BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Analyse des Robert Koch-Instituts liegt die Grippeimpfquote bei Kindern in Deutschland mit gesundheitlichen Risikofaktoren nur bei etwa 10 Prozent. Aus Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen über elf Grippesaisons von 2014 bis 2025 wird hochgerechnet, dass in der kommenden Saison rund 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche ohne Impfschutz bleiben könnten. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung für diese Gruppen eindringlich und verweist auf das Risiko schwerer Verläufe. Als mögliche Ursachen nennt das Institut unter anderem, dass Grippe im Alltag häufig nicht als Bedrohung wahrgenommen wird.

Nur 10 Prozent Risikokinder gegen Grippe geimpft: Analyse zeigt großen Handlungsbedarf
Nur 10 Prozent Risikokinder gegen Grippe geimpft: Analyse zeigt großen Handlungsbedarf (Foto: IT BOLTWISE)
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Die neue Auswertung des Robert Koch-Instituts verschiebt den Fokus in der Grippesaison weg von der Frage „Wer hat sich wann impfen lassen?“ hin zur deutlich drängenderen: „Wer bleibt trotz erhöhtem Risiko ungeschützt?“ Konkret geht es um Kinder in Deutschland, die gesundheitliche Risikofaktoren haben. Für diese Gruppe liegt die Impfquote nach den Daten bei nur etwa 10 Prozent. Das ist nicht nur eine statistische Zahl, sondern bedeutet in der Praxis, dass gerade diejenigen, die bei Influenza am ehesten schwere Verläufe entwickeln können, oft außen vor bleiben.

Die Berechnungsgrundlage ist vergleichsweise greifbar: Das Institut stützt sich auf Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen. Ausgehend von insgesamt elf Grippesaisons zwischen 2014 und 2025 wird die Situation für die Gesamtpopulation hochgerechnet. Unter der Annahme, dass sich die Impfquote nicht verändert, erwartet das RKI für die kommende Saison, dass rund 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche mit Grunderkrankungen keinen Grippe-Impfschutz haben. In einer öffentlichen Debatte über Impfungen geraten dabei häufig einzelne Saisons in den Mittelpunkt; hier zeigt die lange Zeitreihe aber eher ein strukturelles Muster: Die Versorgung erreicht die definierte Risikogruppe nur unzureichend.

Wen die STIKO besonders im Blick hat, lässt sich aus der Empfehlung ableiten. Geimpft werden sollten demnach etwa Kinder mit chronischen Erkrankungen der Atmungsorgane, mit chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mit Diabetes oder mit Adipositas. Die Begründung ist medizinisch und zugleich organisatorisch relevant: Die Impfung kann laut STIKO vor schweren Krankheitsverläufen schützen und sollte jährlich im Herbst oder Winter verabreicht werden. Die Kommission nennt dabei ausdrücklich das erhöhte Risiko, schwer an Influenza zu erkranken, dadurch hospitalisiert und auch auf einer Intensivstation behandelt zu werden oder im schlimmsten Fall zu versterben. Genau dieser Unterschied zwischen „Erkrankung“ und „klinischer Eskalation“ ist für Kliniken, Kinderärztinnen und -ärzte sowie Eltern im Alltag entscheidend.

Warum die Quote so niedrig ist, liefert das RKI ebenfalls – und zwar ohne sie allein auf Angst vor Nebenwirkungen zu reduzieren. Die Analyse verweist darauf, dass Grippe häufig nicht als Bedrohung wahrgenommen wird. Als zusätzliche Faktoren kommen demnach das schlichte Vergessen der Impfung sowie eine ausbleibende bzw. zu späte Ansprache durch Ärztinnen und Ärzte hinzu. Die Einschätzung wird von einer Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am Universitätsklinikum des Saarlandes konkretisiert: Wenn eine Impfung nicht aktiv in die Planung des Herbstes integriert wird, rutscht sie schnell aus dem Bewusstsein – besonders bei Familien, die ohnehin viele Termine für chronische Erkrankungen koordinieren.

Für die Versorgung bedeutet das: Ein Impfkalender, der nur im Kopf existiert, funktioniert in der Risikopopulation offenbar zu selten. Klinisch wird Influenza zwar oft als „vergleichsweise häufig“ erlebt, doch gerade in Verbindung mit Grunderkrankungen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Verlauf komplex wird. Technisch betrachtet spielen dabei auch Zeitpunkte eine Rolle: Die STIKO setzt auf eine jährliche Impfung, weil sich die saisonale Bedrohung und die Immunantwort über die Zeit verändern können. Entsprechend sind Systeme nötig, die wiederkehrende Termine und Risikoprofile zuverlässig zusammenführen – etwa über Praxissoftware, Erinnerungslogiken und eine konsequente Dokumentation im Behandlungspfad.

Auch im Markt- und Gesundheitssystemkontext ist der Befund nicht folgenlos. Wenn sich eine definierte Risikogruppe über mehrere Saisons hinweg nicht ausreichend impfen lässt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Krankenhäuser in Peaks stärker belastet werden, und zwar ohne dass die Belastung „überrascht“. Für Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger heißt das: Präventionskommunikation sollte stärker an die Risikodefinition anknüpfen und weniger allgemein über „Grippe“ sprechen. Praktisch wiederum geht es darum, die Empfehlung im Herbst als festen Prozess zu behandeln – damit aus dem abstrakten Satz „rechtzeitig schützen“ eine konkrete Handlungskette wird, die Termin, Aufklärung und Durchführung zeitnah zusammenbringt.

Hinzu kommt: Die Lücke von rund 1,1 Millionen ungeimpften Kindern und Jugendlichen in der kommenden Saison ist eine Größe, die sich nicht über eine einzelne Kampagne schließen lässt. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die Daten auf elf Saisons zurückgehen und eine relativ stabile Unterversorgung zeigen. Stattdessen wird es vor allem darauf ankommen, die Ansprache so früh wie möglich zu starten, die Erreichbarkeit der Risikokinder in den Praxen zu erhöhen und die Familien beim „Nicht-Vergessen“ zu unterstützen. Künstliche Intelligenz kann dabei indirekt helfen, indem sie in Dokumentations- und Erinnerungsprozessen Muster erkennt – etwa welche Risikokonstellationen für eine Impfung im Herbst bereits anstehen. Am Ende bleibt aber die gleiche Kernaufgabe: Risikokinder müssen rechtzeitig die Impfung bekommen, die ihnen die STIKO empfohlen hat.


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