PHILADELPHIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei neue Studien ordnen das Zuhören des „Joe Rogan Experience“-Podcasts als auffällig starken Prädiktor für die Trump-Wahl 2024 ein. Selbst wenn frühere Wahlergebnisse, Demografie und Mediennutzung kontrolliert werden, bleibt der Zusammenhang deutlich. Die Forschung verknüpft dafür eine große Analyse von 2.175 Podcast-Transkripten mit einer nationalen Umfrage unter 1.600 Erwachsenen. Damit rückt Unterhaltung als datengetriebener Hebel politischer Mobilisierung stärker in den Fokus als viele klassische Nachrichtenkanäle.

Die aktuelle Debatte über politische Meinungsbildung bekommt eine neue, datenlastige Facette: Wer den „Joe Rogan Experience“-Podcast regelmäßig hört, zeigt in den vorliegenden Auswertungen eine deutlich bessere Vorhersagbarkeit für die Stimmabgabe für Donald Trump als die reine Orientierung an klassischen TV-Formaten wie Fox News. Die Beobachtung ist deshalb brisant, weil sie nicht nur „Reichweite“ beschreibt, sondern statistisch messbar wird, nachdem zahlreiche alternative Faktoren berücksichtigt wurden. Damit verschiebt sich die Perspektive weg von der Frage, wer „mehr sendet“, hin zur Frage, welche Gesprächs- und Vertrauenskonstrukte in langen Audioformaten das Wahlverhalten mitprägen.
Technisch basiert der erste Teil der Arbeit auf einer systematischen, rechnergestützten Inhaltsanalyse. Das Team um Huma Rasheed hat dafür nahezu vollständige Transkripte von 2.175 Episoden gesammelt, die zwischen Dezember 2009 und Dezember 2024 ausgestrahlt wurden. Da eine manuelle Auswertung dieser Textmenge praktisch unmöglich ist, kamen KI-gestützte Textmodelle zum Einsatz, die wiederkehrende Themen semantisch clustern. Über eine algorithmische Zuordnung von Wörtern zu Bedeutungsbereichen wurden 45 Themen identifiziert, anschließend in Beziehungen zwischen Themen überführt und zu sechs größeren thematischen Domänen verdichtet.
Besonders aufschlussreich ist dabei, wie sich die thematische Struktur über die Zeit verändert. Die Studie beschreibt den „persönlichen Erzählstrang“ als zentrales Gerüst: Familiengeschichte, Kindheit, Karrierewege und biografische Details wirken als Brücken, die sehr unterschiedliche Inhalte—von Fitness bis hin zu Spekulation—zusammenhalten. Gleichzeitig zeigt die Zeitreihe, dass bestimmte Tonalitäten, etwa grober Humor und Sexualwitze, kontinuierlich abnehmen. Ab etwa 2016 gewinnen dagegen soziale und politische Themen sichtbar an Gewicht, inklusive Debatten über Wahlen, Außenpolitik und Redefreiheit, was den Charakter des Formats von typischem „Locker-Room“-Geplauder hin zu stärker situierten Auseinandersetzungen verändert.
Der technische Interpretationsknackpunkt liegt zudem in der Art, wie das System thematische Kategorien „rahmt“. Gespräche zu Impfstoffen landen algorithmisch im Fitness-Cluster—nicht im Kontext öffentlicher Gesundheitspolitik. Die Forschung begründet diese Platzierung mit einer inhaltlichen Perspektive, die medizinische Themen über Leistungsfähigkeit und körperliche Fitness adressiert. Ähnlich werden Cluster zu veränderten Bewusstseinszuständen und spekulativer Wissenschaft identifiziert: Dazu zählen Diskussionen zu Psychedelika, theoretischer Physik, frühen Hochkulturen und Raumfahrt. Der Anteil solcher Inhalte soll nach 2016 ebenfalls stabil zugenommen haben, selbst wenn Randthemen am Anfang weniger präsent waren.
