SCHLESWIG-HOLSTEIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Schleswig-Holstein ist die Zahl pflegebedürftiger Menschen unter 65 Jahren binnen vier Jahren deutlich gestiegen. Laut Daten aus dem Sozialministerium wuchs die Gruppe von knapp 29.000 im Jahr 2019 auf gut 43.000 im Jahr 2023. Viele Betroffene werden demnach im eigenen Zuhause versorgt, häufig durch Angehörige trotz parallel laufender Erwerbsarbeit. Gleichzeitig geraten ambulante und stationäre Pflegedienste finanziell unter Druck, was neue Mischmodelle zwischen Heim und Wohnung wahrscheinlicher macht.

Die Entwicklung beginnt mit einer Zahl, die in der Pflegeplanung schnell politisch wird: In Schleswig-Holstein ist die Gruppe der pflegebedürftigen Menschen unter 65 Jahren innerhalb von vier Jahren um fast 50 Prozent gewachsen. Während im Jahr 2019 knapp 29.000 Betroffene in dieser Altersklasse als pflegebedürftig registriert waren, lag der Wert 2023 bei gut 43.000. Der Befund geht auf eine parlamentarische Anfrage der SSW-Fraktion im Landtag zurück und trifft damit nicht nur den Alltag vieler Familien, sondern auch die Kapazitätsplanung von Trägern, Pflegediensten und Kommunen.
Aus der Technik- und Versorgungslogik betrachtet ist diese Altersgruppe besonders „unruhig“: Pflegebedürftigkeit unter 65 tritt häufig in Lebensphasen auf, in denen Erwerbsarbeit, Qualifizierung und familiäre Verantwortung zusammenfallen. Laut Angaben des Sozialministeriums wird die Mehrheit der jüngeren Betroffenen im eigenen Zuhause betreut. Diese Konstellation verschiebt Risiken in den häuslichen Bereich: Angehörige übernehmen Pflege oft im erwerbsfähigen Alter, nicht selten auch, weil passende spezialisierte Einrichtungen fehlen. Genau hier wird die nächste Stufe der Entwicklung greifbar, denn das System wird nicht nur größer, sondern auch komplexer – mit der Folge, dass Entlastung, Koordination und passende Leistungen stärker „prozessartig“ gedacht werden müssen, nicht nur als einzelne Termine.
Der Druck zeigt sich parallel auch auf der Anbieterseite. Auf Bundesebene liefert ein Whitepaper der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon einen breiteren Rahmen: Für das Jahr 2025 rechnet es mit rund 6 Millionen Menschen mit Leistungen der sozialen Pflegeversicherung; knapp 90 Prozent davon sollen im eigenen Zuhause leben. Gleichzeitig beschreibt Curacon, dass Einrichtungen finanziell immer enger kalkulieren: Demnach schlossen 2025 26 Prozent der stationären Einrichtungen und 17 Prozent der ambulanten Einrichtungen mit einem Jahresfehlbetrag ab. Auch wenn die Umsätze in der stationären Altenhilfe 2025 um 6,5 Prozent und im ambulanten Segment um 5,4 Prozent zulegten, bleiben die Margen schmal – mit einer ausgewiesenen EBIT-Marge von 1,5 Prozent im stationären Bereich und 3,5 Prozent im ambulanten Sektor (inklusive Fördermitteln). Das ist eine strukturelle Bremse für Innovation, weil neue Versorgungsmodelle ohne zusätzliche Planungssicherheit schwer skalierbar sind.
Genau deshalb rücken Zwischenformen in den Fokus, die nicht strikt zwischen „Heim“ und „eigene Wohnung“ trennen. Als konkretes Beispiel wird das Konzept stambulant genannt, das vom Träger BeneVit aus Mössingen im Kreis Tübingen entwickelt wurde. Kerngedanke ist eine Kombination aus stationärer und ambulanter Betreuung, die Versorgung flexibler macht und Kosten abfedern soll. BeneVit zielt darauf, das Modell gesetzlich zu verankern und ab 2027 als reguläre Kassenleistung zu ermöglichen. Technisch-organisatorisch bedeutet das weniger ein „neues Produkt“, sondern eher eine neue Form der Prozessintegration: Übergänge, Betreuungsintensitäten und Unterstützungsleistungen sollen so geplant werden, dass sie sich am tatsächlichen Bedarf orientieren – und nicht allein an Einrichtungsgrenzen. Der Modellansatz wird zudem mit einer potenziellen Ersparnis von bis zu 1.000 Euro pro Person und Monat begründet, weil ein vollstationärer Aufenthalt typischerweise deutlich höhere Kosten verursacht.
Die Einordnung wird greifbar, wenn man sieht, wie lange solche Modelle erprobt werden müssen. In Baden-Württemberg lief stambulant laut Angaben zuvor jahrelang im Haus Rheinaue in Wyhl am Kaiserstuhl im Kreis Emmendingen, stand dort Ende 2024 aber kurz vor dem Aus. Eine Petition, initiiert von 34 Bürgermeistern, setzte sich für den Erhalt ein. Auch auf Ebene der Kostenträger soll das Thema nun stärker in Richtlinien überführt werden: Nach Mitteilung der baden-württembergischen Grünen-Staatssekretärin Petra Krebs plant der Spitzenverband der Krankenkassen, das Konzept in die Richtlinien aufzunehmen. Ziel ist, dass ab 2027 geregelt wird, wie die Leistung durch die Kassen finanziert und organisiert wird. Damit verlagert sich der Schwerpunkt von der Erprobung auf die standardisierte Umsetzung – ein Schritt, der in der Versorgung besonders wichtig ist, weil andernfalls jede Region bei Null beginnt.
Neben neuen Betreuungsformen wird zugleich eine Debatte über strukturelle Prävention lauter. Versorgungsforscher verweisen darauf, dass Deutschland zwar eines der kostspieligsten Gesundheitssysteme weltweit betreibt, im europäischen Vergleich aber bei der gesunden Lebenserwartung hinterherhinkt. Für die Praxis heißt das: Entlastung für pflegende Angehörige entsteht nicht nur durch mehr ambulante Stunden, sondern auch durch frühere Interventionen, die Pflegebedürftigkeit hinauszögern oder ihre Folgen abmildern. Der Quellenkontext nennt hierfür konkrete Bausteine wie Community Health Nurses, präventive Hausbesuche sowie Angebote in Schulen und Betrieben. Gleichzeitig kommt Kritik an der Finanzierung auf: Die Vergütungssysteme honorierten bislang fast ausschließlich die Behandlung akuter Krankheiten, während präventive Beratung strukturell unterfinanziert bleibe. Für viele Unternehmen und Kommunen liegt darin auch ein Auftrag, Unterstützungsangebote organisatorisch mit zu denken – etwa wenn Beschäftigte parallel pflegen. Denn wenn Erwerbsarbeit und Pflege gleichzeitig laufen, entscheidet nicht nur die medizinische Leistungskette, sondern auch die Verfügbarkeit von Entlastung im Alltag.
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