LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Untersuchung von Öko-Test zeigt deutliche Probleme bei Vitamin-C- und Zinkpräparaten: 16 von 21 getesteten Produkten fielen durch. Besonders häufig beanstandeten die Prüfer Überdosierungen und teils ungünstige Hilfsstoffe. Auch der belegte Nutzen für gesunde Menschen wird laut Einordnung der Fachreferenzen als gering dargestellt. Die Ergebnisse werfen damit vor allem Fragen nach Dosierung, Kennzeichnung und Zusammensetzung auf.

In der Erkältungszeit greifen viele Verbraucher zu Nahrungsergänzungsmitteln, die Immunfunktionen unterstützen sollen. Eine aktuelle Prüfung von Öko-Test in der Ausgabe 11/2026 stellt diese Erwartung jedoch auf den Prüfstand und kommt zu einem klaren Ergebnis: Von 21 untersuchten Vitamin-C- und Zinkprodukten fielen 16 durch. Damit rückt weniger die Frage „wirkt es?“ in den Vordergrund, sondern „für wen, in welcher Dosierung und mit welchen Inhaltsstoffen?“ Denn genau diese Parameter entscheiden darüber, ob sich ein Präparat überhaupt sinnvoll in den Alltag integrieren lässt.
Ein Schwerpunkt der Kritik liegt bei den Dosierungen. Insgesamt 13 der 21 getesteten Produkte überschreiten laut Untersuchung die Höchstmengenempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Besonders ausgeprägt ist die Abweichung beim Zink: Elf Mittel liegen über der BfR-Empfehlung von maximal 6,5 Milligramm pro Tag. In vier Produkten ermittelten die Prüfer sogar eine Zinkdosis von 15 Milligramm pro Tag – damit mehr als das Doppelte des genannten Richtwerts. Für die langfristige Perspektive ist das relevant, weil der Körper Zink zwar benötigt, gleichzeitig aber das Gleichgewicht mit anderen Spurenelementen stabil halten muss.
Die Prüfung verbindet diese Überschreitungen mit bekannten Wechselwirkungen. Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) kann eine tägliche Zufuhr von mehr als 25 Milligramm Zink auf Dauer zu einem Kupfermangel führen, wobei in den getesteten Produkten dieser Wert nicht erreicht wurde. Das ändert aber nichts daran, dass zu hohe Ausgangsdosen das Risiko erhöhen, andere Nährstoffhaushalte aus dem Gleichgewicht zu bringen – insbesondere dann, wenn Verbraucher neben dem Präparat zusätzlich über Ernährung weitere Mengen aufnehmen. Gerade in der Praxis werden Supplemente oft nicht isoliert betrachtet, sondern als „zusätzlicher Boost“, wodurch sich Effekte aufsummieren.
Auch beim Vitamin C beschreibt Öko-Test eine deutliche Spannbreite zwischen Empfehlung und Produktversprechen. Während das BfR maximal 250 Milligramm pro Tag empfiehlt, enthalten einige Präparate laut Test 1.000 Milligramm pro Tagesdosis – also das Vierfache des Richtwerts. Genau an dieser Stelle wird die Nutzenfrage besonders scharf: Für gesunde Menschen sei aus ernährungswissenschaftlicher Sicht selten ein Anlass gegeben, zusätzliche Mengen einzunehmen. Die DGE wird im Kontext der Studie mit der Aussage eingeordnet, dass ein Vitamin-C-Mangel in Industrieländern praktisch nicht vorkommt und der Tagesbedarf bereits über vergleichsweise alltägliche Lebensmittel wie eine halbe rote Paprika oder ein kleines Glas Orangensaft gedeckt werden kann.
Neben der Dosierung beanstandeten die Prüfer auch die Zusammensetzung. In zehn der untersuchten Mittel identifizierten sie kritische Inhaltsstoffe. Unter anderem wurde Talkum in fünf Präparaten eingesetzt. Hier verweist die Untersuchung auf eine EU-weite Einstufung, die von der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) als wahrscheinlich krebserregend vorgeschlagen worden sei. Zusätzlich gab es Abwertungen für den Einsatz weiterer Hilfsstoffe wie Phosphate, Polysorbat 80, Carboxymethylcellulose sowie Süßstoffe. Damit zeigt der Test: Selbst wenn ein Wirkstoff „im Prinzip“ plausibel wirkt, können Tabletten- und Kapselhüllen sowie Trägersubstanzen den Ausschlag für eine Gesamtbewertung geben.
