SAN DIEGO / LONDON (IT BOLTWISE) – Die PSYONIC-Ability-Hand, ursprünglich für Prothesen entwickelt, wandert in die Robotik: In einer Partnerschaft mit ABB Robotics soll sie Roboterarme für feinfühlige Montageprozesse trainieren. Das zentrale Versprechen liegt in der taktilen Sensorik und in Bewegungsdaten, die sich sozusagen „one-to-one“ auf Roboter übertragen lassen. Damit adressiert das Startup zugleich den Mangel an Fachkräften in industriellen Werkstätten, etwa in der Automobilfertigung und in Lager- und Logistikbereichen. Für die Industrie ist die Verbindung aus Biomechatronik und Robot Learning ein schnellerer Weg zu mehr Flexibilität bei unregelmäßigen Bauteilen.

PSYONIC koppelt bionische Ability-Hands an ABB-Roboter für präzise Fertigung
PSYONIC koppelt bionische Ability-Hands an ABB-Roboter für präzise Fertigung (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf den ersten Blick wirkt die Idee fast wie Sci-Fi: Eine bionische Hand, die amputierten Menschen Bewegung und sogar ein taktiles Rückmeldungsgefühl geben soll, wird nun dafür eingesetzt, Roboterarme an komplexe Fertigungsaufgaben heranzuführen. Genau diese Brücke schlägt PSYONIC aus dem Raum San Diego – und nutzt dabei ein Robotics-Schwergewicht als Partner. Die Kooperation mit ABB Robotics zielt darauf, dem Roboter die nötige Dexterität für heikle Montageprozesse beizubringen, bei denen Bauteile nicht perfekt gleichförmig sind. Für Industrieunternehmen ist das vor allem deshalb relevant, weil Präzisionsarbeit bislang stark an manuelle Erfahrung gebunden blieb.

PSYONICs Ausgangspunkt ist die Ability Hand, die 2015 als Prothesenprojekt gestartet wurde und seitdem kontinuierlich erweitert werden soll. Technisch liegt der Kern in einer Kombination aus präziser Aktorik und Sensorik: Die Hand kann auf Muskelsteuerung des Nutzers reagieren und liefert darüber hinaus taktile Rückmeldungen. Dazu gehören Touch-Sensoren, die beim Kontakt eine Vibrationswahrnehmung auf der Haut auslösen. Für den Transfer in die Robotik ist besonders entscheidend, dass sich Bewegungen und Interaktionen in verwertbare Signale übersetzen lassen. Damit wird die Hand weniger nur zum Greifwerkzeug, sondern zum Datenträger für das Training.

In der Fabrik verändert sich dadurch der Charakter des Trainings: Statt ausschließlich mit starren Greifern oder klassischen Kraft-/Positionsreglern zu arbeiten, erhält der Roboter eine Art „unterrichteten“ Verhaltensraum. DiMassi, selbst Nutzer der Ability-Hand und heute beim Unternehmen im Marketing aktiv, beschreibt den praktischen Ansatz: Er kann mit der Prothese zum Beispiel ein Werkzeug betätigen und gleichzeitig Bewegungsdaten so erfassen lassen, dass die Roboterhand den Vorgang später in einem passenden Ablauf nachahmt. Wenn diese Übertragung tatsächlich zuverlässig „one-to-one“ funktioniert, reduziert das die Lücke zwischen menschlicher Feinmotorik und robotischer Ausführung. Das ist ein wichtiger Unterschied zu vielen generischen Roboter-Setups, die oft lange nachjustiert werden müssen.

Der Marktkontext verschärft die Dringlichkeit. In vielen Branchen – von der Automobilindustrie bis zu Industrie-Lagern – steigen die Anforderungen an Variantenvielfalt, während gleichzeitig Arbeitskräfte fehlen. Branchenexperten betonen seit Jahren, dass Automatisierung zwar möglich ist, aber häufig an den letzten Zentimetern scheitert: an unregelmäßigen Teilen, an Toleranzen, an Materialwechseln und an wechselnden Geometrien. PSYONIC positioniert sich mit dem ABB-Partner dabei gegen eine reinen „Pick-and-place“-Logik. ABB selbst steht in direkter Nachbarschaft zu Wettbewerbern wie FANUC oder KUKA, die ihrerseits stark auf industrielle Robotik, Bahnsteuerung und Robot Learning setzen. Die Frage ist nicht, ob Roboter schneller werden, sondern ob sie verlässlich in „unordentlichen“ Szenarien handeln können.

