LONDON (IT BOLTWISE) – Novartis meldet im dritten Quartal ein zweistellig steigendes bereinigtes operatives Ergebnis und hebt gleichzeitig die Prognose für 2026 an. Gleichzeitig drücken Wertminderungen auf die berichteten Gewinne: Das operative Ergebnis sinkt um rund 60 %. Der Markt reagiert trotzdem positiv, weil die angehobene Zielspanne wieder Gewinnwachstum in Aussicht stellt. Entscheidend bleibt nun, ob die Pipeline-Erfolge die Abschreibungen mittelfristig überkompensieren.

Novartis zeigt mit den Zahlen zum dritten Quartal das, was Anleger an großen Pharmakonzerne besonders genau beobachten: zwei konkurrierende Wirkmechanismen laufen parallel. Auf der einen Seite stehen spürbare Fortschritte bei der operativen Steuerung, auf der anderen Seite schlagen Wertminderungen durch gescheiterte oder enttäuschende Studien auf die berichteten Kennzahlen durch. Für die Kursreaktion ist dabei weniger das „eine“ Ergebnis entscheidend als die Verbindung aus Kostenverlauf und Management-Planung.
Konkret steigt das bereinigte operative Ergebnis im dritten Quartal um elf Prozent auf gut 6 Milliarden US-Dollar. Im gleichen Zeitraum wächst der Umsatz um 4 Prozent auf gut 14,5 Milliarden US-Dollar. Die Erläuterung setzt auf zwei Bausteine: Produktivitätsmaßnahmen sollen die Kosten dämpfen, während der Gegenwind durch Generika weiterhin nachlässt. Im Hintergrund laufen zudem umsatzrelevante Patentabläufe: Entresto, Promacta und Tasigna haben 2025 ihren Patentschutz verloren, was den Konzern im ersten Quartal noch mit einem Umsatzminus belastet hatte – im zweiten Quartal kehrte Novartis dann aber wieder in Richtung Wachstum zurück.
Für 2026 hebt Novartis die Erwartung beim bereinigten operativen Ergebnis an: Nun steht mindestens Stagnation oder ein Anstieg im niedrigen einstelligen Prozentbereich im Raum. Bisher war hier ein Rückgang möglich gewesen. Auch beim Umsatz bleibt der Ausblick in einer ähnlichen Größenordnung positiv, nämlich mit einem Plus im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Aus Marktsicht ist das die zentrale Weichenstellung, denn genau in diesem Punkt wird wieder eine Dynamik sichtbar, die über „Stabilisierung“ hinausgeht und damit die Erwartungslücke zu den vorherigen Zahlen schließt.
Die andere Seite der Bilanz wirkt dagegen deutlich härter. Das berichtete operative Ergebnis fällt auf 1,84 Milliarden US-Dollar, der Überschuss liegt bei 1,2 Milliarden US-Dollar nach 3,9 Milliarden US-Dollar im Vorjahr. Auslöser sind Wertminderungen von 1,9 Milliarden US-Dollar, die mit einer gescheiterten Studie im Zusammenhang stehen: Del-Desiran wurde gegen myotone Dystrophie Typ 1 getestet. Solche Abschreibungen sind aus Analystensicht weniger eine Frage der „laufenden“ Ergebnisqualität als der Frage, welche Forschungsprogramme als wirtschaftlich fortführbar eingestuft werden – und damit, welche Kosten künftig noch in die Entwicklung fließen.
Rückenwind liefert in diesem Umfeld die Pipeline, allerdings nicht als simple Gegenrechnung, sondern als Risiko- und Zeitplan-Management. Novartis verweist darauf, Del-Desiran dennoch weiterzuentwickeln und hält an der Mittelfristplanung bis 2030 fest. Parallel dazu kamen positive Daten: Remibrutinib erzielte in Phase III bei schubförmiger multipler Sklerose positive Ergebnisse. Zudem wurden in den USA Fachinformationen für Rhapsido und Pluvicto erweitert, während in der EU für Pelabresib der erste Zulassungsantrag vorliegt. Genau diese Mischung – Fortschritte in späten Entwicklungsphasen bei gleichzeitigem Umgang mit Rückschlägen – beeinflusst, wie der Markt die zukünftige Ertragskraft bewertet.
Warum gewichtet der Markt dennoch offenbar die operative Stärke höher als die Abschreibung? Ein wesentlicher Hebel ist die Prognoseanhebung: Die Wertminderung betrifft zwar die berichteten Gewinne, erklärt aber nicht automatisch den weiteren Geschäftsverlauf. In der Wahrnehmung der Anleger zählt deshalb stärker, dass Novartis wieder Gewinnwachstum in Aussicht stellt – und dass das bereinigte Ergebnis gerade durch Kostenkontrolle und Produktmix-Impulse getragen wird. Zusätzlich gibt es externe Deutungen: Goldman Sachs sieht in der Kostenkontrolle einen Treiber für eine beschleunigte Gewinndynamik und hält um rund zwei Prozent steigende Markterwartungen für möglich. Jefferies verweist zudem auf deutlich niedrigere Vertriebs- und Verwaltungskosten als erwartet; auch der Umsatz habe leicht positiv überrascht, unter anderem getragen von älteren Produkten und dem starken Schuppenflechte-Mittel Cosentyx.
Für die nächsten Quartale entsteht daraus ein klares Erwartungsprofil. Erstens wird der Konzern zeigen müssen, ob die Kosten- und Produktivitätsmaßnahmen nicht nur im Reporting sichtbar sind, sondern als nachhaltiger Trend auch bei wechselnden Patentregimen funktionieren. Zweitens entscheidet sich, wie die Pipeline-Fortschritte in neue Umsatz- und Ergebnisbeiträge übersetzt werden – denn Rückschläge in der späten Forschung bleiben ein zentraler Bewertungsfaktor. Schließlich wird der Markt die Diskrepanz zwischen berichteten und bereinigten Kennzahlen weiter so lange akzeptieren, wie die Management-Implikationen zur Gewinnentwicklung plausibel bleiben und neue Zulassungen sowie Phase-III-Daten die „zweite Seite“ der Bilanz stabilisieren.
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