WALL STREET / LONDON (IT BOLTWISE) – Gartner erwartet bis 2030 eine Pleitewelle bei Start-ups im Quantencomputing. Zeitgleich belasten steigende US-Zinsen die börsennotierten Anbieter spürbar: IonQ rutschte zeitweise um rund 2,40 Prozent, D-Wave und Rigetti folgten mit Verlusten. IonQ kommt zusätzlich unter Druck, weil die Übernahme von Elisity vollständig über eigene Aktien bezahlt werden soll. Anleger beobachten nun besonders, wie stark höhere Zinsen künftige Gewinne für diese Wachstumsstory abdiskontieren.

Die jüngste Schwäche an der Wall Street trifft nicht irgendeinen Nischensektor, sondern genau die Aktie-Klasse, die Anleger mit besonders langen Zeithorizonten kaufen: Quantencomputing-Start-ups und -Scale-ups. Gartner stellt in einer Prognose das Marktumfeld bis 2030 deutlich pessimistischer dar, als es viele Investoren bei der Bewertung neuer Quantenanbieter einpreisen. In der Folge rutschen die Papiere von IonQ, D-Wave Quantum und Rigetti Computing über mehrere Handelstage hinweg, weil sich zwei Belastungen überlagern: erstens die Sorge, dass nicht ausreichend Kapital und Marktnachfrage bis zur technischen Reife zusammenkommen, und zweitens die monetäre Bremse durch höhere US-Leitzinsen.
Technisch ist dabei weniger entscheidend, ob ein Anbieter heute bereits leistungsfähige Quantenprozessoren oder spezifische Software-Stacks vorweisen kann, sondern ob sich die Produktversprechen in kommerzielle Umsätze übersetzen lassen. Gartner formuliert als Kerngedanke, dass bis 2030 mehr als die Hälfte der Start-ups im Quantencomputing aufgeben müssen, weil tragfähige kommerzielle Umsätze ausbleiben. Gleichzeitig betont der Bericht, dass der Markt zwar wächst, gemessen an der aktuellen Größe aber bereits „überfüllt“ sei und Kunden Ansätze aussortieren würden, die kein fehlertolerantes Quantencomputing erreichen. Das ist für die Bewertung börsennotierter Unternehmen mit einem großen Erwartungswert-Effekt besonders relevant: Je länger der Weg zu skalierbaren Ergebnissen, desto empfindlicher reagieren Investoren auf Änderungen der Zinsannahmen.
Die Marktsignale sind konkret. Zum Wochenstart lagen die Abgaben je nach Börsenplatz zwischen rund 5 und knapp 9 Prozent: IonQ verlor an der NYSE etwa neun Prozent auf 36,27 US-Dollar, während D-Wave Quantum und Rigetti Computing an der NASDAQ um 5,70 Prozent auf 13,74 US-Dollar beziehungsweise 13,25 US-Dollar fielen. Am folgenden Tag setzte sich die Bewegung fort, auch wenn das Ausmaß variiert: IonQ gab im NYSE-Handel zeitweise um 2,40 Prozent auf 35,40 US-Dollar nach, D-Wave um 1,86 Prozent auf 13,49 US-Dollar und Rigetti stellte stellenweise Verluste von 2,64 Prozent auf 12,90 US-Dollar. Solche Tagesschwankungen sind bei wachstumsgetriebenen Titeln typisch, bekommen hier aber zusätzlichen Treiber durch die zeitlich parallele Diskussion um die künftige Zins- und Konjunkturlage.
