ESPOO / LONDON (IT BOLTWISE) – Nokia stellt eine KI-native RAN-Plattform vor und koppelt sie eng mit NVIDIA-Rechenpower. Ziel ist eine deutlich höhere spektrale Effizienz von mehr als dem Doppelten bis 2028, bei gleichzeitig weniger Druck auf Betreiber, neue Frequenzlizenzen zu kaufen. Der Ansatz verschiebt Wertschöpfung weg von Hardwarezyklen hin zu fortlaufender Software-Optimierung. Erste Pilotprojekte sollen Ende 2026 starten, während die kommerzielle Vermarktung für 2027 geplant ist.

Nokia bringt KI-natives RAN mit NVIDIA: Netzeffizienz soll sich verdoppeln
Nokia bringt KI-natives RAN mit NVIDIA: Netzeffizienz soll sich verdoppeln (Foto: IT BOLTWISE)
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Nokia setzt mit einer KI-nativen RAN-Plattform (Radio Access Network) einen klaren Akzent: Die Künstliche Intelligenz soll nicht nur ergänzend auf der Seite von Auswertung oder Planung laufen, sondern direkt in die Netzinfrastruktur einziehen. Der finnische Konzern positioniert damit Funkzugangsnetze als „dauerhaft lernendes“ System, das sich kontinuierlich an Last, Funkbedingungen und Nutzerprofile anpasst. Damit trifft Nokia einen Nerv der Betreiber: 5G wächst, aber die Kostenseite bleibt angespannt, während Frequenzressourcen vielerorts knapp sind. Genau an dieser Stelle will das Unternehmen mit der Kombination aus eigener anyRAN-Software und NVIDIA-Technologie ansetzen.

Technisch beschreibt Nokia die Plattform als Mischung aus seiner anyRAN-Software und NVIDIAs Aerial AI-RAN-Technologie. Das Kernversprechen lautet, die spektrale Effizienz bis 2028 auf mehr als das Doppelte zu steigern. „Spektrale Effizienz“ ist in diesem Kontext mehr als ein Buzzword: Gemeint ist, wie viel Datenrate pro Hz Bandbreite und pro Zeiteinheit im Funkzugangsnetz tatsächlich nutzbar wird. Wenn Betreiber bestehende Frequenzbänder besser nutzen, können sie Kapazität gewinnen, ohne neue Lizenzen oder zusätzliche Spektrum-Ankäufe finanzieren zu müssen. Für die Praxis bedeutet das auch: Optimierungen müssen möglichst nahe am Entscheidungsprozess stattfinden, sonst verpufft der Effekt durch Latenzen und veraltete Messwerte.

Der Go-to-Market-Ansatz ist dabei mindestens so entscheidend wie die Architektur. Nokia plant, die Software als Abonnement anzubieten und damit Leistungsverbesserungen fortlaufend auszurollen. Operativ verschiebt das den Wertschöpfungsanteil vom klassischen Hardware-Refresh (mit langen Beschaffungs- und Installationszyklen) hin zu einer modell- und datengetriebenen Optimierung, die sich in regelmäßigen Updates fortschreiben lässt. Das ist vergleichbar mit dem, was man aus dem Cloud-Umfeld bei Model Monitoring und Deployment kennt, nur dass hier ein hochverfügbares Telekommunikationssystem im Mittelpunkt steht. Pilotprojekte sollen Ende 2026 starten; die kommerzielle Vermarktung ist für 2027 angesetzt, wodurch Nokia den Zeitraum für Integration, Validierung und Skalierung bewusst streckt.

Im Markt verschärft Nokia damit indirekt den Wettbewerb mit etablierten RAN-Anbietern und deren Ökosystemen. Ericsson, Huawei und Samsung arbeiten seit Jahren an Themen wie Virtualisierung, Automatisierung und teilweise auch KI-gestützter Netzsteuerung; trotzdem war die Hürde häufig die Operationalisierung: Datenqualität, Modell-Rollbacks, domänenspezifische Trainingseffekte und die Frage, wie stabil eine KI unter echten Funkbedingungen bleibt. Nokia adressiert dieses Risiko, indem es KI direkt in die RAN-Logik einbindet und zugleich NVIDIAs Rechenplattform als Hardware-Basis nutzt. Branchenübergreifend wird derzeit ohnehin erwartet, dass die „KI-Optimierung“ in Telekomnetzen stärker auf Edge- und Near-Edge-Szenarien ausgerichtet wird, weil Betreiber sonst mit Latenz und Datenschutz kollidieren.

