MILL VALLEY / LONDON (IT BOLTWISE) – Outer Biosciences nutzt lebende menschliche Haut, um KI für Hautfunktionen zielgenau zu trainieren. Die Firma hält Gewebe laut CEO Michael Polansky bis zu einen Monat funktionsfähig und macht damit Messungen möglich, die über akute Effekte hinausgehen. Aus dem geschlossenen Wechselspiel aus KI-Vorhersage und Experiment sollen regelmäßig neue Kandidaten entstehen. Der Ansatz soll insbesondere für kosmetische Inhaltsstoffe einen schnelleren Weg zur Validierung schaffen.

Outer Biosciences trainiert KI mit lebender Haut für neue Wirkstoffkandidaten
Outer Biosciences trainiert KI mit lebender Haut für neue Wirkstoffkandidaten (Foto: IT BOLTWISE)
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Außen wirkt das Gespräch in Mill Valley fast wie ein Ruhepol: ein Gründer, der sich selbst nicht in den Vordergrund drängt, und eine Geschäftsidee, die man eher in Labor-News als am Rand eines Backwarenladens erwartet. Michael Polansky betreibt mit Outer Biosciences eine Startup-Umgebung, in der Künstliche Intelligenz (KI) nicht nur aus vorhandener Literatur lernt, sondern mit realem menschlichem Gewebe arbeitet. Sein Kernargument ist dabei technisch und zugleich strategisch: Softwareentwicklung ist in der Biologie schwerer vergleichbar, weil Experimente mit echter menschlicher Haut ethisch und praktisch nicht beliebig wiederholbar sind. Genau an dieser Lücke setzt Outer Biosciences an, indem das Unternehmen Haut nach chirurgischen Eingriffen beschafft und so lange am Leben hält, bis sich Entwicklungs- und Reparaturprozesse über Wochen beobachten lassen.

Technisch beginnt das Projekt nicht mit einem „synthetischen Organ“, sondern mit dem Transport und der Aufbereitung von menschlicher Haut, die andernfalls verworfen würde. Polansky beschreibt, dass das Gewebe über sogenannte Biobanken und Gewebebroker bezogen wird, die unter Aufsicht institutioneller Review-Boards arbeiten und dokumentierte Einwilligungen der Spender berücksichtigen. Zentral für die technische Machbarkeit ist außerdem der Ablauf selbst: Laut Polansky hat das Team ungefähr zwei Jahre in den Aufbau der Lieferkette und in die Protokolle investiert, um das Gewebe innerhalb von Stunden nach der Operation für Versuche bereit zu machen. Damit das Datenschutzrisiko minimiert bleibt, würden die Proben beim Eingang bereits de-identifiziert sein, also ohne Namen, Kontaktdaten oder andere direkte Identifikatoren von den liefernden Organisationen „entfernt“.

Der nächste Hebel liegt in der Biologie-Zeitachse. Polansky stellt gegenüber dem üblichen Marktstandard heraus, dass dieser meist nur Tage abdeckt: In dieser Phase lassen sich zwar akute Toxizität und unmittelbare Reaktionen testen, aber langsamere Prozesse wie Kollagen-Reorganisation, Pigmentveränderungen oder Barrier Repair spielen sich typischerweise über mehrere Wochen ab. Outer Biosciences will genau diese Lücke schließen, indem das System Gewebe „bis zu einen Monat“ lebendig erhält. Polansky formuliert das als Erhalt einer „day-zero“-Architektur und nennt explizit, dass epidermale, stromale und immunassoziierte molekulare Programme über den Zeitraum vergleichbar bleiben sollen. In der Praxis bedeutet das für die Forschung ein anderes Experimentdesign: Ein Beispiel ist die UVB-Schädigung, die nicht nur Stress- und Entzündungsmarker erfasst, sondern die Erholung danach über Wochen hinweg verfolgt, also eher das „Wie“ und „Wann“ der Regeneration als nur einen sofortigen Effekt.

Aus der Kombination von langfristig funktionsfähigem Gewebe und wiederholten Messungen entsteht anschließend der KI-Teil. Outer Biosciences verfolgt laut Polansky keine Einbahnstraße, bei der das Modell einmal trainiert wird und später nur noch Empfehlungen ausgibt. Stattdessen läuft die Kette in einem geschlossenen, „selbst-enforcing“ System: Ein KI-Modell sagt voraus, welche bislang nicht getesteten Chemikalien wahrscheinlich eine bestimmte Hautfunktion positiv beeinflussen. Diese Kandidaten werden anschließend im lebenden Gewebesystem getestet. Danach fließen die Ergebnisse – unabhängig davon, ob die Vorhersage „richtig“ war – zurück in das Modell und schärfen so die nächsten Vorschläge. Im Vergleich zum früheren Setup, das Polansky als „brute force“ beschreibt (Literaturauswertung und Zusammenarbeit im Umfeld des National Cancer Institute bei natürlichen Verbindungen aus Extremumgebungen), soll sich mit KI eine deutlich höhere Generierungsrate ergeben: Statt einer handvoll Leads über rund 18 Monate nennt er heute „etwa alle sechs Wochen“ einen neuen Kandidaten; zudem seien mehrere Leads aktiv und weitere Treffer („hits“) im Pipeline-Log.