Technisch bewegt sich das Projekt im Grenzbereich zwischen klassischer Robotik und KI-gestütztem Lernen. Auch ohne dass das in der Meldung im Detail ausgeführt wird, ist die Richtung klar: Bewegungs- und Interaktionsdaten müssen in eine geeignete Steuerungs- und Validierungslogik fließen. Dabei geht es typischerweise um Modellierung von Kinematik, Timing und Kontaktbedingungen, ergänzt um Feedback-Schleifen für „sicheres Greifen“ und für die Qualität der Montage. Der historische Vergleich macht den Reiz deutlich: Frühe Industrieautomation verwendete überwiegend einfache Endeffektoren und parametrische Programme. Neuere Ansätze setzen stärker auf adaptives Verhalten, etwa durch Sensorik und Lernverfahren. PSYONICs Ansatz ist dabei bemerkenswert, weil er ein biologisch inspiriertes Sensorkonzept nutzt, um die Datenbasis für Roboter zu erweitern.

Für Enterprise-Anwender stellt sich zugleich eine Sicherheits- und Compliance-Frage, die in der Robotik oft unterschätzt wird. Prothesen- und Medizintechnikdaten sind sensibel, und bei einer Ausweitung in industrielle Trainingsketten entstehen neue Anforderungen: Wie werden Trainingsdaten gespeichert, wer greift darauf zu und wie wird verhindert, dass Informationen aus dem Gesundheitskontext in Produktionssysteme „durchrutschen“? Hinzu kommt der Datenschutz in Kombination mit der häufig notwendigen Fernwartung. Unternehmen, die so eine Lösung pilotieren, sollten daher von Anfang an klären, welche Datenkategorien erzeugt werden, ob sie für Training und Debugging persistiert werden, und wie Zugriffsrechte entlang der Supply Chain organisiert sind. Gerade in Deutschland und Europa gewinnt das unter dem Blickwinkel von Datenschutz und IT-Sicherheitsanforderungen weiter an Gewicht.

In Zahlen wirkt das Startup inzwischen deutlich reifer: PSYONIC ist von rund sieben Mitarbeitenden vor etwa drei Jahren auf etwa 50 gewachsen und will in den nächsten 18 Monaten nahezu auf das Dreifache zulegen. Gleichzeitig heißt es, dass die Technologie bereits bei rund 90 Organisationen eingesetzt wird, darunter Unternehmen wie Google sowie Einrichtungen wie NASA. Zwar sind diese Angaben nicht gleichzusetzen mit „Breiteneinführung“ in Fabriken, sie zeigen aber, dass die Fähigkeit zur Produktisierung und Skalierung vorhanden sein könnte. Für die Konkurrenz bedeutet das: Wer Fertigungsrobotik bislang primär als Hardware-Problem gesehen hat, muss stärker in Sensorik, Datenerfassung und Trainingsprozesse investieren – und damit auch in MLOps- bzw. Engineering-Disziplinen rund um Deployments.

Der Ausblick richtet sich auf die nächste Generation – und zwar wieder aus dem Medizinbereich zurück in die Robotik. Laut Akhtar arbeitet PSYONIC im Rahmen eines US-Militärstipendiums mit UC San Diego und dem Naval Medical Center San Diego an Prothesen, die direkter mit Muskeln, Knochen und Nerven gekoppelt werden sollen. Die technische Konsequenz wäre eine feinere Steuerung einzelner Finger und eine taktile Wahrnehmung, die sich näher am „fehlenden“ Originalgefühl anfühlt. Übertragen auf Roboter könnte das bedeuten, dass künftig noch präzisere Kontakt- und Bewegungsprofile verfügbar werden – etwa für Arbeiten, die bisher als zu riskant galten. Für Entwickler ist das eine Einladung, Roboter-Training stärker als Feedback- und Datensystem zu betrachten: Wenn die Sensorik besser wird, wird auch das Lernen in neuen Szenarien schneller.


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