LONDON (IT BOLTWISE) – Postman führt mit Passport eine Sicherheitslösung ein, die API-Keys für KI-Agenten durch zertifikatsbasierte Zugriffskontrolle ersetzt. Statt geheime Schlüssel in Agenten-Code oder über das Netzwerk zu übertragen, bleiben die echten Credentials in einem sicheren Vault und werden per Credential References erst bei der Anfrage bereitgestellt. Das reduziert Leckrisiken und unterstützt temporäre, aufgabenbezogene Rechte für agentische Workflows. In einer Woche mit weiteren Identity- und Security-Ankündigungen rückt damit besonders das Zero-Trust-Pattern in den Fokus.

Postman adressiert ein Problem, das sich bei KI-Agenten noch verschärft: APIs werden nicht nur von Menschen genutzt, sondern laufen zunehmend autonom über Software-„Mitglieder“ in Workflows. Das klassische Sicherheitsmodell rund um API-Keys passt dabei oft schlecht, weil Schlüssel häufig verteilt werden, in Repositories auftauchen oder in lokalen Umgebungen mehrfach dupliziert sind. Berichten zufolge liegen sensible Keys auf einem Rechner im Schnitt an acht verschiedenen Orten – und genau diese unkontrollierte Verteilung macht sie für Angriffe attraktiv. Mit Passport setzt der API-Spezialist daher auf einen Wechsel von rohen Secrets hin zu zertifikatsbasierter Zugriffskontrolle.
Der Kern des Ansatzes ist weniger die Idee „Zertifikate statt Keys“, sondern die Umsetzung entlang des Anfragepfads. Postman Passport nutzt individuelle Zertifikate und sogenannte Credential References: Die echten API-Keys verlassen dabei nie den sicheren Vault. Stattdessen steht ein Secure Access Proxy bereit, der in der virtuellen Privat-Cloud (VPC) des Kunden läuft. Wenn ein KI-Agent eine API anfordert, löst dieser Proxy die Credential References erst im Moment der Anfrage in die benötigten Zugangsdaten auf. Dadurch bleiben private Schlüssel beim Kunden oder in dessen sicherer Infrastruktur – sie werden nicht über das Netz übertragen und nicht in Agenten-Code gespeichert.
Technisch verknüpft Passport zwei Welten: Identity- und Access-Management auf der einen Seite und agentische Ausführung auf der anderen. Da KI-Agenten laut den vorliegenden Zahlen tausendmal häufiger auf APIs zugreifen als menschliche Entwickler, wird „Access“ nicht nur zu einem einmaligen Login-Problem, sondern zu einer dauerhaften Stromleitung aus feingranularen Requests. Passport unterstützt sowohl dauerhafte als auch ephemere Identitäten. Für Organisationen bedeutet das, dass Agenten temporäre, eingeschränkte Rechte für konkrete Aufgaben erhalten können, statt pauschale Berechtigungen dauerhaft im System zu hinterlegen. Das ist eine direkte Umsetzung des Least-Privilege-Prinzips auf den typischen Agenten-Run.
Der Schritt passt in einen breiteren Markttrend: Spezialisierte Verwaltung für nicht-menschliche Identitäten (NHIs) gewinnt an Bedeutung, weil Angriffe sich nicht mehr nur gegen Personen, sondern gegen Maschinen- und KI-Logins richten. Gartner schätzt, dass bis 2025 rund 75 Prozent der Sicherheitsvorfälle auf unzureichendes Management von Identitäten zurückgehen – inklusive solcher, die von Maschinen und KI erzeugt werden. In derselben Woche treibt die Konkurrenz diese Richtung ebenfalls voran: Vercel stellte auf der Ship-Konferenz eine „Passport“-Identitätsschicht vor, die KI-Agenten mit etablierten IAM-Systemen wie Microsoft Entra und Okta verbindet. Okta erweiterte zugleich sein Cross App Access (XAA)-Ökosystem um mehr als 25 Integrationen, während Cloudflare selbstverwaltete OAuth-Funktionen einführte, die delegierten API-Zugriff mit besseren Widerrufs- und Sicherheitskontrollen ermöglichen.
Marktlich ist dabei entscheidend, dass es nicht beim UI-Wechsel bleibt. Die neuen Identity-Patterns müssen im Betrieb funktionieren: Sie sollen die Angriffsfläche senken, ohne die Entwicklerproduktivität zu bremsen. Gerade im CI/CD-Umfeld und bei dynamischen Agenten-Deployments ist das heikel, denn Token- und Key-Handling wird schnell zur Ursache für „Shadow-Security“, wenn Teams Freigaben pragmatisch umsetzen. Postmans Proxy-basierter Ansatz zielt darauf, den Secret-Zugriff zentral zu kontrollieren, während die Agenten nur Referenzen und Zertifikatskontexte besitzen. In der Praxis reduziert das die Wahrscheinlichkeit, dass ein Leak über Code-Backups, Logs oder ungesicherte Laufzeitumgebungen eskaliert.
Die Dringlichkeit wird durch die Geschwindigkeit moderner Angriffe unterstrichen. Auf der Zscaler Zenith Live-Konferenz warnten Sicherheitsexperten, dass die mittlere Zeit bis zur Ausnutzung einer neu entdeckten Schwachstelle im Jahr 2026 weniger als einen Tag beträgt – gegenüber 23 Tagen in den Vorjahren. Gleichzeitig empfiehlt die Cloud Security Alliance Zero-Trust-Architekturen und kontinuierliche Verifizierung für alle KI-gesteuerten Interaktionen. Passport folgt diesem Gedanken konkret über die „on-demand“-Auflösung der Credential References: Der Zugriff wird zwar vorbereitet, aber erst zur Laufzeit minimalisiert. Genau hier treffen Security-Strategie und technische Implementierung aufeinander.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein klarer Handlungsrahmen: Agenten sollten nicht pauschal „zurechtgerückt“ werden, sondern pro Workflow-Schritt mit den minimal nötigen Rechten ausgestattet sein. Passport macht dieses Modell anschlussfähig, weil es Zertifikate und temporäre Identitäten in einen kontrollierten Datenpfad bringt, statt Secrets zu verbreiten. Ergänzend sollte Security- und Compliance-seitig geprüft werden, wie die Vault-Logik und der Secure Access Proxy in bestehende Richtlinien zu Datenaufbewahrung, Schlüsselrotation und Zugriffsaudits eingebettet sind. Wenn Identity-Management für NHIs in den nächsten Monaten stärker reguliert oder von Prüfungen abgedeckt wird, ist der Proxy-/Vault-Ansatz ein relativ robuster Baukasten – und zugleich ein Signal, dass Zero Trust bei KI-Operationen vom Konzept in die Infrastruktur wandert.
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