Damit stellt sich auch die Frage nach dem Marktfenster. Outer Biosciences fokussiert kosmetische Inhaltsstoffe, nicht klassische Medikamente. Entsprechend läuft der Weg nicht über eine direkte Arzneimittelzulassung, sondern über zwei Schritte: Zunächst braucht der Stoff eine standardisierte Industrie-Bezeichnung, danach erfolgt die Sicherheitsprüfung nach OECD-Leitlinien. Die OECD steht hier als Gatekeeper für die Vergleichbarkeit von Studien, weil Mitgliedsländer laut Beschreibung gegenseitig akzeptieren, wenn Studien korrekt durchgeführt wurden. Für die Kommerzialisierung plant das Startup außerdem bewusst ohne eigene Konsum-Marke: Polansky sagt, dass man Inhaltsstoffe an Kosmetik- oder Pharmaunternehmen lizenziert bzw. verkauft, die daraus konkrete Produkte wie Seren oder Cremes formulieren und unter eigenen Marken vermarkten. Bereits vier der aktuell sechs Leads sollen den Angaben zufolge die Schwelle zur Vermarktung erreichen können; parallel generiert das Unternehmen Einnahmen aus kollaborativen Forschungsprojekten, unter anderem aus Studien zu Hautreaktionen, die im Umfeld bestimmter Krebsmedikamente auftreten.

In der Wettbewerbslandschaft ordnet Polansky den Ansatz nicht als „einzige“ Lösung ein, sondern als differenzierende Variante. Das Startup nennt Vivodyne als Konkurrenten, der laut Darstellung in Philadelphia laborgestütztes menschliches Organ-Gewebe mit prädiktiver KI kombinieren will, um Tierversuche im Kontext des Arzneimittel-Tests zu ersetzen; daneben seien weitere Rivals über Organ-on-a-Chip- und microphysiological-system-Ansätze unterwegs. Outer Biosciences wirkt dabei nicht auf Konfrontation eingestellt, sondern auf Datenhoheit und Umsetzbarkeit: Polansky betont, dass die erzeugten Daten andernorts nicht in gleicher Weise existieren, was die Position – bei längerer Aufbauzeit gegenüber klassischen Software-Startups – defensiv machen kann. Dazu kommt ein praktischer Punkt aus dem KI-Betrieb: Die KI-Arbeit laufe aktuell auf-premise und nicht in der Cloud, weil das Team „die Daten in der Cloud“ vermeiden wolle. Auf dem Produktpfad bleibt dennoch viel Handarbeit: Für die Umwandlung eines vielversprechenden Kandidaten in ein echtes Produkt – Formulierung, Produktionshochskalierung, Supply Chain und Sicherheitstests – sollen die Wissenschaftler zunächst weiterhin eng verantwortlich bleiben; erst danach will man das Produktentwicklungsteam gezielt verstärken.

Finanziell nennt Polansky bis dato etwa 23 Millionen US-Dollar an aufgebrachter Summe. Früh investiert hätten unter anderem Calm Capital und Brighter Capital, zudem Polanskys eigene Investmentfirma Hawktail. Das Team besteht aus 19 Mitarbeitenden, die bis auf Polansky überwiegend nahe Cambridge, Massachusetts, arbeiten. Auffällig ist schließlich, dass Outer Biosciences nach Jahren mit kaum öffentlicher Präsenz offenbar genau deshalb jetzt aktiver wird, weil die Datenbasis wächst und das Vertrauen in den Ansatz zunehmen soll. Für Unternehmen in der Dermatologie und für die Entwicklung von Hautpflegewirkstoffen bedeutet das: Wenn sich Vorhersagequalität und Gewebe-Readouts wirklich stabilisieren, könnte sich der Entdeckungsprozess verschieben – weg von rein schnellen In-silico-Schritten hin zu messbasierten Iterationen, die schneller sind als „jedes Experiment physisch zuerst“ und zugleich näher an menschlicher Hautmechanik heranreichen.


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