BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Private Pflegeanbieter kritisieren den hohen Zeitaufwand, der durch das quartalsweise Einlesen von Versichertenkarten in Arztpraxen entsteht. Verbandspräsident Bernd Meurer sieht darin „Irrsinn“, weil Pflegekräfte nach seiner Darstellung stundenlang warten oder Karten hin- und herfahren müssten. Laut Szenariorechnung summiert sich der organisatorische Aufwand auf rund 2,3 Millionen Stunden pro Jahr bei bundesweit erfassten ambulanten und vollstationären Einrichtungen. Der Verband fordert, dass Praxen den Versichertenstatus künftig digital und abrechnungsfähig über die Telematikinfrastruktur abrufen können.

Pflegeanbieter fordern Ende von Kartenfahrten: Digitaler Abruf statt Praxisbesuche
Pflegeanbieter fordern Ende von Kartenfahrten: Digitaler Abruf statt Praxisbesuche (Foto: IT BOLTWISE)
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In der Pflegebranche wächst der Druck auf Politik und Gesundheitswesen: Private Anbieter sozialer Dienste beklagen, dass Pflegebedürftige und ihre Bezugspersonen in Arztpraxen erscheinen müssen, damit die Versichertendaten in Form von elektronischen Gesundheitskarten wiederholt eingelesen werden können. Der Auslöser ist ein organisatorischer Rhythmus, der sich für viele Einrichtungen wiederholt: Beschäftigte aus Pflegediensten und Pflegeeinrichtungen bringen die Karten regelmäßig zum Einlesen mit, obwohl der Anlass nicht medizinischer Natur ist, sondern administrativ. Für Pflegebetriebe bedeutet das zusätzlichen Koordinationsaufwand – und im Ergebnis Zeit, die nicht für Betreuung oder pflegenahe Aufgaben zur Verfügung steht.

Verbandspräsident Bernd Meurer stellte nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur den Zusammenhang zwischen steigender Versorgungsnachfrage und vermeidbarer Bürokratie heraus. Er betonte, dass jede verfügbare Minute benötigt werde, um die wachsende Zahl Pflegebedürftiger zu versorgen, und kritisierte zugleich, dass Pflegekräfte entweder in Arztpraxen warten oder Versichertenkarten selbst über Wege im Alltag transportieren müssten. Seine Aussage zielt dabei auf eine unproduktive Schnittstelle zwischen Pflegeorganisation und Praxisbetrieb: Statt klinischer Abläufe werden Fahrten und Wartezeiten zu einem Bestandteil der Versorgung, obwohl der eigentliche Informationsbedarf technisch auch anders gelöst werden könnte.

Hintergrund ist das quartalsweise Einlesen der elektronischen Gesundheitskarten in Arztpraxen. In der Quelle wird beschrieben, dass dies insbesondere relevant wird, wenn Pflegebedürftige in einem Heim leben und verschreibungspflichtige Medikamente erhalten oder wenn sie zu Hause Leistungen der Krankenpflege beziehen. Genau an dieser Stelle setzt die Kritik an, weil der administrative Schritt häufig mit dem Stations- oder Pflegedienstalltag kollidiert. Schon die Prozesskette ist arbeitsintensiv: Karten müssen wieder beschafft, Termine koordiniert und häufig zusätzliche Anfahrten oder Wartezeiten eingeplant werden, bevor überhaupt eine Leistungserbringung im eigentlichen Sinn beginnt.

Der Verband untermauert seine Forderung mit einer Szenariorechnung. In einer Umfrage unter 1.016 teilnehmenden Mitgliedsunternehmen heißt es, dass durch das quartalsweise Einlesen im Schnitt 21,6 Stunden organisatorischer Aufwand pro Quartal entstehen. Auf ein Jahr gerechnet entspricht das 86,4 Stunden pro Unternehmen – und über einen bundesweiten Ansatz hochgerechnet auf 26.799 ambulante Dienste und vollstationäre Pflegeeinrichtungen ergibt sich eine Größenordnung von rund 2,3 Millionen Stunden pro Jahr. Hinzu kommen den Angaben zufolge in dem Szenario Wartezeiten in Praxen von durchschnittlich 26 Minuten je Besuch, wodurch sich der Zeitverlust nicht nur in der Verwaltung, sondern auch im praktischen Tagesablauf spürbar erhöht.

Statt weiterer Wege mit Karte oder Smartphone fordert der Verband eine strukturelle Vereinfachung: Künftig sollen Versicherte, Beschäftigte oder Angehörige nicht mehr in Arztpraxen vorstellig werden müssen, um den Versichertenstatus bereitzustellen. Kernpunkt ist ein gesetzlicher Rahmen, der es Praxen erlaubt, den Status digital und abrechnungsfähig abzurufen – und zwar über die „geschützte Datenautobahn“ des Gesundheitswesens, also die Telematikinfrastruktur. Damit würde sich der Prozess vom physisch präsenten Medien-Handling lösen und näher an eine serviceorientierte Verfügbarkeit von Statusdaten rücken, die im Praxisalltag ohnehin für Abrechnung und Behandlungsschritte benötigt wird.

Technisch ist die dahinterliegende Idee relativ klar: Wenn der Zugriff auf benötigte Versichertendaten datenschutzkonform und abgestimmt auf Abrechnungslogiken in der Telematikinfrastruktur erfolgt, entfallen Transport- und Koordinationsschritte außerhalb der Praxis. Für Pflegeanbieter würde das bedeuten, dass Zeit nicht mehr in die „Bring- und Warte“-Kette fließt, sondern in Pflege, Begleitung und organisatorische Planung innerhalb der eigenen Einrichtung. Gleichzeitig verändert sich damit die Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Pflege sowie der ärztlichen Versorgung: Der administrative Teil wird stärker in den Versorgungsprozess integriert, statt als separater Vorgang zwischen den Sphären zu hängen.

Für die Markt- und Umsetzungsseite ist das auch eine Frage der Prioritäten. Je mehr Leistungsnachfrage im Pflegebereich ansteigt, desto weniger Spielraum bleibt für Tätigkeiten, die weder die medizinische Versorgung verbessern noch den Pflegealltag entlasten. Der Verband fordert deshalb, dass Digitalisierung nicht nur als Schlagwort verstanden wird, sondern sich in konkreten Prozessreduktionen zeigt. Ob und wie schnell solche Änderungen umgesetzt werden, hängt jedoch davon ab, wie der Gesetzgeber die Abruffähigkeit der Versichertendaten praktisch verankert und wie reibungslos Arztpraxen, Dienstleister und die Pflegelandschaft ihre Abläufe darauf ausrichten können.

Unterm Strich adressiert die Debatte einen sehr konkreten Engpass: Das quartalsweise Einlesen ist aus Sicht der Anbieter ein organisatorischer Aufwandstreiber, dessen Nutzen ohne Anpassung begrenzt bleibt, während die Kosten durch Zeitknappheit in der Pflegebranche wachsen. Wenn der digitale Abruf über die Telematikinfrastruktur tatsächlich die physische Kartenübergabe ersetzt, liegt der Effekt nicht nur in Stundenersparnissen, sondern auch in weniger Warte- und Koordinationsdruck. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie viel Verwaltungsaufwand sich im Gesundheitswesen künftig noch leisten lässt – und ob der Gesetzgeber den Umbau von datenbasierten Statusinformationen so gestaltet, dass er in der Praxis spürbar ankommt.


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