JEREZ DE LA FRONTERA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Zahl der Angriffe auf kontaktlose Bezahlsysteme steigt laut aktuellen Zählerständen deutlich, getrieben vor allem von Relay-Attacken gegen Android-Geräte. Spezialisierte Trojaner nutzen Sicherheitslücken der NFC-Nutzung, imitieren dabei Zahlungs- und Banking-Apps und verschleiern ihre Aktivitäten über viele Kontroll-Server. Eine neue Angriffsmasche zielt zudem darauf, Nutzer zu schädlichen Installationen zu bewegen und damit Transaktionen an Geldautomaten zu manipulieren. Parallel wächst der Druck, weil auch Phishing über KI deutlich schneller skaliert.

NFC-Angriffe auf Android: Relays und neue Trojaner wachsen stark
NFC-Angriffe auf Android: Relays und neue Trojaner wachsen stark (Foto: IT BOLTWISE)
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Kontaktlose Zahlungen über das Smartphone geraten stärker unter Druck, weil Angreifer die Funkkette zwischen NFC-Chip und Karten-/Zahlungslogik immer besser ausnutzen. Im Kern geht es bei vielen Vorfällen nicht um das “Kopieren” einer Karte im klassischen Sinn, sondern um das gezielte Umleiten von Signalen: Bei Relay-Angriffen fangen Geräte die relevanten Zahlungssignale ab und leiten sie in einem zweiten Schritt so weiter, dass das Zielsystem eine legitime Autorisierung erwartet. Genau deshalb wirkt der Angriff besonders heimtückisch: Für die betroffenen Nutzer sieht es oft nach einer normalen Touch-to-Pay-Situation aus, die eigentliche Manipulation passiert jedoch in der Funkstrecke und damit außerhalb der sichtbaren Benutzeroberfläche.

Dass diese Klasse von Angriffen skaliert, untermauern mehrere technische Beobachtungen aus dem Sicherheitsumfeld. Zimperium zLabs beschreibt seit dem Frühjahr 2024 über 760 bösartige Apps, die über mehr als 70 Kontroll-Server und zahlreiche Telegram-Bots kommunizieren. Die Täter greifen dabei offenbar auf App-Kopien zurück: Rund 20 Finanzinstitute sollen als Vorlage gedient haben, sodass die Schadsoftware die Nutzerführung und das Layout echter Banking-Apps nachahmt. Diese Kombination aus UI-Nachbau und Command-and-Control macht es schwer, reine Verhaltensmarker in einer App-Ansicht zu erkennen, weil das Frontend “stimmt”, während die Logik im Hintergrund variiert.

Mit “Hook v3” nennt das Sicherheitsforschungskonsortium eine neue Trojaner-Version, die offenbar über mehr als 100 Remote-Befehle verfügt und zusätzlich gefälschte NFC-Overlays erzeugen kann. Technisch ist das ein wichtiger Unterschied: Statt nur Daten abzugreifen oder Transaktionen zu unterbrechen, kann die Schadsoftware die Darstellung so manipulieren, dass Nutzer den Ereignisfluss falsch interpretieren. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen klassischem Banking-Betrug, Spyware-Funktionalität und Ransomware-nahem Erpressungspotenzial, weil die Angreifer je nach Zielkontext mehrere “Betriebsarten” aktivieren können. Für Security-Teams bedeutet das: Tests, die nur auf eine einzelne Schadensphase (z. B. Credential-Diebstahl) ausgelegt sind, reichen oft nicht mehr, wenn Overlay-Erstellung und Fernsteuerung kombiniert auftreten.

