NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Konsortium aus mehr als 140 Unternehmen treibt mit Open Standard die Einführung von Open USD (OUSD) voran. Der Stablecoin ist an den US-Dollar gekoppelt, verzichtet aber bei Ausgabe und Rücknahme auf Gebühren. Entscheidend ist das neue Ökonomiemodell: Erträge aus den Reserven sollen nach Abzug einer Verwaltungsgebühr mit den Partnern geteilt werden. Der Start ist für 2026 geplant und fällt in eine Phase, in der in den USA noch Details zur regulatorischen Behandlung von Stablecoins geklärt werden müssen.

Mit Open USD (OUSD) will ein Konsortium unter dem Namen Open Standard den Stablecoin-Markt neu ordnen. Angekündigt wurde die Initiative von mehr als 140 Partnern aus Finanzen und Handelstechnologie, darunter bekannte Namen wie Visa, Mastercard und große Kryptobörsen-Ökosysteme. Statt wie bei vielen bestehenden Modellen allein den Emittenten an Reserve-Erträgen zu beteiligen, setzt Open Standard auf eine Erlösbeteiligung: Die Einnahmen aus den hinterlegten Reserven sollen nach Abzug einer Verwaltungsgebühr an die Partner fließen. Das zielt auf einen Kernhebel im Wettbewerb um Renditen im dezentralen Finanzsektor.
Technisch positioniert sich OUSD als institutionell nutzbarer Stablecoin mit klar definierten Mechaniken: Es soll sowohl keine Gebühren für Ausgabe und Rücknahme geben als auch keine Volumenbegrenzungen. Der Stablecoin selbst ist an den US-Dollar gekoppelt, wobei die Wertstabilität über die Reserve-Umsetzung erreicht werden soll. Das Konsortium verspricht zudem eine offene Governance, getragen von einem Aufsichtsgremium mit Vertretern der Partnerfirmen. In der Praxis bedeutet das: Entscheidungen über Betriebs- und Wirtschaftsparameter sollen weniger „Black Box“ der Emittenten sein, sondern stärker im Verbund stattfinden, was die Attraktivität für große Integratoren erhöhen kann.
Die strukturelle Innovation liegt weniger in der Peg-Mechanik als in der Verteilung der Reserve-Erträge. Traditionell halten viele Stablecoin-Emittenten beispielsweise Bargeld und kurzfristige Staatsanleihen in ihren Reserven und behalten die Zinsen weitgehend selbst. Open Standard schlägt stattdessen vor, dass Erträge geteilt werden, sobald eine Verwaltungsgebühr abgezogen wurde. In den kommenden Jahren könnte das den Anreiz der Marktteilnehmer verschieben: Während bisher Rendite primär als Emittentenmonopol verstanden wurde, wird sie hier stärker zu einem Bestandteil der Ökosystemökonomie. Experten aus dem Umfeld der Initiative argumentieren, dass neutrale Governance und geteilte Erträge Wachstum begünstigen.
Im Markt trifft das Modell auf mehrere laufende Dynamiken. Erstens existiert bereits ein etablierter Stablecoin-Wettbewerb, dominiert von Tether (USDT) und USD Coin (USDC). Zweitens stehen Compliance und Ertragsmodelle zunehmend unter Beobachtung, weil Stablecoins sich von reinen „Zahlungs-Token“ zu Kapitalmarktbausteinen entwickeln. Konkret wird der Wettbewerbsdruck durch die erwartete Beziehung zu Circle/USDC spürbar: Berichten zufolge läuft eine bestehende Vereinbarung zwischen Circle und Coinbase im August 2026 aus. Drittens reagierten die Märkte direkt auf die Ankündigung; die Aktie von Circle fiel zeitnah um rund 17 Prozent. Parallel wird der Wettbewerb um Integrationsplattformen und Treasury-Mechaniken härter.
Auch die Integration in bestehende Zahlungs- und Krypto-Infrastrukturen zeigt, wie breit Open Standard sich aufstellt. OUSD soll ab dem ersten Tag auf Solana verfügbar sein, während weitere Netzwerke wie Base, Polygon, Stellar, Aptos, Plasma und Tempo später folgen sollen. Ein besonders auffälliger Hebel ist die angekündigte Rolle von Stripe: Der Zahlungsdienstleister will OUSD als Standard-Stablecoin verwenden. Damit würde die Nutzung aus dem reinen Krypto-Umfeld in den Zahlungsalltag übergehen, etwa für internationale Abrechnungen oder Merchant-Setups. Tempo wird zudem als Plattform für die native Ausgabe genannt. Solche Entscheidungen erinnern an die frühen Phasen anderer Krypto-Infrastrukturwellen, in denen Ökosystem-Distribution über Partner statt über „Standalone“-Marketing entschieden wurde.
Regulatorisch bewegt sich das Projekt in einem noch nicht vollständig geschlossenen Rahmen. In den USA verweist Open Standard auf den GENIUS Act, der 2025 verabschiedet worden sein soll und einen rechtlichen Handlungsrahmen für Stablecoin-Operationen schafft. Gleichzeitig weisen Analysten darauf hin, dass einzelne Bestimmungen zur Behandlung und Ausschüttung von Erträgen noch eine weitergehende rechtliche Klärung erfordern könnten. Genau an dieser Stelle könnte das neue Wirtschaftsmodell zum Risiko- oder Differenzierungsfaktor werden: Wenn Ausschüttungsmechanismen sauber in bestehende Vorgaben für Reserve-Transparenz, Treuhandlogik und Meldepflichten eingebettet werden, steigt die Chance auf Skalierung. Wenn nicht, könnten Nachbesserungen den Zeitplan strecken.
Der Launch von OUSD ist auf „später im Jahr 2026“ terminiert, wobei bereits jetzt native Unterstützung mehrerer Plattformen in Aussicht gestellt wurde. Das Timing fällt in eine Phase, in der sich Stablecoins immer stärker wie Infrastruktur im Finanzsystem verhalten: Sie werden als Abwicklungsmedien, Kollateralbaustein und Liquiditätsbrücke genutzt. Branchenargumente stützen das Wachstum: Die umlaufende Stablecoin-Summe wird derzeit auf rund 312 bis 313 Milliarden US-Dollar geschätzt, dominiert von USDT und USDC. Für 2030 werden teils sehr ambitionierte Zielwerte genannt, etwa ein Wachstum des Marktes auf 1,5 Billionen US-Dollar bis hin zu 1,9 bis 2 Billionen US-Dollar – je nach Annahmen zu Regulierung, Adoption und Produktintegration.
Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus eine doppelte Konsequenz. Zum einen könnten Erlösbeteiligungsmodelle neue Partnerschaften in Treasury, Zahlungsabwicklung und DeFi-Liquidität anstoßen, weil Renditen nicht zwangsläufig bei der Emittentenebene „geparkt“ bleiben. Zum anderen wird Integration komplexer, weil Governance-, Reserve- und Ertragslogik in die Architektur einfließen muss: Apps, Wallets und Zahlungsanbieter müssen verlässlich wissen, welche Tokenomics-Garantien gelten und wie Ausschüttungen technisch und rechtlich abgebildet werden. Wenn Open Standard dieses Zusammenspiel von Governance und Reserveökonomie im vorgesehenen Zeitfenster stabil liefert, könnte OUSD zum Benchmark für „institutional-grade“ Stablecoins werden. Wenn die regulatorischen Details zu Ausschüttungsmechanismen dagegen nachträglich präzisiert werden müssen, könnte sich der Rollout in Netzwerk- und Partnerwellen weiter staffeln.
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