Im zweiten Teil wird der Brückenschlag zur realen Politik hergestellt. Grundlage ist eine landesweit repräsentative Umfrage mit 1.600 Erwachsenen in den USA, erhoben Anfang 2025. Befragt wurden Teilnehmende zu Medienkonsumgewohnheiten, soziodemografischen Merkmalen, politischer Selbsteinordnung sowie dem Wahlverhalten in der Vergangenheit. Rund zehn Prozent der Stichprobe geben an, den Podcast zumindest gelegentlich zu hören, wobei die Hörerschaft stark männlich geprägt ist. Um den spezifischen Zusammenhang nicht nur als „Proxy“ für andere Faktoren zu erklären, kontrollieren die Forschenden statistisch unter anderem Alter, Einkommen, Bildung, generelles Regierungsinteresse, Medienpräferenzen inklusive Fox News, CNN, MSNBC sowie Zeitungs- und Social-Media-Nutzung, zusätzlich Parteizugehörigkeit und die Trump-Stimmabgabe 2020.
Ergebnis: Trotz dieser umfangreichen Kontrollen bleibt das Podcast-Hören ein starker Prädiktor für die Trump-Wahl 2024. In der Modelllogik erscheint es sogar als zweistärkste numerische Einflussgröße, nur übertroffen von der Wahlentscheidung für Trump im Jahr 2020. Damit wird das Format im Modell vergleichsweise „besser vorhersagbar“ als klassische politische Variablen wie die einfache Parteizugehörigkeit. Gleichzeitig liefern die Autoren qualitative Hinweise über Fokusgruppen mit jungen Wählenden: Teilnehmende beschreiben, dass die lange, informelle Interviewdramaturgie den Kandidaten „normal“ und „authentisch“ wirken lasse. Das ist ein typisches Muster für persuasive Medienwirkung, bei dem Vertrauen und Vertrautheit die Hürde für Skepsis senken.
Wichtig ist jedoch die Einordnung: Die Studien liegen als Preprint vor und wurden damit noch nicht durch ein formales Peer-Review-Verfahren validiert. Preprints sind wertvoll, weil sie frühe Ergebnisse sichtbar machen, aber sie tragen das Risiko methodischer Unschärfen oder unbeachteter Variablen. Die Forschenden selbst betonen zudem Grenzen: Die Umfragedaten erlauben keine kausale Aussage darüber, ob das Zuhören die Wahlentscheidung direkt verursacht. Unmessbare kulturelle oder psychologische Faktoren könnten zugleich dafür sorgen, dass Menschen den Podcast konsumieren und zugleich konservativer wählen. Kausale Ketten würden spezialisierte experimentelle Setups oder längsschnittliche Erhebungen mit denselben Personen erfordern, um die Mechanismen verlässlich zu isolieren.
Für die Branche—insbesondere für Unternehmen, die KI-gestützte Medienanalyse oder Risiko- und Compliance-Systeme entwickeln—liegt die praktische Botschaft weniger im konkreten Kandidatenbezug als in der Architektur der Wirkung: Unterhaltung kann politische Narrative so verpacken, dass sie wie „Alltagsgespräch“ erscheinen und dadurch traditionelle Filter umgehen. Historisch passt das in eine Entwicklung seit den frühen 2000er-Jahren, als der Medienmarkt stärker fragmentierte und Plattformen politisch aufgeladen wurden, ohne sich formal als „Nachrichten“ zu deklarieren. Für Governance und Datenschutz bedeutet das: Wer solche Effekte analysiert, muss Modelle robust gegen Bias halten, Datenverarbeitung streng dokumentieren und Einwilligungs- sowie Zweckbindungsregeln beachten—gerade wenn Umfragedaten mit Inhaltsdaten zusammengeführt werden. Die nächste Phase der Forschung wird voraussichtlich die spezifischen Audio-Features herausarbeiten, die Vertrauen erzeugen, und damit neue Angriffs- und Schutzflächen für KI-gestützte Persuasions-Analytik eröffnen. Der Preprint ist hier einsehbar: APSA Preprints.
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