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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie verfolgt den Lebenssinn praktizierender US-Katholiken unmittelbar rund um die Wahl von Papst Leo XIV. Über 10 Tage steigt die als „Vorhandensein von Lebenssinn“ gemessene Zustimmung spürbar an, während die „Suche nach Lebenssinn“ im Zeitverlauf abnimmt. Die Forschenden arbeiten mit täglichen Smartphone-Umfragen und trennen dabei auch Effekte ab, die mit der amerikanischen Herkunft des neuen Papstes zusammenhängen könnten. Gleichzeitig bleiben wichtige Grenzen offen, etwa die kurze Nachbeobachtungsdauer und das Fehlen einer Vergleichsgruppe.

Papstwahlen und Lebenssinn: Studie misst kurzfristige Effekte bei US-Katholiken
Papstwahlen und Lebenssinn: Studie misst kurzfristige Effekte bei US-Katholiken (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Wahl von Papst Leo XIV im Mai 2025 hat bei praktizierenden römisch-katholischen Christen in den USA offenbar nicht nur symbolische Wellen ausgelöst, sondern sich messbar auf ihr Erleben von „meaning in life“ ausgewirkt. In einer Veröffentlichung in The Journal of Positive Psychology berichten die Autorinnen und Autoren von einem modesten, aber konsistenten Anstieg des gefühlten Lebenssinns innerhalb eines Zeitfensters von insgesamt 10 Tagen nach der Papstwahl. Entscheidend ist dabei die Art der Datenerhebung: Statt retrospektiver Einschätzungen nutzten die Teilnehmenden tägliche Befragungen, wodurch Erinnerungs- und „Rückschau“-Verzerrungen deutlich geringer ausfallen sollen.

In der Psychologie bezeichnet „Lebenssinn“ eine subjektive Beurteilung, dass das eigene Dasein es wert ist, dass es „Sinn ergibt“ und dass es von einem übergeordneten Zweck getragen wird. Die Studie knüpft an die verbreitete Zerlegung des Konstrukts in drei Komponenten an: das Vorhandensein eines motivierenden Ziels oder Zwecks, das Gefühl von Kohärenz im eigenen Leben sowie der Glaube, dass das eigene Leben Bedeutung hat. Ebenso wichtig ist die begriffliche Trennung zwischen dem Vorhandensein von Lebenssinn und der Suche nach Lebenssinn. Eine Validierungsarbeit von 2006 macht diese Unabhängigkeit bereits deutlich: Wer sich bereits zielgerichtet und zweckgebunden fühlt, ist nicht automatisch in einer aktiven Suche nach fehlendem Sinn verankert; es können sich also beide Dimensionen zeitlich unterschiedlich bewegen.

Dass Religion häufig mit mehr Lebenszweck zusammenhängt, ist in der Forschung ebenfalls gut verankert. So zeigt etwa eine Studie aus dem Jahr 2005, dass religiöse Menschen in der Tendenz höhere Wohlbefinden-Werte berichten, weil sie ihr Leben eher als zielgerichtet und „in eine Richtung“ eingebettet erleben. Auch neuere Arbeiten greifen das Motiv auf, dass Menschen Sinn stärker erfahren, wenn sie sich auf einer größeren, kosmischen Ebene als relevant erleben. Weniger untersucht war jedoch bislang, was mit dem Lebenssinn passiert, wenn nicht nur eine stabile Glaubenshaltung betrachtet wird, sondern ein konkretes religiös aufgeladenes Ereignis – wie die Wahl eines neuen Papstes.

