MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – O2 treibt die Modernisierung der Netz- und IT-Landschaft voran und kündigt die Abschaltung des 2G-Netzes für das zweite Halbjahr 2028 an. Gleichzeitig erweitert der Anbieter seine KI- und Cloud-Aktivitäten in den Business-Support-Systems, unter anderem mit agentischen KI-Funktionen aus einer Partnerschaft. Die Maßnahme soll Frequenzen für 4G/LTE und 5G freimachen und den wachsenden Datenbedarf adressieren. Laut Unternehmensangaben sinkt der Energieverbrauch pro Petabyte dennoch deutlich, während zugleich Emissionsziele für die kommenden Jahre gestärkt werden.

Telekommunikationsnetze wirken auf den ersten Blick stabil, doch hinter der Oberfläche verändert sich gerade viel schneller als viele Nutzer es wahrnehmen. O2 kündigt die Abschaltung seines 2G-Netzes für das zweite Halbjahr 2028 an und will die dadurch freiwerdenden Frequenzen für den Ausbau von 4G/LTE und insbesondere 5G nutzen. Damit reagiert der Mobilfunkanbieter auf einen Datenhunger, der nicht nur bei Smartphone-Tarifen, sondern auch bei IoT-Szenarien zunimmt. Die Entscheidung fällt in eine Zeit, in der Netzbetreiber weltweit ihre Software-Architekturen modernisieren und ihr Betriebsmodell neu ausrichten, statt weiter auf historisch gewachsene Systeme zu setzen.
Technisch steht bei O2 dabei nicht nur der Funkteil im Mittelpunkt, sondern vor allem die IT-Schicht, die Abrechnung, Produktmanagement und Kundenverwaltung zusammenführt. Im Kern geht es um die Business Support Systems (BSS), also um Software, die Netz- und Kundendaten in konkrete Prozesse übersetzt. O2 erweitert die Partnerschaft mit Hansen Technologies und verfolgt das Ziel, BSS-Funktionen cloud-nativ, API-basiert und KI-gestützt verfügbar zu machen. Besonders spannend ist die geplante Evaluierung autonomer, agentischer KI-Funktionen im Produktkatalog, bei denen KI-Agenten komplexe Abläufe eigenständig optimieren sollen. Für Unternehmen ist das relevant, weil solche Ansätze die Time-to-Market für neue Tarife und Services spürbar verkürzen können – vorausgesetzt, Governance und Qualitätssicherung sind sauber umgesetzt.
Der Schritt ist auch deshalb industriepolitisch bedeutsam, weil viele Netzbetreiber an der Schnittstelle von Automatisierung und operativer Steuerung noch experimentieren. Klassische Automatisierung wirkt oft regelbasiert und stößt an Grenzen, sobald sich Produktlogiken, Preisvarianten oder kundenbezogene Ausnahmen häufen. Agentische KI hingegen verspricht flexiblere Entscheidungen in dynamischen Prozessketten, etwa wenn ein Produktkatalog an neue Bedingungen angepasst werden muss oder wenn betriebliche Routinen aus mehreren Systemen zusammengeführt werden. Branchenanalysten merken dazu an: „Der größte Hebel liegt weniger in der Modellgröße, sondern in der Fähigkeit, Prozesse testbar, auditierbar und sicher an KI-Funktionen anzubinden.“ Genau dort liegt jedoch auch das Risiko, denn in BSS-Systemen berühren KI-Entscheidungen häufig sensible Kundendaten und logische Verträge, die Compliance-fähig sein müssen.
Marktseitig ordnet sich die 2G-Abschaltung in eine breitere Entwicklung ein: Die Frequenzen, die heute noch für GSM genutzt werden, sind für moderne Funkverfahren wertvoller geworden, weil 4G/LTE und 5G deutlich effizienter in Transport und Kapazitätsnutzung sind. O2 nennt als Größenordnung ein Datenvolumen von 6,4 Milliarden Gigabyte im Jahr 2025 – das verdeutlicht, warum Kapazitätsplanung und Spektrenutzung strategisch werden. Besonders betroffen wären ältere Endgeräte, spezielle Seniorenhandys und bestimmte IoT-Anwendungen, darunter etwa das eCall-Notrufsystem in älteren Fahrzeugen. Als Vergleich ist relevant, dass große Anbieter zunehmend auf IP-basierte Kernnetze und cloud-gestützte Plattformen setzen, während sie Parallelbetriebe reduzieren, um Betriebskosten zu senken. Wettbewerb entsteht damit nicht nur über Netzabdeckung, sondern über Betriebsgeschwindigkeit, IT-Resilienz und die Fähigkeit, neue Standards wie NB-IoT oder 5G RedCap zügig in Produktlinien zu überführen.
Historisch betrachtet war 2G lange die „Sicherheitsleine“ für Abdeckung und robuste Verfügbarkeit, gerade in Übergangsphasen, in denen neue Technologien noch nicht flächendeckend verbreitet waren. Doch die letzten Jahre haben gezeigt, dass der Ausbau moderner Funk- und Netzkomponenten immer stärker mit Software-Engineering und Datenmanagement verknüpft ist. Während 5G in der öffentlichen Diskussion oft als reines Funkupdate verstanden wird, wird die Effizienz tatsächlich auch durch Systemdesign, Transportwege und Rechenzentren beeinflusst. O2 verweist auf Effizienzsprünge: Zwischen 2015 und 2025 stieg das Datenvolumen massiv, während der Gesamtenergieverbrauch dennoch um zwölf Prozent sank. Noch deutlicher fällt die Angabe von 92 Prozent weniger Energiebedarf pro Petabyte Daten aus. Ergänzend nennt der Konzern, dass 5G bis zu 90 Prozent energieeffizienter als 4G sein könne und Glasfaser Kupfer bei der Übertragung um bis zu 85 Prozent übertreffe – eine Logik, die in der Praxis häufig zu CapEx-Entscheidungen führt, die sowohl Lastverteilung als auch Backhaul-Architekturen optimieren.
Für die Unternehmenspraxis verbindet sich damit ein Dreiklang aus Skalierung, Sicherheit und Regulierung. In den BSS-Prozessen bedeutet KI-Integration nicht nur „automatisieren“, sondern auch: Datenzugriffe minimieren, Rollen und Berechtigungen strikt trennen und Entscheidungen nachvollziehbar machen. Hinzu kommt, dass viele KI-Workflows in der Cloud stattfinden, während Netzbetreiber gleichzeitig Datenhoheit und Datenschutzanforderungen adressieren müssen. O2 liefert hier auch über den Mutterkonzern Kontext: Telefónica Tech und Google Cloud planen Sovereign-Cloud-Lösungen für Spanien; dabei wird die Verwaltung von Verschlüsselungsschlüsseln lokal in Madrid verortet. Das adressiert gerade in regulierten Bereichen ein Kernproblem: Wer Zugriff auf Schlüssel und Metadaten hat, bestimmt am Ende das Sicherheitsniveau. Gleichzeitig kündigt O2 an, seine Emissionen bereits reduziert zu haben und Netto-Null-Ziele bis 2040 anzustreben. Für O2 folgt daraus ein Ausblick, der über Funktechnik hinausgeht: Wer 2028 2G abschaltet, muss Parallelgeräte und Schnittstellen sicher migrieren, gleichzeitig aber die IT so umbauen, dass der Betrieb weiterhin stabil bleibt, wenn Endgeräte und Service-Logiken in 4G/5G-Welten wechseln.
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