LONDON (IT BOLTWISE) – Signe Damron beschreibt in ihrer neuen Lyrik-Sammlung „Sift Me Through“ den Weg zu mehr Klarheit nach traumatischen Hirnverletzungen. Die Autorin verbindet persönliche Diagnosen und Selbstreflexion mit Bildern aus der Natur und dem Motiv des „Loslassens“. Besonders prägend sei für sie die Annäherung an den 40. Geburtstag gewesen, die das Nachdenken über Entscheidungen aus den 30ern verstärkt habe. Das Buch macht damit Selbstbeobachtung nicht zur Perfektion, sondern zu einem Umgang mit Ungewissheit und Unvollkommenheit.

Poetische Neuorientierung nach TBI: „Sift Me Through“ von Signe Damron
Poetische Neuorientierung nach TBI: „Sift Me Through“ von Signe Damron (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn Schreiben über Jahre hinweg vor allem nach innen gerichtet ist, entsteht irgendwann eine Art innerer Messsensor: Man spürt, welche Gedanken sich aufstauen, welche Fragen sich wiederholen und wo die eigene Wahrnehmung beginnt, klarer zu werden. Genau in diese Richtung deutet „Sift Me Through“ von Signe Damron. Die Autorin setzt die neue Sammlung als Arbeitsprozess ein, um nach traumatischen Hirnverletzungen und einer daraus folgenden zweiten chronischen Erkrankung wieder einen verlässlicheren Zugang zu sich selbst zu finden. Dabei geht es nicht um „heilende“ Literatur im Sinne eines simplen Narrativs, sondern um eine Form von ordnender Sprache: Damron beschreibt, dass sie in den ersten Teilen ihrer 30er zunächst suchte, „was mit ihr nicht stimmt“, und zugleich die Entscheidungen dieser Zeit verarbeitete, als die körperlichen Belastungen spürbar stärker wurden.

Die Spannung, die in solchen Phasen entsteht, ist typisch für die Schnittstelle aus Körper und Psyche: Neue medizinische Diagnosen können laut Damron zunächst entmutigend wirken, gleichzeitig aber auch Validierung bringen. In ihrem Fall hängt das eng mit der Logik zusammen, dass Unklarheit über Symptome häufig auch Unklarheit über sich selbst erzeugt. Wenn eine zweite chronische Erkrankung als Ergebnis traumatischer Hirnverletzungen diagnostiziert wird, verschiebt sich der Fokus von „Warum bin ich so?“ zu „Wie kann ich damit leben und welche Grenzen gelten gerade?“ Damron formuliert das als mehrschichtigen Heilungsprozess: Wer sich von etwas erholt, erholt sich – so ihre Lesart – nicht nur von einem Ereignis, sondern von mehreren Ebenen, die sich über die Zeit überlagern.

Gerade deshalb arbeitet die Sammlung mit dem Motiv „Clarity“ als dritter Abschnitt. Klarheit klingt dabei leicht, wirkt in Damrons Texten aber wie ein Ergebnis von Schrittfolgen: nicht als plötzliche Erkenntnis, sondern als Bewegungsarbeit, bei der das eigene Fundament wieder gefunden wird. Dass der Prozess zeitlich mit der Annäherung an den 40. Geburtstag zusammenfällt, macht den inneren Rhythmus besonders greifbar. Damron berichtet von Jahren des Schreibens vor dem „Landmark“-Alter, in denen sie sich Fragen stellte wie: Gefällt mir der Ort, an dem ich gerade stehe? Gefällt mir, wer ich bin? Solche Fragen werden in der Sammlung nicht beantwortet wie in einem Coaching, sondern als Beobachtung akzeptiert – und sie bleiben offen genug, um Ungewissheit nicht zu bekämpfen, sondern mit ihr zu arbeiten.

Auch das Zusammenspiel mit den Illustrationen zielt weniger auf Dekoration als auf Spiegelung. Die Bilder stammen von dem Künstler Marcus Blackwell aus Columbus, der seinerzeit ein ähnliches Prinzip betonte: Man müsse sich fragen, was emotional, körperlich und geistig in einem selbst vorgeht, wie man sich in der Welt fühlt – und wie man das Verhältnis zur eigenen Rolle darin beschreibt. In Damrons Versen wird dieser Gedanke in poetische Akte übersetzt. So steht „Into the New“ für das Durchmessen des eigenen Weges, etwa mit der Formulierung von „37 mini lifetimes“ – ein Bild für viele kleine Übergänge, die sich wie Lebensläufe aneinanderreihen, ohne je vollständig linear zu sein. „Relinquishing Control“ wiederum setzt den Gegenpol: Damron lässt die Verfolgung von Perfektion hinter sich und beschreibt, wie sie „mercy“ in ein „messy“ überführt, also Barmherzigkeit und Großzügigkeit gerade dort zulässt, wo das Leben unordentlich bleibt.

