BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Passkey-Euphorie im Unternehmen bleibt hinter der Umsetzung zurück: Laut einer Studie von FIDO Alliance und HID Global planen 93 Prozent den Umstieg, aber nur 13 Prozent rollen Passkeys im größeren Maßstab aus. Gleichzeitig zeigen Sicherheitsdaten, dass Organisationen trotz hohen Selbstvertrauens bei der Identitätsverwaltung scheitern. Der Grundtrend verschiebt sich zudem: Sobald KI-Agenten zunehmend eigenständig handeln, brauchen auch diese neue Identitäts- und Autorisierungskonzepte. Der Bericht liefert damit eine Blaupause für die nächsten Schritte Richtung skalierbarer Authentifizierung.

Passkeys gelten seit Jahren als der praktische Gegenentwurf zu klassischen Passwörtern: weniger Phishing-Flächen, weniger Wiederverwendung, und ein Authentifizierungsansatz, der kryptografisch statt „geheimer Wörter“ funktioniert. Doch die neue Bestandsaufnahme zeigt, wie schwer der Sprung in die Breite ist. Während Unternehmen mit großem Ehrgeiz auf passwortlose Authentifizierung setzen, bleibt die tatsächliche Rollout-Rate niedrig. Genau hier entsteht die „Passkey-Kluft“: 93 Prozent planen die Einführung, aber nur 13 Prozent haben sie bereits in größerem Umfang ausgerollt. Das ist weniger ein Technologiethema als ein Umsetzungs- und Betriebsproblem – inklusive Identitätsprozessen, Geräteflotten und Sicherheitsrichtlinien.
Technisch betrachtet hängt Passkey-Rollout nicht nur von der Benutzerregistrierung ab, sondern von der Integration in eine vorhandene Identitätsarchitektur. In der Praxis bedeutet das: Authentifizierung muss in bestehende Single-Sign-on-Modelle, MFA-Mechanismen und Geräte-Management-Workflows eingewoben werden. Der Bericht knüpft außerdem an ein zweites, oft unterschätztes Thema an – die Kontrolle von Zugriffsrechten nach sicherheitsrelevanten Ereignissen. Wenn Unternehmen zwar glauben, innerhalb von 24 Stunden Zugriffe nach einem Mitarbeiterabgang entziehen zu können, aber dennoch scheitern, leidet die Gesamtsicherheit. Genau diese Lücke macht Passkeys allein nicht automatisch „allheilend“, sondern zwingt Organisationen zu sauberer Identity Governance.
Die Studie ordnet die Motivation ebenfalls ein: Phishing-Reduktion steht bei 45 Prozent als wichtigstes Motiv im Vordergrund. Das ist plausibel, weil Passkeys das klassische Muster ausmanövrieren, bei dem Nutzer zu täuschenden Seiten gelotst werden. Trotzdem bleibt die Erfolgsquote abhängig davon, wie schnell und konsistent Berechtigungen nach Incident- oder Offboarding-Prozessen angepasst werden. Besonders deutlich werden Branchenunterschiede: Im öffentlichen Sektor berichten 43 Prozent der Behörden von gescheiterten Entzugsversuchen im 24-Stunden-Fenster; ein Teil arbeitet sogar noch mit manuellen Sperrprozessen. Im Finanzsektor erschwert die organisatorische Zersplitterung die Sicherheitsarbeit, etwa durch getrennte Berichtslinien für verschiedene Identitätsfunktionen. Dadurch entsteht eine größere Angriffs- und Fehlkonfigurationsfläche, die die Passkey-Strategie ausbremst.
Marktseitig zeigt sich gleichzeitig, dass die Branche den Fokus erweitert: Die nächsten Diskussionen drehen sich zunehmend um KI-Agenten und deren Authentifizierung. Denn wenn KI-Systeme nicht nur Daten verarbeiten, sondern Aktionen ausführen – etwa in Unternehmens-Tools, über APIs oder in automatisierten Workflows –, brauchen diese Agenten Identitäten und klar definierte Autorisierungsketten. Beyond Identity brachte dafür „Ceros“ in Stellung und setzt auf gerätegebundene Passkeys sowie einen mehrdimensionalen Identitätsvektor, der Nutzer, Authentifizierungsmethode, Gerät, Tools und Konfiguration abbilden soll. CrowdStrike ergänzt seine Falcon-Suite um Identitätskontrollen für KI-Agenten und spricht von kontinuierlicher Autorisierung nach dem SPIFFE-Standard. Okta wiederum vertieft die Partnerschaft mit Google Cloud, um KI-Agenten auf der Gemini-Plattform abzusichern, etwa über „Token-Tresore“ und feingranulare Berechtigungen. Diese Anbieter bewegen sich damit weg von reinem „User Login“ hin zu einer umfassenderen Identitäts- und Autorisierungsstrategie.
