TEL AVIV / SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Die israelische Cybersecurity-Startup NewCore ist nach einem Jahr aus dem Stealth aufgetaucht und sammelt insgesamt 66 Millionen US-Dollar. Im Fokus steht eine Infrastrukturplattform, die Identitäten und Berechtigungen für Mitarbeitende, Systeme und KI-Agenten zentral absichert. Das Unternehmen zielt laut Management auf eine direkte Konfrontation mit etablierten Anbietern wie Microsoft und Okta. Gleichzeitig argumentiert NewCore, dass moderne Angriffe vor allem Berechtigungen missbrauchen – und genau hier soll eine neue Architektur ansetzen.

Die israelische Cybersecurity-Startup NewCore beendet nach rund einem Jahr das Stealth-Mode und bringt frisches Kapital in die Marktdebatte um Identitäts- und Berechtigungsmanagement. Insgesamt fließen 66 Millionen US-Dollar in zwei Finanzierungsrunden: ein 16-Millionen-US-Dollar Pre-Seed, angeführt von Index Ventures und Cyberstarts, sowie ein anschließender Seed, der das Gesamtvolumen auf den genannten Wert hebt. Mit einer bereits kommunizierten Bewertung von 300 Millionen US-Dollar positioniert sich das Team aus Tel Aviv und San Francisco auf ein ambitioniertes Ziel: eine Sicherheitsplattform zu bauen, die nicht nur nachgelagerte Kontrollen ergänzt, sondern Identitäten als „sichere Grundinfrastruktur“ behandelt.
Technisch beschreibt NewCore eine Plattform, die Identitäten und Permission-Strukturen für Mitarbeitende, für IT-Systeme und zunehmend auch für KI-Agenten verwaltet. Genau dieser Punkt gewinnt mit dem Aufkommen von Agentic Workflows an Brisanz: Wenn Organisationen nicht nur Menschen, sondern auch autonome Agenten mit Zugriffsrechten ausstatten, verschiebt sich das Risiko von klassischen Server-Angriffswegen hin zu „Berechtigungsdiebstahl“ und missbräuchlicher Ausnutzung bestehender Identitäten. In der Praxis bedeutet das eine deutlich größere Angriffsfläche, weil Identitäten oft breit verteilt sind und Rechte in vielen Anwendungen historisch gewachsen sind. NewCore adressiert das, indem es zentralisiert, reduziert und dadurch zentrale Fehlerpunkte vermeiden will.
Historisch war Identity Management häufig „funktional zuerst“ und sicherheitstechnisch „schichtweise nachgerüstet“. Viele Organisationen betreiben ein primäres Identity-System und kombinieren dazu diverse Zusatzprodukte, die spezifische Bedrohungen abfangen sollen. NewCore ordnet sich damit als Infrastrukturansatz in eine Linie ein, die in den letzten Jahren unter dem Stichwort Zero Trust und privilegierte Zugriffskonzepte an Fahrt gewonnen hat: statt Access über viele Adapter und nachträgliche Policy-Layer zu patchen, soll die Architektur von Beginn an weniger Spielraum für übermäßige Rechte lassen. Laut Management und Investoren folgt die Idee einem „risk-by-design“-Prinzip, um Credential Theft und schädliche Logins stark zu reduzieren, inklusive eines stufenweisen Migrationspfads ohne Betriebsunterbrechung.
Im Markt entsteht damit eine direkte Reibung mit etablierten Plattformen. Okta gilt in der Wahrnehmung vieler Enterprises zwar als wichtiger Akteur im Identity-Bereich, steht aber zugleich wiederholt in der Diskussion, wie stark der eigene Stack ursprünglich als IT-Operations-Werkzeug gebaut wurde und erst später stärker als Sicherheitsprodukt „geframed“ wurde. NewCore geht einen anderen Weg und behauptet, dass Identitätsangriffe heute häufig mit der Übernahme einer bestehenden Identität arbeiten und daraus parallel „Rauschen“ innerhalb organisatorischer Identity-Systeme erzeugen. Ein Angriff kann so schwerer zu erkennen sein, weil er im Normalbetrieb verwurzelt wirkt. Wettbewerber wie Microsoft und spezialisierte Cybersecurity-Player stehen damit unter Druck, ihre Identity-Pipelines stärker an agentische Nutzung und permission-basierte Bedrohungen anzupassen.
Aus Expertensicht wird dabei vor allem die organisatorische Komplexität zum Bottleneck: Security-Verantwortliche benötigen Lösungen, die nicht nur technisches Monitoring liefern, sondern auch sauber in bestehende Budgets und Betriebsmodelle passen. Die Seed-Investorin Cyberstarts betont laut Aussagen eines Partners, dass viele Systeme bislang in zwei Phasen gedacht wurden – erst Funktionalität, danach Sicherheits-„Add-ons“. Diese Lücke verschärft sich im Zusammenspiel aus Legacy-Identitäten, vielen Anwendungen und dynamischen Berechtigungen. NewCore positioniert sich deshalb als Produkt, das CISOs anspricht, indem es nicht „oben drauf“ eine zusätzliche Schutzschicht verspricht, sondern die Identitätslogik selbst als Sicherheitskern definiert. Genau hier liegt die Marktchance: Wenn große Organisationen künftig Adoption statt Austausch wählen können, steigt die Wahrscheinlichkeit für schnelle Pilot-to-Production-Zyklen.
Für die Unternehmensseite ist die Aussagekraft der nächsten Schritte entscheidend. NewCore plant, innerhalb der kommenden 18 Monate Erlöse im zweistelligen Millionenbereich anzustreben, und knüpft das Ziel an eine klare Marktannahme: Organisationen mit mehr als 500 Mitarbeitenden müssten so ein System besitzen. Das Unternehmen argumentiert dabei auch mit einem langen Atem, denn das Team will sich nicht auf einen „Quick Exit“ ausrichten. Das gesammelte Kapital soll nach eigener Darstellung für etwa vier Jahre operativen Runway reichen. In der Zukunft dürfte NewCore damit stark davon abhängen, wie gut die Plattform heterogene Identity-Landschaften integriert, wie schnell sich Policy-Änderungen auditierbar abbilden lassen und wie überzeugend die Lösung die Sicherheitsannahmen messbar belegt.
Regulatorisch und datenschutzseitig verschiebt sich der Fokus ebenfalls: Identitätsdaten und Berechtigungsketten sind hochsensibel, weil sie sowohl personenbezogene Informationen als auch Metadaten zu Systeminteraktionen enthalten können. Für Enterprises bedeutet das, dass der Schutz nicht nur aus Zugriffskontrollen besteht, sondern auch aus sicherer Datenhaltung, klaren Lösch- und Retention-Regeln sowie nachweisbaren Zugriffspfaden. Gerade wenn KI-Agenten eine Rolle spielen, steigt der Bedarf an kontrollierter Delegation und an nachvollziehbarer Protokollierung, damit sich Entscheidungen gegenüber Audit-Anforderungen erklären lassen. Für Entwickler und Integratoren eröffnet sich gleichzeitig ein neues Spielfeld: Wenn Identitäten als Sicherheitsgrundlage modelliert werden, werden APIs, Policy-Engines und Observability-Komponenten zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
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