit sich: Um die Garantie erfüllen zu können, müssen Anbieter das Risikoprofil ihrer Anlagen vorsichtiger aussteuern. Häufig heißt das weniger Aktienexponierung und mehr Kapital in sicherere Anlagen wie Anleihen; dazu kommen zusätzliche Kosten für das Management der Geldanlage.

Dass Garantien nicht nur teuer sein können, sondern auch falsche Erwartungen erzeugen, betont auch der Verbraucherschutz in der Debatte um die Reform: Der Verbraucherzentrale Bundesverband lobt zwar, dass künftig Sparen mit einfachen Auszahlungsplänen ohne teure Garantieversprechen möglich sein soll. Gleichzeitig wird davor gewarnt, Verbraucher durch Beratung in teurere, teilgarantierte Rentenversicherungen zu lenken. Deutlicher formuliert ein unabhängiger Finanzratgeber: Er rät, Garantieprodukte und teure Anbieter zu vermeiden, weil die alte Riester-Garantie langfristige Aktienanlagen ausgebremst habe. In der Konsequenz entscheidet nicht nur der Wunsch nach Sicherheit, sondern auch die Frage, welche Form von Sicherheit am Ende wirklich schützt.

Ein weiterer Punkt fällt dabei häufig unter den Tisch: Inflation. Kim Felix Fomm, Chief Investment Officer bei der Geldanlageplattform Raisin, argumentiert im Gespräch, Garantien klängen zwar attraktiv, weil sie Sicherheit versprechen, seien aber für die Altersvorsorge „einfach nicht sinnvoll“. Seine Kernthese lautet: Die Art von Risiko, die mit Beitragsgarantien abgesichert werden soll, existiere bei breit gestreuten Aktienanlagen über Jahrzehnte typischerweise nicht in der Weise, wie es das Garantieversprechen suggeriert. Zudem werde Rendite bezahlt, ohne dass damit Kaufkraftverlust wirklich verhindert werde. Moritz Schumann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Versicherer (GDV), stellt dagegen heraus, dass viele Menschen sich Garantien wünschten und dass eine 80-Prozent-Garantie hier als Mittelweg Sicherheit mit Chancen verbinden könne. Auch seine Sicht hängt deshalb weniger an „ohne Garantie überhaupt“, sondern an der Frage, wie hoch der Pflichtanteil an Absicherung ausfällt.

Damit wird auch das Risiko-Narrativ greifbar: Aktienkurse schwanken, und in einzelnen Jahren können breit gestreute Aktienfonds deutlich an Wert verlieren. Wer kurz vor oder während eines Börsencrashs gezwungen ist, zu verkaufen, kann real Verluste erleiden. Über lange Zeiträume sieht die Rechnung jedoch statistisch oft anders aus. Als Referenz wird häufig der MSCI World genutzt, ein internationaler Aktienindex. Historische Auswertungen seit 1970 zeigen laut Darstellung: Wer mindestens 15 Jahre investiert blieb, machte in der Vergangenheit keinen Verlust – unabhängig vom Einstiegszeitpunkt. Für die Zukunft bleibt das dennoch eine Simulation: In einer Modellrechnung für die kommenden 15 Jahre liegt die Wahrscheinlichkeit, mit einem MSCI-World-ETF zumindest ohne nominalen Verlust herauszukommen, bei knapp 90 Prozent. Das verbleibende Verlustrisiko bleibt also bestehen, sinkt jedoch tendenziell, wenn Sparraten über deutlich mehr als 15 Jahre erfolgen.

Entscheidend ist letztlich der Preis der „Sicherheit“. Wie stark geringere Renditen ins Gewicht fallen können, wird in einer Modellrechnung sichtbar: Jemand zahlt 35 Jahre lang monatlich 150 Euro ein. Bei einer durchschnittlichen Rendite von 5,5 Prozent pro Jahr (nach Kosten) ergibt sich rechnerisch ein Vermögen von rund 183.000 Euro. Bei nur 3,5 Prozent Rendite läge es bei etwa 121.000 Euro – der Unterschied beträgt mehr als 60.000 Euro. Genau deshalb fordern die Forschenden der Universität Kassel, dass Renditekosten von Garantien vor Vertragsabschluss transparenter gemacht werden sollten. Für Sparer hieße das: nicht nur sehen, welche Auszahlung garantiert ist, sondern auch, welches Vermögensniveau sie durch den Garantieaufschlag möglicherweise einbüßen.

Für den Markt entsteht daraus ein doppeltes Aufgabenfeld. Erstens müssen Angebote so gestaltet werden, dass die Reform ihr Renditeziel nicht durch übermäßige Pflichtabsicherung verwässert. Zweitens müssen Beratung und Produktvergleich die Kostenlogik verständlich machen, statt Sicherheitswünsche reflexhaft in komplexe Garantieversprechen zu übersetzen. Kim Felix Fomm warnt in diesem Zusammenhang vor einem Rückfall in alte Muster: Wenn Menschen aus Angst vor Schwankungen wieder in teure Garantieprodukte wechseln, könnte sich das System zwar „neu“ nennen, aber in der Produktwahl die Renditechancen dennoch deutlich begrenzen. Gleichzeitig betont er, dass das neue Altersvorsorgedepot im Kern gut ist: Garantiepflicht und Verrentungspflicht wegzulassen kann zu besseren Renditen führen. Ob das gelingt, hängt an der Umsetzung – und daran, wie transparent Kosten, Rendite und das Schutzversprechen gegenüber Inflation im Alltag tatsächlich dargestellt werden.


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