Für das Ereignis wählten die Forschenden den päpstlichen Konklave als zentralen Rahmen: Der abgeschottete Zusammenschluss der Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle verbindet lange etablierte Symbole mit einer Botschaft göttlicher Führung. Genau dieser Bruch mit dem Status quo bietet theoretische Anknüpfungspunkte, warum sich kurzfristig etwas verändern könnte. Unter dem Meaning-Making-Modell kann der Tod eines Papstes eine vorübergehende „spirituelle Leerstelle“ erzeugen, die das Weltbild stört; die Wahl eines Nachfolgers könnte anschließend wieder Ordnung und Kohärenz herstellen. Soziale Identitätstheorie liefert eine zweite Erklärung: Zugehörigkeit zu einer Gruppe stützt das Selbstwertgefühl, und das Wegfallen einer Führungsfigur kann die geteilte Identität verunsichern, während die Wahl eines neuen Leitbilds die Gruppeneinheit re-stabilisieren kann. Daneben prüfen die Autorinnen und Autoren auch emotionale Ansteckung als Mechanismus: Gefühle können sich in einer Menschenmenge oder über globale Medienberichterstattung synchronisieren; eine Felddstudie aus dem Jahr 2024 zu einem öffentlichen hinduistischen Ritual fand hierfür bereits Hinweise, weil Teilnehmende in räumlicher Nähe eine synchronisierte emotionale Erregung zeigten.

Methodisch nutzten die Autorinnen und Autoren eine Experience-Sampling-Strategie: Vom 3. Mai 2025 an – also vier volle Tage vor Beginn des Konklaves – beantworteten die Teilnehmenden über 14 aufeinanderfolgende Tage kurze tägliche Fragen. Rekrutiert wurden englischsprachige US-Bürger über die Online-Plattform Prolific, die sich als praktizierende römisch-katholische Christen einordneten. Nach Ausschlüssen verblieben 117 Personen im finalen Datensatz, davon 52,1 % Männer und 47,9 % Frauen, mit einem Alter zwischen 19 und 76 Jahren (Durchschnitt etwa 45). Zu Studienbeginn installierten die Teilnehmenden eine Open-Source-Smartphone-App namens ESMira und gaben einen Ausgangswert ab: Auf einer 1- bis 100-Skala lagen die Teilnehmenden im Schnitt bei 72,7 für „Religiosität“ und bei 46,1 bzw. 47,4 für die theologische bzw. politische Ausrichtung. Die tägliche Erhebung erfolgte jeweils um 20:00 Uhr Ortszeit: 5 Items maßen das Vorhandensein von Lebenssinn, 5 Items die Suche nach Lebenssinn, jeweils auf einer 7-Punkte-Skala von 1 („absolut unwahr“) bis 7 („absolut wahr“). Insgesamt füllten die 117 Teilnehmenden 1.470 Tagesfragebögen aus.

Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster entlang der Zeitachse. In den vier Tagen vor dem Konklave lagen die Mittelwerte bei 5,16 Punkten für das Vorhandensein von Lebenssinn und bei 4,34 Punkten für die Suche nach Lebenssinn. Während des Konklaves selbst sowie am ersten Tag nach der Bekanntgabe zeigten sich keine auffälligen Änderungen – die Forschenden führen das plausibel darauf zurück, dass nicht alle Teilnehmenden die Nachricht vor der ersten abendlichen Erhebung bereits verarbeitet hatten. Ab dem Tag nach der Wahl stieg jedoch das Vorhandensein von Lebenssinn über mehrere Tage hinweg über die Ausgangslage; täglich lagen die Werte je nach Tag etwa 0,14 bis 0,20 Punkte über dem Baseline-Niveau. Ein einzelner Ausreißer trat am 8. Tag auf, wo ein 0,09-Punkte-Anstieg statistisch nicht signifikant war. In der gleichen Phase fiel parallel die Suche nach Lebenssinn: Die Abnahme war an mehreren Tagen signifikant, besonders am 9. und 10. Tag, und die Autorinnen und Autoren interpretieren das als Hinweis darauf, dass sich Zweck- und Sinngefühle „stabilisieren“ statt weiter nach fehlenden Sinnkomponenten zu suchen.

