AUSTRIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie an 157 Studierenden zeigt einen Zusammenhang zwischen Pulsvariabilität und der Art kreativer Ideen. Niedrige Herzratenvariabilität geht dabei mit mehr Originalität in verbalen Einfällen einher, während hohe Werte visuelle oder figürliche Ideen begünstigen. Gemessen wurden die Körperwerte über fünf Tage per tragbarem EKG direkt vor Aufgaben, die 12-mal täglich gestellt wurden. Gleichzeitig machen die Forschenden klar, dass die Beobachtung im Alltag Ursache und Wirkung nicht beweist.

Die Frage, wann ein Mensch besonders gute Ideen entwickelt, wird in der KI- und Produktwelt gern als Trainings- oder Toolproblem behandelt. Dass der Körperzustand dabei eine Rolle spielen kann, rückt eine Studie aus dem Umfeld der Kreativitätsforschung in den Fokus: Sie verknüpft die Herzratenvariabilität – also die kleinen zeitlichen Schwankungen zwischen zwei Herzschlägen – mit der Originalität kreativer Ergebnisse und unterscheidet dabei explizit zwischen verbalen und visuellen Aufgaben.
Technisch betrachtet hängt die Herzratenvariabilität mit dem autonomen Nervensystem zusammen. Dieses reguliert unter anderem Herzfrequenz, Atmung und Stressreaktionen, wobei höhere Herzratenvariabilität häufig als Hinweis auf eine stärkere Aktivität in einem „erholen und verdauen“-Modus interpretiert wird. Häufig wird dabei eine Form der Herzratenvariabilität genutzt, die über vagale Mechanismen (vagally mediated heart rate variability) als indirektes Signal für den Regulationszustand des Körpers dient – und damit für die Art, wie das Gehirn offenbar gerade „Input“ aus der physiologischen Lage verarbeitet.
Die Datengrundlage stammt von Christian Rominger und Kolleginnen und Kollegen (Universität Graz in Österreich). In die Untersuchung gingen 157 Studierende ein, im Schnitt etwa 23 Jahre alt; 103 von ihnen waren Frauen. Über fünf Tage trugen die Teilnehmenden ein tragbares EKG und arbeiteten mehrmals am Tag an Kreativaufgaben. Genau 12-mal täglich wurden sie aufgefordert, entweder eine verbale oder eine figürliche Aufgabe zu erledigen: Für die verbale Kreativität sollten sie ungewöhnliche Nutzungsarten alltäglicher Gegenstände finden, für die figürliche Kreativität wurden Zeichnungen aus abstrakten Formen verlangt. Für jede Aufgabe wurde die Herzratenvariabilität in einem Fünf-Minuten-Fenster davor erfasst und die entstandenen Ideen anschließend nach Originalität bewertet.
In den insgesamt 6.930 gültigen Herzratenmessungen zeigte sich ein bemerkenswert differenziertes Muster: Der Zusammenhang zwischen Herzratenvariabilität und Kreativität hing vom Aufgabentyp ab. Bei verbalen Aufgaben war eine niedrigere Herzratenvariabilität mit höherer Originalität verbunden. Umgekehrt gingen bei figürlichen Aufgaben höhere Herzratenvariabilitätswerte mit mehr Originalität einher. Besonders deutlich wurde diese Wechselwirkung, wenn die Herzratenvariabilität niedrig war: In diesen Momenten schnitten verbale Ideen im Mittel besser ab als figürliche. Wenn die Werte hoch waren, verschwand der statistische Unterschied zwischen beiden Kreativformen.
Wichtig ist dabei, wie robust das Ergebnis bleibt: Nach Anpassungen für Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index, körperliche Aktivität, Körperposition und die Herzfrequenz zeigte sich die Grundbeziehung weiterhin. Auch der Kontext spielte hinein; Ideen, die zu Hause entstanden, waren im Mittel origineller als Ideen aus anderen Umgebungen. Zusätzlich beobachteten die Forschenden einen positiven Zusammenhang zwischen Nikotinkonsum und Originalität, wobei das Ergebnis auf nur 417 Aufforderungen basiert und daher als vorsichtig zu behandeln ist. Interpretativ leiten Rominger und sein Team daraus ab, dass unterschiedliche Formen von Kreativität von unterschiedlichen physiologischen Zuständen profitieren könnten – etwa weil verbale Originalität eher mit stärkerer Wachheit oder Annäherungsmotivation zusammenhängt, während figürliche Kreativität mehr von Ruhe, Imagination und der Fähigkeit, Bewegungen oder Bilder im Kopf zu visualisieren, zu profitieren scheint.
Gleichzeitig gibt es eine zentrale methodische Grenze, die in solchen ambulanten Designs schnell übersehen wird: Die Studie beobachtete Menschen im Alltag, ohne die physiologische Lage gezielt zu verändern. Damit kann sie nicht zeigen, dass Herzratenvariabilität Kreativität „steuert“. Stress, Persönlichkeit, Bewegung, Umgebungseffekte und andere nicht erfasste Faktoren könnten sowohl die Herzratenvariabilität als auch die Kreativität beeinflussen. Außerdem bleibt die Generalisierbarkeit eingeschränkt, weil die Teilnehmenden junge Studierende waren. Der wissenschaftliche Wert liegt vor allem in der realitätsnahen Messung: Die Kombination aus mehrtägigem EKG, wiederholten Aufgaben über den Tag hinweg und der Trennung in verbale versus figürliche Kreativität liefert einen belastbaren Hinweis, wie stark der Körperzustand in den kreativen Prozess hineinwirken kann.
Für Unternehmen mit Fokus auf KI-gestützte Kreativprozesse, etwa bei Content-Produktion oder Ideation-Workflows, ist das weniger eine „Personal-Hack“-Geschichte, sondern ein Designhinweis. Wenn Kreativität nicht nur vom Mindset, sondern auch von physiologischen Zuständen abhängt, gewinnen flexible Arbeitsfenster, kurze Aktivierungs- und Entspannungsroutinen sowie die Möglichkeit, Aufgaben nach Energie- und Konzentrationslage zu routen, an Relevanz. Die Ergebnisse ersetzen keine Trainingsprogramme – sie ergänzen sie um eine messbare Ebene der Vorbereitung. Die Studie „It Is Heart to Be Creative: Insights From Ambulatory Monitoring“ ist entsprechend als Modellierungshilfe im ambulanten Kontext zu lesen, nicht als Kausalbeweis.
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