LONDON (IT BOLTWISE) – Die Diskussion um deutsche Notarkosten erhält internationalen Rückenwind, weil ein Fall von 30.000 Euro für einen einzelnen Notartermin in der Startup-Welt als Beispiel für überhöhte Gebühren kursiert. Im Mittelpunkt steht eine wertbasierte Gebührenlogik, bei der sich die Kosten am Geschäftswert statt am tatsächlichen Zeitaufwand orientieren. Laut den geschilderten Details umfasste der Termin das Verlesen eines rund 90-seitigen Vertrags. Startups sehen darin vor allem in Finanzierungsrunden ein Risiko für Liquidität und Standortattraktivität.

Notarkosten-Debatte: 30.000 Euro für einen Termin bei Startup-Finanzierungen
Notarkosten-Debatte: 30.000 Euro für einen Termin bei Startup-Finanzierungen (Foto: IT BOLTWISE)
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In der Anfangsphase von Finanzierungen trifft rechtliche Formalität oft auf knappe Budgets – genau dort setzt die aktuelle Debatte um deutsche Notarkosten an. Auslöser ist ein Bericht von Stripe-CEO Patrick Collison, der Anfang September 2026 in der internationalen Startup-Szene auf die hohen Gründungskosten in Deutschland aufmerksam machte. Konkret schildert der Beitrag den Fall eines deutschen Gründers, der für einen einzelnen Notartermin eine Gebühr von 30.000 Euro zahlen musste; als Kerntätigkeit wird das Verlesen eines 90-seitigen Vertrags beschrieben. Solche Geschichten wirken in der Praxis wie ein Liquiditäts-Schock, weil Startups in frühen Runden typischerweise jede wiederkehrende Ausgabe gegen den nächsten Meilenstein abwägen.

Technisch betrachtet liegt der Konflikt weniger im einzelnen Termin, sondern in der gesetzlichen Logik: In Deutschland bemisst sich die Entlohnung von Notaren nicht nach dem tatsächlich geleisteten Zeitaufwand, sondern am Geschäftswert des beurkundeten Vorgangs. Für Kapitalgesellschaften und Investitionsrunden kann das den Unterschied zwischen „verwaltungstauglich“ und „existenzgefährdend“ ausmachen. In dem geschilderten Beispiel ging es um eine Investition in Höhe von 7 Millionen Euro, während die Unternehmensbewertung mit 21 Millionen Euro beziffert wurde. Der zuständige Notar legte den Geschäftswert jedoch mit 35 Millionen Euro fest – und allein das Vorlesen des Vertrags soll mit 63.110,85 Euro zu Buche geschlagen haben. Die Gesamtrechnung für den Termin wird im Bericht mit rund 100.000 Euro beziffert.

Die Kritik richtet sich damit auf eine Art Gebührenmechanik, die bei sehr kapitalintensiven Finanzierungsphasen besonders stark greift. Denn die Kosten koppeln sich an Bewertungsannahmen, die Startups in Verhandlungen häufig dynamisch anpassen – etwa je nach Investorensicht, Term Sheet und Struktur der Runde. Wenn der Geschäftswert nach oben abweicht, entstehen unmittelbare Mehrkosten, selbst wenn der formale Ablauf für Außenstehende gleich wirkt. Genau diese Spannung wird in der Debatte sichtbar: nicht die Bürokratie an sich, sondern die Tatsache, dass die Gebührensystematik den Aufwand für große Vertragsvolumina und die Bewertungslogik miteinander verknüpft, statt den Aufwand für die eigentliche Beratung und Verlesezeit stärker zu gewichten.

Einordnung liefern in dem Text auch Vergleiche aus dem Umfeld des Notarwesens. Demnach entspricht eine Gebühr in der Größenordnung von 30.000 Euro typischerweise einem Stammkapital von etwa 16 Millionen Euro – also einer Größenordnung, die deutlich über den Kosten für Standardgründungen liegt. Als Referenz werden für eine herkömmliche GmbH üblicherweise Gebühren zwischen 600 und 800 Euro genannt, während für eine Unternehmergesellschaft (UG) in der Regel etwa 150 Euro anfallen. Solche Richtwerte helfen beim Verständnis, warum Startups in Finanzierungsrunden schneller „aus der Kurve“ geraten: Der gleiche Rechtsakte-Mechanismus skaliert über den Geschäftswert, nicht über die Komplexität im Sinne von Zeitaufwand allein.

Gleichzeitig wird in der Debatte argumentiert, dass diese Struktur junge, kapitalintensive Unternehmen besonders benachteiligt. Der Grund ist plausibel: Viele Startups sind in frühen Phasen auf hohe Bewertungen angewiesen, um Investoren zu gewinnen – und genau diese Bewertungen fließen dann indirekt als Maßstab in die Gebührenhöhe ein. Dadurch kann sich ein Teufelskreis bilden: Bewertungssteigerungen erleichtern die Finanzierung, erhöhen aber gleichzeitig den Aufwand im Rechtsakt, der wiederum Liquidität bindet. Neben der rechtlichen Seite wird im Text außerdem betont, dass Startups ein „solides finanzielles Konzept“ brauchen, um Investoren von der Geschäftsidee zu überzeugen; außerdem wird auf Vorlagen für Businesspläne und Checklisten verwiesen. Für Entscheider liegt der praktische Punkt aber weniger im Dokumentformat als darin, dass die gesamte Finanzierungsplanung die rechtlichen Kosten als echte Projektkosten berücksichtigen muss – inklusive Puffer für Bewertungsstreitigkeiten.

Politisch und strategisch wird der Druck auf eine Modernisierung der Rahmenbedingungen als wachsend beschrieben. Als konkrete Alternative wird die Einführung einer „EU Inc.“ genannt: Diese neue Rechtsform soll Gründern eine Option geben, um die spezifischen deutschen Notarkostenstrukturen zu umgehen und grenzüberschreitende Gründungen innerhalb der Europäischen Union zu vereinfachen. Parallel wird aus der Branche der Wunsch nach digitalen Lösungen und pauschalisierten Gebührenmodellen artikuliert, damit rechtliche Formalitäten im Verhältnis bleiben. Ob sich dadurch die Kostenlast wirklich verringert, hängt am Ende davon ab, wie pauschalierte Modelle Geschäftswerte ersetzen oder zumindest ihren Einfluss auf die Gebührenhöhe begrenzen – und wie schnell sich solche Strukturen in der Praxis bei Vertragsgestaltung, Bank- und Investorprozessen sowie bei der Akzeptanz durch Beteiligte durchsetzen.


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