CLAUSTHAL-ZELLERFELD / LONDON (IT BOLTWISE) – Sara Sarvestani und Siddhant Rebello arbeiten an „Norscope“, einer AR-Lösung für Wartung und komplexe Reparaturen, die auch ohne Internet funktionieren soll. Die Idee zielt darauf ab, auf See oder in abgelegenen Produktionsumgebungen die Schritt-für-Schritt-Anleitung direkt am Gerät bereitzustellen. Dabei soll KI-gestütztes Kontextwissen helfen, den Wartungsprozess zu dokumentieren und Junior- sowie Senior-Wissen in der Organisation nutzbar zu machen. Der nächste Meilenstein ist der Antrag auf ein EXIST-Gründungsstipendium mit Blick auf eine Unternehmensgründung Anfang 2027.

Wenn Maschinen auf hoher See ausfallen, bleibt in der Praxis oft genau das fehlen, was in vielen Wartungskonzepten selbstverständlich ist: stabile Konnektivität. Genau an dieser Lücke setzt das geplante Startup „Norscope“ aus Clausthal-Zellerfeld an. Die beiden Gründerinnen und Gründer, Sara Sarvestani (29) und Siddhant Rebello (24), entwickeln eine AR-Lösung, die Wartungsabläufe offline anleiten kann – als Gegenentwurf zu Assistenzsystemen, die auf ständig verfügbaren Online-Ressourcen beruhen. Die Story wirkt dabei weniger wie ein „Schon-immer-AR“-Projekt, sondern wie eine Antwort auf den Maschinenraum-Alltag: komplexe Reparaturen, Zeitdruck und unplanbare Ausfälle, bei denen Schrittfolgen und Sicherheitsrelevanz nicht dem Zufall überlassen werden sollten.
Technisch steht bei Norscope weniger die reine Visualisierung im Vordergrund als die Logik, wie AR-Anleitungen vor Ort funktionieren. AR ist zwar im Kern die erweiterte Darstellung von Informationen in der Nutzeransicht, aber in der Wartung entscheidet die konkrete Datenverarbeitung: Welche Schritte müssen in welcher Reihenfolge sichtbar werden, wie werden Zwischenergebnisse festgehalten und wie lässt sich das Ganze auch ohne Verbindung zu einem Backend betreiben? Rebello kommt aus dem Umfeld „Intelligent Manufacturing“ und adressiert damit die typische Schnittstelle zwischen Maschinenbau und Software. Sarvestani ergänzt das Profil mit Digital-Management-Fokus, sodass nicht nur eine Idee für die Anzeige von Informationen entsteht, sondern ein Ansatz, der in reale Arbeitsabläufe integriert werden kann – inklusive Dokumentation, die nach der Reparatur nicht verloren geht.
Ein entscheidender Punkt ist die Offline-Fähigkeit, denn sie erzwingt eine Architektur, in der wichtige Inhalte und Modelle nicht in einem dauerhaft erreichbaren Dienst liegen. Das hat Auswirkungen auf die Produktstrategie: Statt „im Netz nachschlagen“ rückt „im Gerät bzw. in der Arbeitsumgebung verfügbar machen“ in den Mittelpunkt. Genau dafür spricht die geplante Zielrichtung, die Wartungsschritte auch dann zu begleiten, wenn kein Internet vorhanden ist – etwa bei Schifffahrt oder in Industrieanlagen mit restriktiven Betriebsbedingungen. In der Praxis kann das bedeuten, dass AR-Szenarien mit vorab bereitgestellten Fall- und Prozessinformationen funktionieren, während KI-gestützte Unterstützung vor allem dort sinnvoll wird, wo sie lokale Erkennung, Kontextanreicherung oder strukturierte Aufzeichnung unterstützt. So entsteht ein System, das nicht nur „sehen lässt“, sondern den Prozess strukturiert.
Damit Norscope nicht nur als Prototyp, sondern als betriebsfähiges Werkzeug funktioniert, wollen die Gründerinnen und Gründer die nächsten Schritte eng mit Unternehmen umsetzen. Der Kontakt zu zwei weiteren Unternehmen und potenziellen Kunden kam laut der Projektstory über eine Technologieberatung der Wirtschaftsförderung des Landkreises sowie über die TU Clausthal zustande. In der Folge sollen erste Pilotprojekte folgen, bevor mit den Unternehmen individuelle AR-Lösungen ausgearbeitet werden. Das passt zur Logik, dass sich Wartungsabläufe je Anlage unterscheiden: Selbst wenn das Grundmuster gleich bleibt, variieren Gerätespezifika, Abfolge der Handgriffe und der konkrete Reparaturpfad. AR kann diese Unterschiede sichtbar machen – insbesondere, wenn die Anleitung eine klare Schritt-für-Schritt-Struktur liefert und nicht als allgemeine Checkliste endet.
Besonders hervorheben wollen die Beteiligten auch den Wissenstransfer im Unternehmen. Das Projekt beschreibt, dass die Software den Prozess so begleiten soll, dass die Expertise erfahrener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in eine individuelle Anleitung überführt werden kann. In der Formulierung der Gründerinnen und Gründer klingt das wie ein „Digitalisieren“ von Senior-Wissen: Ein Senior-Techniker wird begleitet, der Wartungsprozess wird aufgezeichnet, und daraus entsteht eine maßgeschneiderte Schritt-für-Schritt-Anleitung. Genau an dieser Stelle liegt ein spürbarer Unterschied zu reinem Visual-Support: Statt nur Symbole einzublenden, entsteht eine Art Wissenspipeline, die auch dann weiterwirkt, wenn erfahrene Mitarbeitende ausscheiden. Bei der Schifffahrt kann das Konzept zudem potenziell dazu beitragen, die Kosten von Ausfallzeiten zu senken, weil die Reparatur schneller und reproduzierbarer ablaufen kann.
Aus Markt- und Innovationssicht ist der Zeitpunkt relevant: Sarvestani und Rebello haben sich bereits im Umfeld eines Ideenwettbewerbs wie dem „TUniCorn“ positioniert. Zwar habe das Team keine Jury-Platzierung erreicht, aber das Interesse an Idee und möglichem Prototyp sowie das Feedback zur Optimierung des Businessplans hätten geholfen. Ergänzend zeigt die Geschichte, wie wichtig regionale Netzwerke für frühe KI- und AR-Projekte sind: Erst der Austausch und die Rückkopplung mit potenziellen Anwendern machen aus einer technischen Idee ein Produkt, das in der Zielumgebung funktioniert. Der nächste formale Schritt ist der Antrag auf das EXIST-Gründungsstipendium; bei positivem Bescheid soll Anfang 2027 die Unternehmensgründung erfolgen. Unabhängig vom Ausgang der Förderung wollen die Beteiligten laut eigener Planung Alternativen parat haben, um ihre Zielsetzung – industrielle Wartungsprozesse nachhaltig zu verbessern – nicht zu verzögern. Für Entscheider in Industrie und Maritim könnte das in den nächsten Jahren vor allem eine Frage nach Skalierung werden: Wie schnell lässt sich eine offlinefähige AR-Wartung von Pilotanlagen auf mehrere Standorte übertragen, ohne dabei den Nutzen für die tägliche Arbeit zu verwässern?
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