Damit kommt der zweite Belastungsfaktor ins Spiel: Zinsangst. Die US-Notenbank hatte den Leitzins im September um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Laut der Mehrheit der Markteilnehmer gilt eine weitere Erhöhung bis zum Jahresende als wahrscheinlich, wobei die Entscheidung über die Sitzungen hinweg ergebnisoffen bleiben soll. Für Quantenwerte ist das ein „Wunderpunkt“, weil viele Bewertungen auf Gewinnen beruhen, die erst in vielen Jahren erwartet werden. Höhere Zinsen bedeuten dabei nicht nur, dass frisches Kapital teurer wird, sondern auch, dass zukünftige Erträge stärker abdiskontiert werden. In der Praxis verschiebt sich damit der Bewertungshebel von „Technologie schafft später Umsatz“ hin zu „Wie überbrückt ein Unternehmen die Zeit bis zum Beweis?“ – und genau hier entscheidet sich, wie schnell Unternehmen ihren Kapitalbedarf decken können, bis die Privatwirtschaft in größerem Stil einsteigt.
IonQ steht zusätzlich unter unternehmensspezifischem Druck. Das Unternehmen übernimmt den Cybersicherheitsspezialisten Elisity für bis zu 1,3 Milliarden US-Dollar, wobei bis zu 150 Millionen US-Dollar als erfolgsabhängige Zahlung vorgesehen sind. Bezahlt wird die Transaktion ausschließlich in eigenen Aktien; wie viele neue Aktien dadurch entstehen, richtet sich nach dem durchschnittlichen Kurs der 20 Handelstage vor dem Abschluss. IonQ legt dabei einen Rechenkurs in einer Spanne von 33,07 bis 49,61 US-Dollar fest. Für Altaktionäre wird diese Struktur besonders dann belastend, wenn der Kurs bis zum geplanten Vollzug im vierten Quartal 2026 nahe an der Untergrenze bleibt: Dann fällt die Verwässerung stärker aus als in Szenarien, in denen der Marktpreis höher notiert. Dass IonQ im Vergleich zur Konkurrenz zeitweise stärker nachgab, wirkt vor diesem Hintergrund weniger zufällig als vielmehr als Mischung aus Branchensentiment und spezifischer Kapitalmarktmechanik.
Was die Prognose von Gartner zusätzlich verkompliziert, ist die Dynamik zwischen Staat und Privatwirtschaft. Bis 2027 soll laut Gartner der öffentliche Sektor größter Abnehmer bleiben: Ausgaben von 219 Millionen US-Dollar im Jahr 2026, steigend auf 245 Millionen US-Dollar. Erst 2028 würden Banken, Finanzdienstleister und Versicherer mit 289 Millionen US-Dollar knapp vor dem öffentlichen Sektor mit 280 Millionen US-Dollar liegen. Bis es jedoch so weit ist, müssen Anbieter nach wie vor ihre Kapitalbasis überbrücken – und genau hier trennen sich die Chancen der Marktteilnehmer. Eine Marktbereinigung, wie sie Gartner nahelegt, könnte zwar für einzelne börsennotierte Akteure Spielräume eröffnen, weil sie länger durchhalten und schwächere Wettbewerber günstiger übernehmen könnten. Gleichzeitig misst Gartner den Abstand zur entscheidenden technischen Hürde am fehlertoleranten Quantencomputing, bei dem keiner der genannten drei Anbieter den Beweis schon vollständig erbracht hat.
Für Anleger rückt damit ein praktischer Zeithorizont in den Mittelpunkt: Was passiert in den nächsten zwei bis vier Quartalen, wenn die Erwartung an die Inflation und damit an die Zinsentwicklung neu kalibriert wird? Als unmittelbarer Belastungstest steht die Veröffentlichung der US-Verbraucherpreise für September an. Danach folgt die nächste Weichenstellung am 28. Oktober, wenn die Fed über den Leitzins entscheidet. In diesem Umfeld treffen sich zwei Mechanismen: Branchenprognosen, die den Kapitalbedarf in der „Übergangsphase bis zur kommerziellen Skalierung“ unterstreichen, und Makrofaktoren, die genau diese Übergangsphase mit höheren Finanzierungskosten verlängern. Genau deshalb werden bei Quantenaktien in den kommenden Sitzungen nicht nur technische Fortschritte beachtet, sondern auch, wie robust die Bilanzen und Kapitalpläne gegen Verwässerung, Zinsen und eine mögliche weitere Marktbereinigung sind.
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