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LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Der ehemalige US-Top-General David Petraeus warnt, dass der Drohnen- und Robotereinsatz den Charakter des Krieges bereits heute massiv verändert. Er sagt, weder in der NATO noch in den USA gebe es bisher den nötigen „institutionellen“ Umbau. Gefordert werden neue Konzepte für Streitkräfte, Training, Beschaffung und Personalpolitik, weil autonome Systeme schneller auf technologische Entwicklungen reagieren müssen. Besonders wichtig sei zudem eine industrielle Fähigkeit für Software-Updates in kurzen Zyklen statt einer starren Planbarkeit der Hardware.

Petraeus fordert „institutionellen Wandel“ für autonome Kriegsführung
Petraeus fordert „institutionellen Wandel“ für autonome Kriegsführung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um autonome Waffensysteme wirkt in vielen Hauptstädten noch wie ein technisches Projekt: mehr Sensorik, bessere Software, ein schnell voranschreitender Prototypenbau. Im Hintergrund läuft aber bereits eine viel größere Verschiebung, wie Ret. Army Gen. David Petraeus in Washington einordnet. Er verweist auf die Ukraine als realen „Ausblick“ auf die nächsten Konflikte und stellt den Kern des Problems klar heraus: In der aktuellen Form sei der Einsatz unbemannter Systeme zwar sichtbar, die übergreifende Umgestaltung von Organisation und Abläufen für diese Art Krieg aber bislang nicht abgeschlossen.

Petraeus argumentiert dabei mit einer Größenordnung, die die eigene Wahrnehmung überfordert. Unbemannte Systeme würden in der Ukraine und rund um die Frontlinien bereits mehr als 90% der russischen Verluste verursachen, gleichzeitig sei das Ausmaß der Drohnenkriegsführung zu niedrig eingeschätzt. Als Größenordnung nennt er, dass beide Seiten im Tagesrhythmus jeweils etwa 10.000 Drohnen einsetzen. Wenn der Krieg dadurch primär durch unbemannte Systeme geführt wird, verliert die klassische Erwartung an „überlebensfähige“ Plattformen an Bedeutung: Panzer seien in diesem Umfeld nicht mehr zuverlässig überlebensfähig, so seine Kernaussage.

Für die Ukraine beschreibt Petraeus, wie sich daraus eine Art operative Zwangslage entwickelt. Schon seit Jahren nutzen beide Seiten Drohnen und unbemannte Systeme, um eine zahlenmäßig und finanziell unterschiedlich ausgestattete Gegenseite zu bearbeiten. Politisch und organisatorisch wird das in Kiew auch durch die Bildung einer eigenen militärischen Struktur für unbemannte Systeme adressiert; der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskyy habe dazu 2024 den Aufbau einer neuen „Unmanned Systems Forces“-Einheit angeordnet, während das Verteidigungsministerium unautonomere Fähigkeiten als Priorität immer wieder betont. Der Vergleich, den Petraeus zieht, ist deshalb weniger „Was können wir bauen?“, sondern „Wie schnell müssen wir lernen, und wie ändern wir dafür unser System?“

Auf US-Seite sieht Petraeus den Unterschied zwischen Fortschritt im Detail und echter institutioneller Erneuerung. Er verweist auf Washingtons „commendable steps“ und nennt als konkretes Beispiel die Einrichtung eines neuen „Autonomous Warfare Command“, das verlangt, dass jede Teilstreitkraft ihr eigenes Komponentenkommando aufbaut. Doch genau hier setzt seine Kritik an: Nicht nur eine zusätzliche Truppengattung („Unmanned Systems“ als neues Organ), sondern ein echter Umbau von Kaufprozessen, Ausbildungswegen und Einsatzlogik sei nötig. Dazu gehört auch die Force-Structure-Frage, also welche Einheiten künftig in welcher Mischung geplant werden, und die Personal- und Basisstrategie, weil unbemannte Systeme andere Fähigkeiten und Rollen benötigen als stark bemannte Plattformen.

Technisch und operativ übersetzt sich das in Beschaffungslogik und Entwicklungsrhythmen. Petraeus fordert Kapazitäten zur Herstellung, aber nicht zwingend eine durchgehende Produktion „für den Vorrat“, wie man es aus vielen klassischen Programmen kennt. Stattdessen müsse das System in der Lage sein, Softwareänderungen wöchentlich und Hardwareanpassungen in wenigen Wochen umzusetzen. Seine Begründung: Der Gegner entwickelt sich weiter, und Russland habe, so seine Darstellung, gleichzeitig sehr substantiell innoviert. In der Ukraine werde dieser Takt bereits praktisch erzwungen, wodurch sich eine Art Produktions- und Update-Disziplin herausbildet, die sich nur schwer mit starren Beschaffungszyklen großer, bemannter Systeme vereinbaren lässt.

Auch die industrielle Seite liefert dafür Anhaltspunkte. Zelenskyy hatte im Juli in einer Rede angegeben, dass die Ukraine in diesem Jahr bis zu 20 Millionen unbemannte Systeme produzieren will; zugleich nennt Petraeus indirekt Engpässe, die aus einer lokalen Wertschöpfung resultieren können. Besonders relevant seien laut Quelltext nicht nur die Zahl der Systeme, sondern auch die Verfügbarkeit trainierter Operatoren sowie bestimmte Komponenten, darunter Optiken, Gimbals, bürstenlose Motoren und Glasfaser-Kabel. Solche Bausteine bestimmen, wie schnell sich Systeme skalieren lassen, und sie entscheiden mit darüber, ob ein Update-Zyklus tatsächlich durchgezogen werden kann oder im Teile- und Fertigungsstau endet.

Abseits der Hardware fragt Petraeus zudem nach politischen und logistischen Spielräumen. Er widerspricht der Idee, der US-Krieg gegen den Iran habe die Fähigkeit reduziert, der Ukraine zu helfen, und hält dagegen, dass in Washington in der Vergangenheit zwar eine „faire number“ an Abfangjägern eingesetzt worden sei, was das Teilen mit anderen erschwere. Der Punkt ist für die Debatte wichtig, weil er verdeutlicht: Selbst wenn unbemannte Systeme im Zentrum stehen, bleiben klassische Verteidigungs- und Interzeptorfähigkeiten für viele Rollen weiterhin relevant. Eine Schätzung des Congressional Budget Office aus dem September nennt hier zudem einen Verbrauchsgrad bei bestimmten Abfangjägern, den Petraeus als Hintergrund für die gegenwärtige Austauschfähigkeit heranzieht.

Für Unternehmen und Zulieferer ergibt sich aus Petraeus’ Argumentationslinie eine klare Konsequenz: Wer im Bereich KI-gestützte Software, autonome Navigation, Sensorfusion oder leichtgewichtige Steuerung arbeitet, muss die Produktentwicklung weniger als Einmalprojekt verstehen. Gefragt sind Architekturansätze, die wöchentliche Software-Iteration erlauben, sowie Produktionsplanungen, die Hardwarevarianten in kurzer Zeit anpassen können, ohne dass die gesamte Lieferkette neu qualifiziert werden muss. Petraeus bündelt das auf politischer Ebene in einem Satz, der als Zielbild für den Umbau taugt: Es geht um Entscheidungen, die das gesamte System betreffen, nicht nur um neue Geräte. Genau deshalb wird die „Autonomie“ im kommenden Jahrzehnt weniger an einzelnen Durchbrüchen hängen, sondern an der Fähigkeit, Prozesse, Budgetlogik und Entwicklungszyklen institutionell neu zu verkabeln.

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