SHENZHEN, CHINA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die HSBC Business School der Peking University (PHBS) hat in Shenzhen die „Carbon Economics Salon Series“ ausgerichtet. Rund 100 Wissenschaftler, politische Entscheidungsträger und Vertreter der Industrie diskutierten dort, wie sich einseitige klimapolitische Handelsmaßnahmen auf den Welthandel auswirken. Im Fokus standen außerdem Mechanismen der CO2-Bepreisung, die Frage nach Fairness im CO2-Markt und die zunehmende Rolle von KI für Governance-Entscheidungen. Kurz vor dem APEC-Treffen rückte damit vor allem die Verzahnung von Klima- und Handelsregeln in den Mittelpunkt.

Die Diskussionen in Shenzhen zeigen, wie stark sich „Carbon Economics“ inzwischen vom reinen Preisbildungs- beziehungsweise Marktmodell entfernt hat. Laut den Veranstaltern verknüpfte die „Carbon Economics Salon Series“ am 16. Juni Klima- und Handelsfragen gleich in drei Problemfeldern: einseitige klimabezogene Handelsmaßnahmen, die ungleiche Entwicklung der CO2-Märkte sowie die wachsende Bedeutung von KI für die Governance in diesem Bereich. Gerade die Gegenwartssituation in Asien-Pazifik macht das Thema politisch eng: Wenige Wochen vor dem APEC-Forstministertreffen (27. bis 28. Juli) wurde die Frage aufgerufen, wie ökologische Ziele in Handelsregeln übersetzbar bleiben, ohne neue Bruchstellen im globalen Austausch zu erzeugen.
Im Kern ging es um Governance-Mechanismen für ein integriertes CO2-System, das nicht nur einzelne Märkte optimiert, sondern auch die Anschlussfähigkeit über Grenzen hinweg schafft. In den Eröffnungsreden hoben Piao Shilong als Vizepräsident der PKU und Dekan des ICN-PKU sowie Hai Wen als stellvertretender Vorsitzender des PKU-Rates und Gründungsdekan der PHBS die Dringlichkeit eines inklusiven globalen Systems hervor. Methodisch bedeutet das: Wenn Handelspolitik und Emissionspolitik stärker miteinander gekoppelt werden, entscheidet weniger ein einzelner Preis pro Tonne CO2 als vielmehr das Zusammenspiel aus Mess-, Reporting- und Durchsetzungslogik, die in unterschiedlichen Jurisdiktionen akzeptiert werden muss.
Der inhaltliche Schwerpunkt lag anschließend bei Instrumenten, die CO2 nicht nur politisch „durchsetzen“, sondern wirtschaftlich steuerbar machen. Wang Pengfei, Boya Distinguished Professor an der PKU und Dekan der PHBS, sprach sich den Angaben zufolge für wirksamere Mechanismen zur CO2-Bepreisung und marktwirtschaftliche Instrumente aus. Damit schiebt sich die Detailfrage in den Vordergrund, wie sich Preis-Signale so gestalten lassen, dass sie sowohl Investitionssicherheit für Umweltforschung und Emissionsminderung schaffen als auch internationale Wettbewerbsverzerrungen dämpfen. In diesem Kontext passte die Keynote von Thomas J. Sargent: Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 2011 betonte, dass Unsicherheit frühere Investitionen in umweltfreundliche Forschung und Entwicklung, Emissionsminderung und Waldschutz anregen sollte. Ökonomisch lässt sich das als Hinweis auf die Rolle von Erwartungen und Unsicherheitsprämien bei der Planung interpretieren, etwa wenn Unternehmen Pilotprojekte finanzieren müssen, obwohl politische Rahmenbedingungen nicht vollständig festgezurrt sind.
Daneben ordnete die Veranstaltung die zeitliche Dimension der Energiewende in eine konkretere Transformationslogik ein. Jiang Kejun, Professor und Leiter des Forschungsschwerpunkts „Kohlenstoffneutralität und Klimawandel“ an der HKUST (Guangzhou), bezeichnete den Zeitraum 2030 bis 2035 als entscheidendes Zeitfenster für Chinas Energiewende. Als Treiber nannte er das rasante Wachstum bei erneuerbaren Energien und Elektrofahrzeugen. Für Unternehmen ist das mehr als ein politischer Ausblick: In dieser Spanne entstehen skalierende Infrastrukturen, Lieferketten und Datenflüsse, die wiederum bestimmen, wie belastbar CO2-Governance wird. Wer in Produktion, Einkauf oder Logistik frühzeitig umstellt, braucht nicht nur Technik, sondern auch verlässliche Regeln für die Bewertung von Emissionen und Klimawirkungen.
Technisch und zugleich governance-nah wurde auch die Rolle von KI diskutiert, allerdings nicht als Selbstzweck. Aus der Agenda leitete sich ab, dass KI insbesondere dann relevant wird, wenn CO2-Regime mehr Koordinationsaufwand erfordern: zum Beispiel bei der Auswertung von Emissionsdaten, bei der Überprüfung von Nachhaltigkeitsnachweisen oder bei der Modellierung von Markt- und Politikfolgen. Wu Dengsheng, Professor an der Universität Shenzhen, ordnete in diesem Zusammenhang die Forschung im Bereich der CO2-Ökonomie ein und verwies darauf, dass China bei der Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen weltweit den zweiten Platz belegt. Diese Breite an Forschung kann KI-Anwendungsfälle beschleunigen, gleichzeitig aber auch zu Fragmentierung führen, wenn Datenstandards, Bewertungslogiken und Schnittstellen nicht zusammenwachsen.
Für den Marktbezug stellten zudem zwei Rundtischgespräche den Zusammenhang zwischen einseitigen Klimamaßnahmen und Fairness im globalen Handel heraus. Wichtig war dabei die Frage, wie Zusammenarbeit auf dem CO2-Markt mit dem Globalen Süden gestaltet werden kann, wenn unterschiedliche Ausgangslagen und Marktstrukturen aufeinandertreffen. Zhang Haibin, Boya Distinguished Professor an der PKU und Vizedekan des ICN-PKU, schloss mit dem Hinweis auf die Bedeutung eines kontinuierlichen interdisziplinären Dialogs. Genau hier liegt die praktische Konsequenz: CO2-Governance wird laut den Ergebnissen der Veranstaltung zunehmend durch Handelsregeln, Technologie und internationale Koordination geprägt. Für APEC-Volkswirtschaften, die ihre Klimakooperation im Rahmen der Agenda vertiefen wollen, ergibt sich damit ein Arbeitsfeld, in dem PHBS und ICN-PKU den Austausch über globale Klimapolitik und Chinas „Dual-Carbon“-Ziele weiter vorantreiben möchten.
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