Damit kommt ein weiterer Treiber ins Spiel: Die Sicherheitslage zwingt zum Tempo, nicht nur zum Konzept. Der Bericht verweist auf eine im Juni geschlossene Schwachstelle im Microsoft-365-Umfeld, die als „SearchLeak“-Exploit beschrieben wurde und Angreifern Zugriff auf sensible Daten über manipulierte URLs erlauben konnte – bis hin zu Zwei-Faktor-Authentifizierungscodes. Solche Ereignisse zeigen, dass Authentifizierung zwar eine zentrale Schutzschicht ist, aber im Gesamtprozess verteidigt werden muss: Eingaben, Browser-/Client-Kontexte, URL-Validierung und die Absicherung von Secrets gehören zusammen. Kurzfristig können Passkeys das Risiko für Nutzer-Phishing senken. Langfristig brauchen Unternehmen aber bessere Sicherheitsketten, in denen Identitätsdaten, Tokens und Berechtigungen in jedem Schritt überwacht und kontrolliert werden.
Auch der Blick auf Verbraucherdienste unterstreicht die Dynamik. WhatsApp führte passkey-gesicherte Backups für iOS und Android ein, wodurch verschlüsselte Chatverläufe per Biometrie freigeschaltet werden können. Während Unternehmen sich in Breitenrollouts häufig in Kompatibilitätsfragen und Abstimmungsprozessen verlieren, liefern Consumer-Ökosysteme oft deutlich schnellere Iterationen. Gleichzeitig ist die Herausforderung in Unternehmen systematisch größer: Neben der Frage „Welche Authentifizierung funktioniert“ tritt die Frage „Welche Authentifizierung lässt sich in allen Lebenszyklen betreiben“. Dazu zählen Onboarding, Offboarding, Gerätewechsel, Rollenwechsel und häufig auch internationale Compliance-Anforderungen. In der Breite wird Passkey-Umstellung daher zur Aufgabe für Identity-Plattformen und Security Operations zugleich.
Regulatorik und Datenschutz sind dabei nicht nur „Nebenbedingungen“, sondern wirken direkt auf Architekturentscheidungen. Passkeys sind stärker an Geräte und Authentifizierungs-Realitäten gekoppelt; dadurch verändern sich Datenflüsse, Logging und Aufbewahrungsstrategien. Unternehmen müssen sicherstellen, dass keine personenbezogenen Authentifizierungsmetadaten unnötig gespeichert werden, und dass Aufzeichnung und Incident-Response datenschutzkonform bleiben. Gleichzeitig verlangen interne Sicherheitsstandards, dass Berechtigungen nach Offboarding verlässlich entzogen werden und dass Token-Lebenszyklen kontrolliert sind. Wenn KI-Agenten ins Spiel kommen, steigen zudem Anforderungen an die Nachvollziehbarkeit: Wer hat wann welche Berechtigung erteilt, und wie wird sie bei einer Rollenänderung oder einem Sicherheitsvorfall wirksam widerrufen? Eine Passkey-Strategie ohne Governance reicht hier kaum.
Für die Zukunft zeigt der Bericht einen klaren Zeithorizont: Bis 2027 sollen Passkeys dominieren. Das ist nicht nur ein Marketingziel, sondern hängt an messbaren Faktoren wie der sinkenden Angriffsoberfläche bei Identitätsthemen. 87 Prozent der Sicherheitsvorfälle der letzten Jahre sollen auf Identitätsschwachstellen zurückgehen; im Durchschnitt verzeichneten Organisationen dabei Verluste von 2,5 Millionen Euro. Der praktische Wendepunkt liegt damit weniger in der „Verfügbarkeit“ der Technologie, sondern in ihrer Operationalisierung: Identity Governance, Gerätestatus, kontinuierliche Autorisierung und konsistente Token-Policies müssen zusammenfinden. Für Entwickler und Plattformteams bedeutet das, dass sich MLOps/Automation zunehmend mit IAM verknüpft – Passkeys werden damit zur Grundlage, aber nicht zum Ersatz für durchgängige Sicherheitsarchitektur.
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