Ein bemerkenswerter Faktor war zudem die amerikanische Herkunft des neuen Papstes: Da sie zeitgleich mit der Wahl bekannt wurde, integrierten die Forschenden eine Kontrollfrage, wie stark diese Nationalität die Gefühle gegenüber dem neuen Kirchenoberhaupt beeinflusste (Skala von -4 bis +4). Im Schnitt bewerteten die Teilnehmenden die US-Herkunft positiv (Mittelwert 2,03), und Personen, die stärker in Gemeindestrukturen eingebunden waren, zeigten tendenziell auch wärmere Reaktionen. Die Analysen passten allerdings für Alter, Geschlecht, individuelle und soziale Religiosität sowie für die Einschätzung der US-Nationalität an, testeten jedoch nicht, ob der Effekt in bestimmten Subgruppen stärker oder schwächer ausfiel; dadurch bleibt offen, ob weniger gläubige Personen oder Menschen mit geringerer Affinität zu einem „amerikanischen“ Papst die gleichen Verschiebungen erlebten. Die Autorinnen und Autoren sehen die Ergebnisse als kompatibel mit allen drei theoretischen Erklärungsrahmen an: Medienberichterstattung könnte emotionale Ansteckung befördert haben, aber die Persistenz des Musters sowie die stärkere Abnahme der Sinnsuche in den späteren Tagen sprechen auch für Prozesse, die über eine rein kurzfristige Medienreaktion hinausgehen.

Ganz ohne Einschränkungen kommt die Studie allerdings nicht aus. Erstens wirkt es so, als sei das Design nicht vorab registriert worden; zweitens startete die Erhebung nur vier Tage vor dem Konklave, nachdem der Tod von Papst Franziskus bereits eingetreten war. Dadurch lässt sich nicht sicher sagen, wie hoch oder niedrig der Lebenssinn der Teilnehmenden bereits vor der Phase der „Sedisvakanz“ gewesen war – der gemessene Anstieg könnte auch als Erholung nach einem zuvor temporären Einbruch verstanden werden. Drittens endet die Beobachtung nur 10 Tage nach der Wahl, sodass offen bleibt, wie lange der erhöhte Lebenssinn tatsächlich anhält, bevor er möglicherweise wieder auf Alltagsniveaus zurückfällt. Und schließlich gibt es keine Vergleichsgruppe, die parallel über die gleichen Tage hinweg befragt wurde; ein Teil der Veränderung könnte theoretisch auch durch das Gewöhnungselement entstehen, also durch die Tatsache, dass die Teilnehmenden täglich dieselben Fragen sehen. Für die Einordnung in den breiteren Forschungskontext bleibt daher wichtig: Das Ergebnis beschreibt einen zeitnahen Effekt innerhalb eines spezifischen Samples – es liefert damit vor allem ein Fenster dafür, wie stark sich „Sinn“ im Alltag durch ein global wahrgenommenes Ereignis verschieben kann.

Für die Praxis ist interessant, was sich daraus ableiten lässt, ohne die Messung zu überdehnen: Die Studie zeigt, wie stark die subjektive Bewertung von Lebenszweck und Sinnsuche auf Ereignisse reagieren kann, die zugleich religiöse Bedeutung, soziale Identität und mediale Aufmerksamkeit bündeln. Wer in Organisationen mit stark gemeinschafts- oder identitätsorientierten Öffentlichkeiten arbeitet, kann daraus zumindest methodisch lernen, wie wertvoll Echtzeit-Feedback ist. Gleichzeitig bleibt die wissenschaftliche Kernaussage vorsichtig: Eine bessere Trennung zwischen religiöser Wirkung und patriotisch gefärbter Reaktion erfordert künftig Designs, die Teilnehmende anderer Religions- oder Gruppenhintergründe einbeziehen. Genau an dieser Stelle ließe sich das Wirkmodell weiter schärfen – etwa, indem Medien-Exposition und Glaubenskontext stärker kontrolliert werden, um emotionale Ansteckung von spirituellen Effekten klarer abzugrenzen.

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