SUNNYVALE / LONDON (IT BOLTWISE) – Nokia hat im zweiten Quartal deutlich bessere Zahlen vorgelegt als erwartet und vor allem im KI- und Cloud-Geschäft spürbar zugelegt. Der Umsatz stieg auf 4,815 Milliarden Euro, der vergleichbare Nettogewinn kletterte um 64 Prozent auf 414 Millionen Euro. Gleichzeitig wächst das Auftragsbuch im AI/Cloud-Bereich kräftig, während die Umwandlung in Cashflow am Markt skeptisch beäugt wird. Parallel treibt das Unternehmen eine Zusammenarbeit für eine AI-RAN-Plattform voran und eröffnet ein neues Innovationslabor in Kalifornien.

Nokia meldet Q2-Zuwächse bei KI-Aufträgen – Umsatz- und Margentreiber im Fokus
Nokia meldet Q2-Zuwächse bei KI-Aufträgen – Umsatz- und Margentreiber im Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Q2-Zahlen von Nokia wirken auf den ersten Blick wie ein klassisches „Operatives besser als die Erwartungen“-Signal: Der Umsatz stieg um 8 Prozent auf 4,815 Milliarden Euro, und beim vergleichbaren Betriebsgewinn ging es um 18 Prozent auf 434 Millionen Euro nach oben. Entscheidend für die Marktreaktion ist allerdings, dass der ausgewiesene Blick ins operative Ergebnis kurzfristig bremst: Durch Sonderbelastungen aus dem laufenden Umbauprogramm rutschte das operative Ergebnis auf ausgewiesener Basis ins Minus, die Marge fiel um 430 Basispunkte auf minus 1,0 Prozent. Damit entsteht ein zweigeteiltes Bild, in dem die Profitabilität in der „vergleichbaren“ Sicht stark zulegt, die „Reporting“-Kennzahl aber noch unter Transformationskosten leidet.

Für das Management ist die Story klarer: Nokia meldet im zweiten Quartal eine vergleichbare operative Marge von 9,0 Prozent und hebt damit den Kerngedanken hervor, dass der Umbau bereits Wirkung zeigt. Besonders auffällig ist der Nettogewinn: Der vergleichbare Nettogewinn wächst um 64 Prozent auf 414 Millionen Euro. Genau diese Diskrepanz zwischen vergleichbaren und ausgewiesenen Kennziffern ist für Investoren relevant, weil sie die Frage aufwirft, wie nachhaltig die Ergebnisqualität ist, wenn die Sonderlasten im weiteren Jahresverlauf weiterwirken. Für 2026 nennt Nokia Restrukturierungskosten in einer Spanne von 700 bis 800 Millionen Euro, was die Erwartungen an das Timing weiterer Verbesserungen indirekt begrenzt.

Während Finanzkennzahlen den Takt vorgeben, liegt der eigentliche Motor der Fantasie im Auftragsbuch. Im KI- und Cloud-Geschäft sammelte Nokia Bestellungen im Wert von 2,8 Milliarden Euro ein, berichtet wird dabei eine Größenordnung, die als Vielfaches des Quartalsumsatzes dieses Segments dargestellt wird. Parallel wächst der Netto-Umsatz im Bereich AI/Cloud um 105 Prozent auf 446 Millionen Euro. Dazu kommt Rückenwind aus der klassischen Infrastruktur: Network Infrastructure steigt um 12 Prozent, getragen von Optical (+20 Prozent) und IP (+16 Prozent), während Mobile Infrastructure um 7 Prozent wächst. Technisch lässt sich das als Momentaufnahme lesen, in der sowohl datengetriebene als auch adressierbare Carrier-Backbone-Bausteine anziehen – nicht nur als „KI-Play“, sondern als breiterer Infrastrukturhebel.