Damit rückt die Natur als zweite große Sprache ins Zentrum – nicht als Kulisse, sondern als allegorisches Modell. Damron verbindet dabei persönliche Lernprozesse mit Ratschlägen, die sie von ihrer Mutter aufgreift: Die Mutter ist Gärtnerin und erinnert sie daran, dass Natur asymmetrisch ist und Unvollkommenheiten überall vorkommen; es sei okay. Solche Sätze funktionieren in der Sammlung als pädagogische Metapher: Wenn die Umgebung zeigt, dass Gleichförmigkeit selten ist, wirkt die eigene Unruhe weniger wie ein Defekt. Entsprechend nehmen Naturmotive zu – vom Wandern durch verschneite Höhenlagen („Six Miles & 3.5 Hours“) bis hin zu Bildern des Gleitens über aufwühlenden Meeren („The Abyss Unknown“). Auch Klang wird Teil des poetischen Trainings: In „Small Gifts“ legt sich das Geräusch des Regens über den Hintergrund eines sporadischen Donners.

Technisch betrachtet – allerdings im übertragenen Sinn – folgt Damrons Ansatz einer Art „kognitiver Modellierung“: Sie macht Erfahrungen zu Kategorien, ohne sie zu vereinfachen. Natur dient dabei als Diagrammfläche für Gefühle, die sich sonst schwer fassen lassen. Zusätzlich spielt die Pandemie eine Rolle, nicht als Schlagwort, sondern als Strukturfaktor für den Alltag: mehr Zeit in Solitude, mehr Stillstand, aber dadurch auch ein stärkeres Verlangen nach Bewegung und Reisen. Damron beschreibt, dass sie in dem Buch bemerkt habe, wie sie mehr Reise sehne, weil sie während der Pandemie stationär sein musste. Das schlägt sich in Texten nieder, in denen das Bedürfnis nach Abenteuer wie ein Ruf wirkt – „Great mountains calling me from afar“ – und zugleich die Idee verankert wird, dass detours nicht nur unvermeidlich sind, sondern sogar willkommen.

Für Leserinnen und Leser, die chronische Erkrankungen und Neuorientierung aus eigener Erfahrung kennen, liegt die Stärke des Buches weniger in einer „Botschaft“ als in seiner Haltung: Unsicherheit wird akzeptiert, und der Weg wird als Verzweigung gedacht. Damron beschreibt den Kern als Prozess, in dem man beim Gehen hin zu dem, was man sich wünscht, natürlich in andere Richtungen abzweigt und umkehrt, weil sich das Leben anders entwickelt, als das eigene Planungsdenken vorgibt. Gerade diese Perspektive ist anschlussfähig für den Alltag von Menschen, die gerade dabei sind, Selbstmanagement neu zu lernen: Nicht das starre Abarbeiten eines Plans hilft dauerhaft, sondern die Fähigkeit, den eigenen Standort zu überprüfen und dennoch weiterzugehen, auch wenn der nächste Schritt nicht exakt vorhersehbar ist.

„Sift Me Through“ bleibt dabei eindeutig literarisch, aber es hinterlässt eine praktische Nachwirkung. Wer das Buch aufschlägt, wird nicht nur Zeilen lesen, sondern sich beim Lesen selbst beobachten: Wie gehe ich mit Diagnosen um? Wann halte ich an einem Perfektionsanspruch fest, der mich lähmt? Wo erlaube ich mir, unordentliche Wirklichkeit als Teil des Ganzen zu sehen? Damrons Antworten sind keine medizinischen Ratschläge und keine Heilsversprechen; sie sind eine nachvollziehbare Form von Klarheit, die aus Verarbeitung entsteht. Damit zeigt die Sammlung auch, wie Erzählungen funktionieren können, wenn das Gehirn nach Verletzungen und Krankheiten lange Zeit mit neuen Grenzen leben muss – und wie Naturbilder dabei helfen, dieses Grenzenlernen nicht nur zu ertragen, sondern in Bedeutung zu übersetzen.


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