LONDON (IT BOLTWISE) – Promus Ventures setzt beim Investment in Deep Tech vor allem auf Differenzierung, langfristige Produktqualität und messbare Wertschöpfung über mehrere Ebenen der Technologie-Stack ab. Im Interview erläutert Sam Collett, wie er bei frühen Teams auf „Durability“ statt auf kurzfristige Kennzahlen schaut. Gleichzeitig warnt er vor einer überfüllten Landschaft bei vertikaler KI und betont, dass Vertrauen und Distribution oft langsamer wachsen als die Technologie selbst. Für Gründer ergibt sich daraus eine klare Frage: Wann skalieren Venture-Capital-Gelder den Weg zur Marktreife – und wann verbrennen sie den Fokus.

Promus Ventures im Gespräch: Wie Deep-Tech-Startups eine echte Burg bauen
Promus Ventures im Gespräch: Wie Deep-Tech-Startups eine echte Burg bauen (Foto: IT BOLTWISE)
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Promus Ventures geht in der frühen Phase nicht primär auf Umsatzmultiples, sondern auf die Frage, ob aus einem technischen Ansatz eine dauerhaft verteidigbare Position wird. Sam Collett, Investment Associate bei der Deep-Tech-orientierten VC, verbindet sein eigenes Investment-Narrativ mit einem sehr praxisnahen Screening: Entscheidend sei, ob sich Differenzierung in einen echten „Moat“ übersetzen lässt. In seiner Argumentation taucht dabei ein wiederkehrendes Muster auf: Unternehmen gewinnen nicht nur durch eine bessere Einzelkomponente, sondern dadurch, dass sie Wertschöpfung durch mehrere Stufen der Wertschöpfungskette ziehen – und damit Austauschbarkeit reduzieren.

Technisch betrachtet führt Collett das an Beispielen vor, die das Prinzip „End-to-End als Wettbewerbsvorteil“ illustrieren. Rocket Lab wird dabei als Fallstudie genannt: Das Unternehmen habe zunächst über Komponentenfertigung, Startdienste und Raketen bereits eine integrierte Basis geschaffen und baue den Moat nun durch Zukauf in Richtung Kommunikationsschicht aus. Der strategische Effekt liegt weniger im einzelnen Deal als in der kumulativen Architektur: Je stärker eine Firma Prozesse, Schnittstellen und Produktionspfade integriert, desto schwieriger wird es für Wettbewerber, nur mit Technologie „nachzubauen“ und sofort die gleiche Kosten- oder Leistungsstruktur zu erreichen. Genau darauf zielt seine Einschätzung zu Skaleneffekten.

Im Marktvergleich wird deutlich, warum er bei frühen Setups zwischen Venture Capital und Private Equity trennt. Er beschreibt Private Equity insbesondere im LBO-Kontext als stark quantitativen Maschinenraum: interne Renditezielvorgaben, Zeitfenster für Exit und ein mechanistisches „Lever“-Management. Venture dagegen sei stärker auf qualitative Signale ausgerichtet – vor allem in der Seed- bis Frühphase, in der TAM-Modelle und erste Umsätze oft zu grob sind. Colletts Perspektive entspricht damit einem üblichen VC-Risikoapparat: Man investiert in Team- und Visionstauglichkeit, aber versucht die Unsicherheit über harte Hinweise auf Differenzierung zu reduzieren. Das führt auch zur Frage nach den „Green Flags“.

Für die Bewertung nutzt er eine Art Heuristik, die sich an Hamilton Helmers „Seven Powers“ anlehnt: etwa Cornered Resources, Switching Costs, Scale und Network Economies sowie Brand, Prozessstärke und Counter-Positioning. In Deep Tech verortet er besonders „Cornered Resources“ als Hebel, also seltene technologische Voraussetzungen, die andere nicht schnell kopieren können. Daneben nennt er regulatorische oder vertragliche Zugriffsmöglichkeiten, etwa in Verteidigungs- oder Raumfahrtbereichen – sofern ein Unternehmen über bestimmte Verträge oder Marktregeln eine strukturelle Stellung erreicht. Ebenso wichtig seien Scale Economies: Wer eine Fertigungskette wirklich durchgängig integriert, kann Margen an mehreren Stellen reduzieren und dem Kunden langfristig bessere Gesamtkosten liefern.