An der Börse prallen jedoch zwei Geschwindigkeiten aufeinander: die Geschwindigkeit des Auftragseingangs und die Geschwindigkeit, mit der daraus Umsatz und schließlich Free Cashflow werden. Im Markt wird laut der bereitgestellten Einschätzung davon ausgegangen, dass von den 2,8 Milliarden Euro an neuen Aufträgen binnen zwölf Monaten nur rund 1,4 Milliarden Euro in tatsächlichen Umsatz umgewandelt werden können. Das ist keine Nebensache, denn Nokia nennt für die Free-Cashflow-Perspektive eine Konversion der Vorhersagebasis mit einer geschätzten Free-Cashflow-Rendite von 2,9 bis 3,9 Prozent. Bei einer Konversionsrate von 55 bis 75 Prozent und einer Jahresprognose von rund 2,35 Milliarden Euro wird damit ein relativ enger Puffer sichtbar, wenn Vorleistungen für Lieferketten und Kapazitätsaufbau finanziert werden müssen. Genau hier sitzt die Sorge der Investoren: Nicht die Nachfrage an sich, sondern die Umsetzungs- und Finanzierungsdynamik.

Strategisch verstärkt Nokia den KI-Infrastruktur-Fokus in zwei Richtungen. Erstens wird die Zusammenarbeit mit NVIDIA für eine AI-RAN-Plattform vorangetrieben. In den ersten Tests wird eine Verbesserung der spektralen Effizienz um mehr als 20 Prozent genannt, mit Zielmarken bis 2027 von 50 Prozent und bis 2028 von 100 Prozent. Zweitens baut das Unternehmen KI-gestütztes Networking in die Validierungsschiene ein: In Sunnyvale, Kalifornien, eröffnet Nokia ein AI Networking Innovation Lab, in dem gemeinsam mit Partnern wie AMD, Keysight, Lenovo, Nscale, Supermicro, VIAVI und Weka so genannte Nokia Validated Designs unter realen KI-Workloads geprüft werden sollen. Aus technischer Sicht ist das weniger ein „Demo“-Versprechen als ein Versuch, die Lücke zwischen Modellanforderungen und Netzwerkfähigkeit zu schließen – also Latenz, Bandbreite und Architekturentscheidungen so zu testen, dass Rechenzentren und Infrastrukturbetreiber belastbare Integrationspfade erhalten.

Dass Nokia trotz der operativen Erfolge mit einem Verlust reagiert, passt zu diesem Bild aus Erwartungsdruck und Timing-Fragen. Aktuell notiert die Aktie bei 7,97 Euro und legt im Handel leicht zu, hat aber im Vormonat einen deutlichen Rücksetzer erlebt: Auf 30-Tage-Sicht steht ein Minus von 28,62 Prozent, zudem wird der schlechteste Monat seit 14 Jahren erwähnt. Gleichzeitig liegt der Kurs nur noch 0,29 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt – ein Indiz, dass der Ausverkauf kurzfristig zwar stabilisiert, aber nicht „durch“ ist. Am Kapitalmarkt bauen einige institutionelle Investoren ihre Bestände aus, während andere noch abwarten: Der Analystenkonsens stuft im Schnitt auf Outperform mit einem Kursziel von 10,32 Euro, die Spanne reicht dabei von 4,65 bis 18,00 Euro. In dieser Breite spiegelt sich weniger Uneinigkeit über die Nachfrage als vielmehr über Tempo und Rentabilität des KI-Wachstums.

Für die nächsten Quartale läuft damit alles auf eine einzige Frage hinaus: Kann Nokia das Auftragswachstum im KI-Geschäft so in Umsatz und Cashflow übersetzen, dass Restrukturierungs- und Umbaukosten nicht nur „wegdefinierter“ Buchungsaufwand sind, sondern operativ kompensiert werden? Der Hinweis aus der Berichterstattung auf mehrere institutionelle Adressen, die Bestände aufstocken, zeigt, dass es weiterhin Aufwärtspotenzial gibt. Gleichzeitig machen die finanzielle Konversionslogik und die selbst gesetzten Restrukturierungskosten 2026 klar, dass die Aktie nicht allein auf Wachstum, sondern auf Ausführungsqualität reagiert. Für Unternehmen, die in KI-Rechenzentren und Netzwerkinfrastruktur investieren, ist der Nokia-Fall daher auch ein Stimmungsindikator: Sobald AI/Cloud-Nachfrage nachweislich in planbare Liefer- und Finanzierungszyklen übergeht, werden Capex-Entscheidungen in der Branche deutlich leichter. Bleibt das Timing dagegen „zäh“, wird sich die Bewertung eher an der Cashflow-Brücke und weniger am Bestellvolumen orientieren.


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