LONDON (IT BOLTWISE) – Diversifikation wirkt besonders dann, wenn Korrelationen zwischen Anlageklassen moderat bleiben. In Abschwüngen steigen die Korrelationen laut einer Studie im Journal of Finance oft deutlich an, in Aufschwüngen jedoch weniger stark. Das erhöht das Risiko gleichzeitiger Verluste über mehrere Bausteine hinweg. Für das Risikomanagement heißt das: Historische Durchschnittswerte reichen in Extremphasen nicht aus.

Portfoliotheorie an der Grenze: Warum Diversifikation in Krisen versagen kann
Portfoliotheorie an der Grenze: Warum Diversifikation in Krisen versagen kann (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Kern der klassischen Portfoliotheorie klingt zunächst beruhigend: Diversifikation soll verhindern, dass alle Teile eines Portfolios gleichzeitig an Wert verlieren. Die praktische Frage lautet aber, wann genau diese Annahme trägt. Im Zentrum steht dabei die Korrelation, also die Kennzahl dafür, wie stark sich zwei Märkte oder Anlageklassen gemeinsam bewegen. Ein Wert nahe null steht für weitgehend unabhängige Kursbewegungen, ein Wert nahe eins für ein gleichgerichtetes Verhalten – und genau diese Stabilität erwartet man in normalen Marktphasen typischerweise aus einer Mischung verschiedener Regionen, Sektoren oder Anlageklassen.

Doch in Krisensituationen kippt die Logik häufig an einer Stelle, die viele Modelle zu optimistisch behandeln: den sogenannten Tail-Events. Als Tail-Events bezeichnet man Ereignisse, die am Rand der statistischen Wahrscheinlichkeitsverteilung liegen – damit dort, wo Extrembewegungen auftreten, die im Alltag scheinbar selten sind. In einer im Journal of Finance veröffentlichten Analyse untersuchten die Finanzökonomen François Longin und Bruno Solnik mit Monatsdaten über fast vier Jahrzehnte die Korrelationsstruktur internationaler Aktienmärkte. Ihr Ergebnis ist für das Risikomanagement besonders relevant: Die Korrelation zwischen großen Aktienmärkten steigt in Abschwungphasen deutlich an, aber nicht in Aufschwungphasen. Während sich die Gleichlaufwerte bei stark positiven Renditen auf einem niedrigen Niveau halten und sogar gegen null tendieren, verhält es sich bei stark negativen Renditen gerade umgekehrt: Je ausgeprägter der Kursrückgang, desto enger werden die Märkte.

Technisch entsteht daraus ein unschöner Effekt für die Annahme, dass Diversifikation auch in schweren Krisen schützt. Die Korrelationen bleiben nicht einfach als stabile Größe „im Hintergrund“, sondern verschieben sich entlang des Marktregimes. Longin und Solnik argumentieren zudem, dass viele Standardmodelle der Portfoliotheorie eine multivariate Normalverteilung voraussetzen, also eine Glockenkurve für Renditen. Daraus folgt die Erwartung, dass extreme gemeinsame Verluste statistisch selten sind. Für die negativen Extrembereiche der Verteilung wird diese Annahme jedoch nach den Ergebnissen der Studie statistisch klar abgelehnt: Die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere große Märkte gleichzeitig stark einbrechen, ist demnach erheblich größer als Normalverteilungsmodelle vorhersagen würden. Das bedeutet in der Konsequenz weniger „geringes Überraschungsrisiko“, sondern eher eine systematische Unterschätzung des gleichzeitigen Downside.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) liefert in ihrer Analyse einen wichtigen Hinweis für die Modellpraxis: Korrelationen können sich verschieben, wenn sich das wirtschaftliche Umfeld grundlegend verändert. Damit wird eine zweite Schwachstelle sichtbar, die über die Verteilungsannahme hinausgeht. Wer das Risikomanagement ausschließlich auf historischen Durchschnittskorrelationen aufbaut, unterschätzt nicht nur seltene Extremereignisse, sondern vor allem das Verlustpotenzial in genau den Phasen, in denen es zählt. Der kritische Punkt ist dabei nicht „Volatilität“ als Zahl, sondern die Richtung des Marktes – also ob wir uns in einem Regime mit steigender Wahrscheinlichkeit für gleichgerichtete Verluste bewegen.

Für Anleger wird das konkret an der Diskrepanz zwischen Modellwelt und gelebter Portfolioentwicklung. Ein Portfolio, das in ruhigen Phasen gut diversifiziert wirkt, kann in einem schweren Bärenmarkt plötzlich stark konzentriert reagieren, weil sich die Bestandteile synchronisieren. Morningstar-Analyst Ali Masarwah weist dabei auf eine zusätzliche Dimension hin: Es reicht nicht, nur auf die Korrelationen zu schauen; auch die Renditeniveaus der einzelnen Anlageklassen sollten in die Bewertung einfließen. Ohne diese Kontextschicht können Korrelationskennzahlen einen falschen Eindruck vermitteln. In der Praxis helfen daher ergänzende Ansätze, die das Verhalten in Extremszenarien ausdrücklich berücksichtigen, etwa Stresstests oder Modellierungen, die auf der Extremwerttheorie beruhen, um das Risiko im „Tail“ besser abzubilden. Das Grundmuster bleibt aber hart: Der Schutz durch Streuung setzt genau dann aus, wenn er am dringendsten gebraucht wird.

Gerade für Unternehmen, die ihre Kapitalallokation, Treasury-Prozesse oder Pensions- und Deckungsportfolios steuern, ergibt sich daraus ein klarer Arbeitsauftrag. Portfoliobau und Risikomessung müssen so zusammenspielen, dass sie nicht nur Stabilität in Normalphasen, sondern auch Bruchkanten in Stressregimen abbilden. Das heißt: Annahmen über Verteilungen, Korrelationen und Marktregime sollten überprüfbar und aktualisierbar sein – und zwar nicht erst nach der nächsten Krise. Wer dafür sorgt, dass Risikokennzahlen wie erwartete Verluste oder Szenario-Volatilitäten auch für negative Extrembereiche plausibel kalibriert werden, reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Diversifikation in der falschen Phase zur trügerischen „Beruhigungsstrategie“ wird. Damit wird aus einer reinen Kennzahlen-Optimierung ein belastbareres Risikomanagement über mehrere Marktregimes hinweg.


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