Der Trend zeigt sich auch in der reinen Angriffszahl. Kaspersky nennt für die ersten vier Monate 2026 einen Zuwachs NFC-basierter Cyberangriffe auf Android-Geräte um 188 Prozent. Im gleichen Zeitraum blockierte das Unternehmen über 35.600 Angriffsversuche, während es im Vorjahreszeitraum etwa 12.300 waren. Damit wird klar, dass es sich nicht nur um einzelne Kampagnen handelt, sondern um eine wiederkehrende Taktik, die sich offensichtlich in der Angreifer-Ökonomie lohnt. Eine weitere Masche heißt “NFC inverso”: Dabei sollen Opfer gezielt zu einer schädlichen App gebracht werden, die das NFC-Signal des Smartphones nutzen kann, um Transaktionen an Geldautomaten zu manipulieren. In dem genannten Fall in Jerez de la Frontera in Südspanien nahm die Polizei zwei Verdächtige fest; die Ermittlungen ordnen den Vorwurf ein, dass bei 22 Opfern ein Schaden von über 30.000 Euro entstanden sein soll.

Während NFC-lastige Kampagnen die Funkstrecke adressieren, erhöht sich parallel die Effektivität klassischer Social-Engineering-Angriffe. KnowBe4 berichtet, dass inzwischen 86 Prozent aller Phishing-Angriffe KI-gestützt durchgeführt werden. Das ist vor allem deshalb relevant, weil KI-gestütztes Text- und Sprachgenerieren die Personalisierung beschleunigt und damit die Trefferquote in der initialen Kontaktaufnahme verbessern kann. Dazu kommen Angriffswege, die nicht nur per E-Mail funktionieren, sondern auch über Kommunikations- und Kollaborationstools laufen; im Quellkontext werden Kalendereinladungen und Microsoft-Teams-ähnliche Plattformen explizit genannt. Für Unternehmen heißt das: Awareness-Schulungen, die nur “verdächtige E-Mails” adressieren, verfehlen zunehmend die Realität, weil der gleiche Betrugskern in andere UI-Kontexte migriert.

Auch bei rechtmäßigen Zahlungsanwendungen entsteht zusätzlicher Support-Bedarf, wenn Plattform-Updates Funktionalitäten beeinflussen. Ein Update der Google Play Services (Version 26.28) sorgt demnach für Probleme bei Nutzern, die keine klassischen, offiziell ausgestatteten Gerätepfade nutzen: Auf Smartphones mit chinesischen ROM-Versionen – etwa Import-Geräte von Xiaomi, Vivo oder OPPO – soll das Update offenbar die Tap-to-Pay-Funktion von Google Wallet deaktivieren. Die App startet weiter, doch die kontaktlose Bezahlung funktioniert nicht mehr. Das wirkt zwar wie ein reines Kompatibilitäts- oder Konfigurationsproblem, hat in der Praxis aber Sicherheits- und Support-Relevanz, weil Nutzer dann in Ersatzprozesse ausweichen und dadurch neue Angriffsflächen schaffen können (z. B. durch erhöhtes Misstrauen oder durch das hektische Installieren weiterer Apps, um “doch noch bezahlen zu können”).

Die Gegenstrategie verschiebt sich deshalb stärker in Richtung mehrschichtiger Kontrolle: Auf Nutzerseite bleibt der Basisschutz plausibel – Apps nur aus offiziellen Quellen installieren und keine sensiblen Daten preisgeben, ergänzt durch Zwei-Faktor-Authentifizierung sowie die regelmäßige Kontrolle verknüpfter Geräte. Auf Unternehmens- und Finanzebene wächst zudem der Fokus auf Verhaltensbiometrie und Session-Analyse, weil klassische “Passwort stimmt/Passwort falsch”-Signale in Phishing-Szenarien oft zu spät kommen. Ein konkretes Signal aus dem Markt: Visa übernimmt Anfang August 2026 den Verhaltensbiometrie-Spezialisten BioCatch für 2,09 Milliarden Euro in bar. BioCatch soll monatlich etwa 19 Milliarden Sitzungen von über 760 Millionen Bankkunden auswerten, um betrügerische Muster zu erkennen; der Abschluss wird für Ende des zweiten Quartals 2027 erwartet. Für die Zukunft ist das entscheidend, weil Künstliche Intelligenz nicht nur Angreifer stärkt, sondern auch der Abwehr hilft, wenn sie konsistent aus Signalen wie Interaktionsmustern, Timing und Session-Charakteristik lernt und diese mit NFC- und App-Verhalten kombiniert.


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