Auf der wissenschaftlichen Ebene bleibt der Nutzen ebenfalls umstritten, insbesondere bei vorbeugender Einnahme. Öko-Test ordnet systematische Reviews ein: Eine Cochrane-Analyse mit 29 Studien und über 11.000 Teilnehmenden fand demnach, dass Vitamin C Erkältungen in der Normalbevölkerung nicht verhindert. Beim ausgeschiedenen Überschuss wird außerdem betont, dass der Organismus überschüssiges Vitamin C innerhalb weniger Stunden über den Urin wieder abführt. Für Zink verweist die Untersuchung auf ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2024, das Hinweise auf eine mögliche Verkürzung bestehender Infekte um etwa 2 bis 2,4 Tage gegenüber Placebo liefert, allerdings bei geringer Evidenzsicherheit und häufiger auftretenden Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Geschmacksstörungen.
In der Konsequenz ergibt sich ein klares Bild für die Praxis: Für gesunde Menschen ist eine prophylaktische Einnahme von Zink laut der im Test referenzierten Sicht „wenig bis keinen Nutzen“. Infektiologen ordnen Nahrungsergänzungsmittel zudem so ein, dass sie weder Grippeinfektionen verhindern noch Symptome nachweislich in einem relevanten Ausmaß lindern. Für Verbraucher bedeutet das vor allem, Supplemente nicht als Ersatz für ausgewogene Ernährung und grundlegende Präventionsmaßnahmen zu sehen, sondern Dosierung und Zusammensetzung stärker als bisher zu prüfen – insbesondere, wenn Produkte sehr hoch dosiert sind oder zusätzliche Inhaltsstoffe enthalten. Dass auf sämtlichen geprüften Packungen zudem Warnhinweise fehlten, ab einer Zinkzufuhr von 3,5 Milligramm pro Tag auf weitere zinkhaltige Präparate zu verzichten, verschärft die Diskussion um eine sachgerechte Kennzeichnung.
Technisch und regulatorisch betrachtet zeigt der Test damit auch, wie eng die Lücke zwischen „absolut erlaubter Rohstoffmenge“ und „risikoorientierter Empfehlung“ sein kann. Wenn einzelne Produkte die BfR-Richtwerte deutlich überschreiten, entstehen im Alltag zusätzliche Unsicherheiten, weil Verzehrgewohnheiten und Kombinationsprodukte schwer zu kontrollieren sind. Gleichzeitig bleiben die wissenschaftlichen Effekte – wenn überhaupt – eher klein und situationsabhängig. Unternehmen, die in diesem Marktsegment liefern wollen, stehen damit vor der Aufgabe, nicht nur die gewünschte Wirksamkeit zu kommunizieren, sondern Dosierung, Hilfsstoffauswahl und Warnhinweise konsequent an Risiko- und Nutzenbewertungen auszurichten.
Für die nächsten Entscheidungen im Einkauf zählt daher weniger das Kürzel auf dem Etikett als die konkrete Tagesdosis und die Frage, wie sie im Zusammenspiel mit der Ernährung steht. Gerade weil systematische Übersichtsarbeiten bei Vitamin C keine Erkältungsprävention zeigen und bei Zink zwar potenzielle Effekte auf bestehende Infekte, aber bei begrenzter Evidenzsicherheit und Nebenwirkungen, deuten die Daten auf eine anspruchsvolle Nutzenabwägung hin. Wer Supplemente dennoch nutzt, sollte die eigenen Blutwerte nicht blind ersetzen lassen, sondern die Einnahme begrenzt und gezielt planen – und im Zweifel ärztlich abklären, statt die Dosierung über mehrere Produkte unbewusst zu erhöhen.
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