Auch die „Red Flags“ adressiert er mit Blick auf Teamqualität und Informationskultur. Sein Fokus liegt auf intellektueller Redlichkeit: Gründer sollten Schwächen benennen, Fehler akzeptieren und transparent machen, was sie nicht wissen. In seiner Logik sind schlechte Teams häufig dort zu finden, wo das Narrativ absolutistisch wird – „keine Schwächen“, „niemals ein Irrtum“. Das klingt psychologisch, ist aber inhaltlich relevant, weil es die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Unternehmen Hypothesen über Produkt, Marktzugang und technische Machbarkeit rechtzeitig korrigiert. Gerade in stark regulierten Anwendungsfeldern wird diese Fähigkeit zur Lernkurve schnell zum wirtschaftlichen Faktor, nicht nur zum Kulturthema.

Bei Trends innerhalb der frühen Deep-Tech- und KI-Welle wirkt Collett gleichzeitig optimistisch und selektiv. Er berichtet von einem intensiven Blick auf „Vertical AI“: Plattformen, die Workflows für genau eine Branche bündeln, etwa für Zahnärzte, Recht oder Restaurants. Die große Chance liegt in der klareren Problemdefinition und potenziell besseren Produktbindung. Gleichzeitig sieht er ein strukturelles Problem: Die Auswahl innerhalb eines VC-Fonds sei schwer, weil der Markt überfüllt ist. Er nennt als Beobachtung, dass bei einem Y-Combinator-Event etwa ein Drittel des Batch Richtung vertikale KI ging. Das Ergebnis sind viele reale Produkte, aber ein schneller Kampf um Aufmerksamkeit und Distribution.

Der Punkt „Moat entsteht mit der Zeit“ erklärt auch, warum die Distribution oft zum Engpass wird. Collett betont, dass das Produkt erst dann deutlich besser wird, wenn echte Kunden es nutzen und Feedback sowie Daten zurückfließen. Vertrauen dagegen – besonders in Medizin, Recht oder Finanzen – baut sich nicht über Nacht auf, sondern durch wiederholbare Compliance, verlässliche Ergebnisse und auditierbare Abläufe. Daraus leitet er ab, dass die Gewinner diejenigen sein werden, die sofortigen Nutzen liefern und zugleich die schnellste Distribution erreichen. In der Praxis führt das zu einem heiklen Trade-off: Technikgeschwindigkeit allein reicht nicht; Go-to-Market-Geschwindigkeit und regulatorische Robustheit werden zur Wettbewerbsdimension.

Für Gründer ergibt sich daraus eine konkrete Timing-Frage zum Kapitalbedarf. Collett rät in Plattform- bzw. Application-Layer-AI-Ansätzen dazu, Venture Capital dann als sinnvollen Beschleuniger zu sehen, wenn der Markterfolg stark davon abhängt, „so schnell wie möglich“ in den Vertrieb zu gehen oder erhebliche Vorabkosten über Kapital zu finanzieren – etwa für Training proprietärer Modelle oder für den Aufbau der initialen Infrastruktur. In frühen Phasen kann VC dann helfen, die Lern- und Skalierungszyklen zu überbrücken. Umgekehrt sollten Teams prüfen, ob sie mit zu viel Kapital zu früh in eine Wachstumsillusion geraten und dadurch den Aufbau von Vertrauen, Datenqualität und sicheren Betriebsprozessen verzögern. Für die Roadmap heißt das: erst verteidigbare Differenzierung liefern, dann skalieren.


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