Auch die finanzielle Lage signalisiert, dass das Thema dringend in messbare Ergebnisse übersetzen muss. Die Nokia-Aktie schloss am Freitag bei 8,90 Euro und verlor 2,39 Prozent zum Vortag; auf Wochensicht steht laut vorliegenden Kursdaten ein Rückgang von 18,31 Prozent. Der RSI bei 31,5 wird dabei als überverkauft interpretiert und deutet statistisch auf eine mögliche kurzfristige Gegenbewegung hin. Längerfristig bleibt die Aktie aber deutlich volatil: Seit Jahresbeginn steht sie noch mit 59,21 Prozent im Plus, vom 52-Wochen-Hoch bei 14,97 Euro Anfang Juni sind es jedoch rund 40 Prozent. Für Anleger ist nun der nächste harte Check an der Zahlenfront besonders relevant: Am 23. Juli soll der Halbjahresbericht vorgelegt werden.

Gerade im Enterprise- und Carrier-Kontext wird sich zeigen, ob Nokia das KI-RAN-Geschäft bereits in Auftragszahlen konkretisiert und ob das Management Wachstumsannahmen für die neue Plattform quantifiziert. Das Entscheidende ist dabei weniger der technische Proof-of-Concept, sondern die Skalierbarkeit in mehreren Netzen mit unterschiedlichen Ausprägungen von Funklast, Topologie und bestehender Hardware. Hier spielt auch das Modell-Update-Management eine Rolle: Wie werden neue Modelle deployed, wie werden sie abgesichert, wie werden sie zurückgerollt, wenn Qualitätsmetriken kippen? In der Praxis ist das eine Kombination aus MLOps-Disziplin, Observability und betrieblicher Netzstabilität. Betreiber müssen außerdem sicherstellen, dass die Datenflüsse in einheitliche Logging- und Audit-Strukturen integriert sind.

Regulatorisch und sicherheitstechnisch ist der Ansatz nicht trivial, weil KI in sensiblen Netzbereichen neue Angriffsflächen schaffen kann. Wenn KI-Modelle Entscheidungen über Funkparameter beeinflussen, müssen Integrität, Zugriffsschutz und Nachvollziehbarkeit stimmen: von der Supply-Chain der Softwarekomponenten über die Rechte der Operatoren bis hin zur Absicherung gegen manipulierte Trainingsdaten oder unerwartete Zustände im Betrieb. Hinzu kommen Datenschutzanforderungen, je nachdem, welche Messwerte in der Trainings- und Inferenzpipeline verarbeitet werden. Nokia versucht, über den Abonnement-Mechanismus und die kontinuierliche Optimierung Tempo aufzubauen; gleichzeitig steigt damit der organisatorische Anspruch, Änderungen kontrolliert einzuspielen und Compliance-Anforderungen pro Release nachzuweisen.

Daneben stärkt Nokia das Gesamtbild mit einer bestehenden 5G-Partnerschaft: Parallel zum Plattform-Start wurde die Zusammenarbeit mit Taiwan Mobile verlängert. Der Deal umfasst ein Upgrade der Netzinfrastruktur mit Nokias AirScale-Hardware und KI-gestützter Software, mit dem Ziel, Energie zu sparen und Abläufe zu automatisieren. Für die Zukunft deutet das auf eine typische Skalierungsstrategie hin: erst Pilot und Proof, dann Integration in reale Betriebsprozesse, schließlich die Ausrollung über mehrere Netzdomänen. Wenn Pilotprojekte Ende 2026 starten und die Vermarktung 2027 beginnt, sollten Entwickler und Systemintegratoren besonders auf Schnittstellen, Update-Frequenzen und die Frage achten, wie schnell aus messbaren Effekten auf dem Feld ein wiederholbares Produktversprechen wird.


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